Quer durch Galerien
Ein Blutbad für Vegetarier
Von Claudia Aigner
Achtung, Nachahmungstäter! (Höchste Verwechslungsgefahr!) Ein
paar ambitionierte "Bluter" aus Graz (quasi "Karrierebluter") geben sich
als prominente Absonderer von Wiener Blut aus, nämlich als Hermann Nitsch,
Günter Brus und andere Wiener Aktionisten. Schlimmer noch: Sie
gefährden dabei nicht einmal die Lebenserwartung der Schweine und melken
auch nicht den bummvollen Blutkreislauf von ein paar Rindern, geschweige
denn ihren eigenen. Denn es gibt Indizien dafür (etwa ein Rezept für 500
ml "Filmblut für Arme"), dass nicht einmal das "Wiener Blut" (immerhin ein
Markenname) echt ist, sondern dass es sich hier bloß um ein vegetarisches
Blutbad handelt, also um eine "Vorspiegelung falschen Blutvergießens". Bis
9. März in der Galerie König (Schleifmühlgasse 1a). Wenn die
Künstlergruppe G.R.A.M. hochmotiviert Fotos von Aktionen der Wiener
Aktionisten nachstellt, dann mögen das Fälschungen sein. (Die Fotos sind
richtig, aber die Leute, die drauf sind, sind falsch.) Ein Sakrileg ist es
allemal, denn: Du sollst keine anderen Blut-Choreografen haben neben
Nitsch und keine mittlerweile "emeritierten Sudler"
(Lebensmittelmissbraucher in Rente) neben Muehl. G.R.A.M. machen ihre
Sache aber schon ausgesprochen gut und lustvoll. Mit ihrem Rudolf
Schwarzkogler hätten sie mich glatt hereinlegen können. Freilich hat eine
Mullbindenmumie schon an sich einen sehr hohen "Inkognito-Quotienten".
Schwarzkoglers Medizin-Märtyrer wird ja bis zur Mumifizierung medizinisch
betreut. Die psychophysische Prägnanz dieser effektvoll drastischen
Doktorspiele, die die Möglichkeiten eines Erste-Hilfe-Kastens um
mindestens acht Meter Verbandszeug überschreiten, ist auch beim
gefälschten Schwarzkogler vorhanden. Hochstapler, Trittbrettfahrer,
Scharlatane, Nostalgiker oder einfach Lehrlinge, die, um was zu lernen,
halt die alten Meister kopieren? (Und Cover-Versionen und
"Wiederauferstehungen" sind ja sowieso eine Zeiterscheinung.) Um die Frage
der Authentizität kommt man jedenfalls nicht herum. Na ja, der richtige
Schwarzkogler war aber gewissermaßen auch nur ein Simulant, denn erstens
hat er nicht wirklich sein Blut durch einen Verband am Penis sickern
lassen oder zivilisiert in medizinische Schläuche hineingeblutet, und
zweitens war er das meist gar nicht, da auf den Fotos. Und Authentizität
hin oder her: Die Originalfotos haben ohnedies eine Eigendynamik
entwickelt, entsprechend der blutigen Erwartungshaltung der Leute. Bis hin
zum Selbstkastrationsgerücht, Schwarzkogler wäre an einem intimen
Fleischverlust gestorben. Der Winter ist ein begnadeter Maler. Wilhelm
Scherübl (bis 9. März im Atrium ed Arte, Lerchenfelder Straße 31), bei dem
man nie so recht weiß, wo die Natur aufhört und die Kultur anfängt, legt
etwa monochrom bemalte, noch feuchte Blätter Papier bei Minustemperaturen
vor die Tür, wartet, bis der Winter blumige Strukturen hineingefroren hat,
und "erntet" dann die fertigen "Minusaquarelle" aus der kalten Jahreszeit
heraus. Und die vermeintlich primitive Installation mit der Aura eines
Baugerüsts? Die offenbart ihre Raffinessen erst auf den dritten oder
vierten Blick. Eine Mischkulanz zwischen einem kleinen Garten (mit Eimern,
in denen echtes Gras wächst) und einem eigenwilligen Stauraum. Das mit
Schraubzwingen zusammengehaltene Ding mag zwar nicht sehr einladend
aussehen, hat aber was von einem Andachtsobjekt eines Naturkults, nicht
zuletzt, weil hier getrocknete Pflanzen feierlich "schlafen gelegt"
werden.
Erschienen am: 08.02.2002 |
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