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| 27.08.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Ausstellung Kritik: Die Moderne, eine Fliege im Urinal | ||
| VON JÜRGEN LANGENBACH | ||
| Wie Kunst die Wahrnehmungsweise verändert, will das Wiener Künstlerhaus zeigen. Es gelingt nicht recht. | ||
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Im Urinal sitzt eine Fliege, ganz lebensecht, aber natürlich ist sie es
nicht, der Hersteller hat ein Bild von ihr platziert, auf dass es das Auge
und den Strahl lenke. "Für mich repräsentiert dieses industrielle
Massenprodukt den Anfang und das Ende der neuzeitlichen Kunst", erklärt
Theo Ligthard seine Installation, bei der drei Urinale an der Wand hängen
und ein (vom Künstler selbst erarbeitetes) Video den Gebrauch zeigt: "Am
Anfang steht Giotto, der auf einem Porträt eine Fliege so täuschend echt
gemalt hat, dass sein Meister sie mit der Hand verscheuchen wollte. Am
Ende steht Marcel Duchamp, der zeigte, wie man mit einem industriellen
Objekt auf die moderne Kunst pissen kann." Natürlich gibt es mehr Ebenen,
der Teufel ist der Herr der Fliegen und der Täuschung, das Werk heißt
"Tausch-Täuschung-Enttäuschung". Und darum geht es irgendwie in "Reserve der Form", der
neuen Ausstellung im Künstlerhaus. Nur wie? Es gehe um den "Blick auf die
Welt", erklärt Kuratorin Angelika Fitz, es gehe um die "Möglichkeiten des
zweiten Blicks", überhöht Kurator Klaus Stattmann, es gehe um den
"dritten, vierten Blick" auf Werke und Welt, überbietet Museumsdirektor
Peter Bogner, um "Sein und Schein", "Konstruktivismus und Systemtheorie"
und darum, Erwartungshaltungen zu brechen, "performative Konflikte" zu
erzeugen. Manches springt auch gleich auf den ersten Blick ins Auge, etwa ein 1998 entstandenes Vexierbild von Franziska Maderthaner, "Mac Cunt", was sich als "Burger-Vagina" übersetzt und in allem Realismus auf die Leinwand gebracht ist. Gegenüber hängt noch eine Provokateurin, Valie Export mit ihrem umgeschnallten "Tapp und Tastkino" von 1968, schon etwas angejahrt wie vieles in dieser Ausstellung. 1982 etwa hat Margot Pilz mit einer Fuhre Sand, einer Palme und drei Liegestühlen vor der Karlskirche "Kaorle am Karlsplatz" installiert. 1994 stellte Jochen Traar einen Heizkörper an einer Bushaltestelle auf und veränderte nicht nur den Blick auf den öffentlichen Raum, nützlich war es auch. Mit der "Raum-Station 001" kehrte 1991 ein Zukunfts-Kommunikations-Spielplatz in den 2. Wiener Gemeindebezirk ein, andere zogen aufs Land und imaginierten die Ausgrabung einer Autobahn durch künftige Archäologen. Videos, Fotos, Dias, "sehr heterogen" (Stattmann), Texte natürlich auch: "Man muss nicht wissen, es genügt, einfach zu meinen." Genügt es? Da gibt es Gegenstände, die aus ihrem Rahmen
springen - eine Lampe als Punching-Ball -, da gibt es optische Tricks -
Spiele mit Schatten -, da gibt es verdrehte Perspektiven - ein Haus aus
der Sicht seiner Bauteile -, da gibt es eine Endloskamerafahrt durch ein
Kanalrohr, einen zum Sessel umgebogenen Einkaufswagen, eine
Schmetterlingslarve, die sich zu ihrem Schutz in eine Haut hüllt, die das
Muster von Vogelkot imitiert. Da gibt es alles und jedes, wie in einem
Kuriositätenkabinett, das noch die letzten Reserven des Fundus
mobilisiert, nur eine Klammer gibt es nicht. Auch nicht im Schwerpunkt der Ausstellung, bei der
Architektur: Manche Häuser machen sich klein - mit unauffälligen Häuten,
hinter denen die Raffinesse haust (Hermann Czech: "Haus M"; Jean Nouvel:
"Hotel Restaurant Saint-James"), oder auch mit Verrenkungen, die dem
Nachbarn Schatten ersparen sollen (Ernst Fuchs: "Haus Zirl"). Manche
machen sich groß und besetzen mit aller Chuzpe öffentlichen Raum: Die von
Norbert Müller entworfene Weinbar "Limarutti" in der Grazer Fußgängerzone
hat eine auf die Straße ausfahrbare Schank, jedem seine Subversion. Manche
verrätseln die Landschaft (Walter Pichler, Peter Noever), manche stürmen
ihrem Namen nach (Coop Himmelblau), manche befragen sich: Werner Reiterer
hat einen Teil des Fundaments eines von ihm entworfenen Hauses freigelegt,
um die Standfestigkeit zu prüfen. Das Haus steht, die Ausstellung versinkt eher in Beliebigkeit. "Reserve der Form"? Ja, viele Werke schärfen - bzw. schärften zu ihrer Zeit - die Sensibilität. Aber das leistet jede Kunst, man könnte sie fast damit definieren. Nicht ganz, ein Zitat hängt noch an der Wand, Adolf Muschg: "Wie bringt man eine Figur dazu, dass sie ihr Geheimnis bewahrt und zugleich ein Geheimnis des Autors behütet - auch gegen ihn selbst?" Künstlerhaus Karlsplatz, 27. 8. bis 14. 10.,
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21. |
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