| Salzburger Nachrichten am 18. Februar 2005 - Bereich: kultur
Licht auf die Avantgarde Das Mumok in Wien gibt
mit der Sammlung des russischen Exzentrikers George Costakis einen
Überblick über die Malerei der russischen Avantgarde.
HUBERTUs SEIDLWIEN (SN). Im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
(MUMOK) ist ab heute, Freitag, die "Sammlung Costakis" zu sehen. In
exemplarischer Weise gibt die Wiener Schau mit 350 Werken zu sehen, was
"Russische Moderne" bedeutet. George Costakis (1913 bis 1990) war ein aus Griechenland stammender
Kunstsammler, der im Moskau der Nachkriegszeit über Jahrzehnte Werke
russischer Avantgarde-Künstler erwarb; und das unter ungewöhnlichen
Umständen, war Costakis doch weder Millionär noch stammte er aus einer
besonders reichen Familie. Costakis arbeitete bis 1939 unter anderem als
Chauffeur bei verschiedenen Botschaften in Moskau. Er begann 1946, Werke
der russischen Avantgarde zu sammeln, zu einer Zeit, als diese Kunst vom
russischen Staat verfemt war. Die meisten Gemälde erwarb er direkt von den
Künstlern oder deren Verwandten. 1977 verließ Costakis die Sowjetunion, um nach Griechenland
zurückzukehren. Nach seinem Tod erwarb der griechische Staat die Sammlung,
1275 Werke sind seither in einem eigenen Museum in Thessaloniki zu sehen.
Zur Eröffnung im Mumok ist auch Costakis' Tochter Aliki angereist. Sie
führte durch die von Susanne Neuburger kuratierte Ausstellung und
erzählte, dass ihr Vater nur deshalb nach Griechenland zurück und
Kunstwerke mitnehmen konnte, weil er den Russen einen Teil seiner 5000
Bilder zählenden Sammlung "schenkte". "Mein Vater hatte einen griechischen
Pass, er durfte sich nur eingeschränkt im Land bewegen. Oft habe ich die
Bilder aus den Ateliers geholt und in seine Wohnung gebracht. Künstler wie
Malewitsch, Rodtschenko oder Kljun waren in Russland geächtet, manche
waren so arm, dass sie ihre Fenster mit Zeichnungen abdichten
mussten." Die Costakis-Schau gibt einen eindrucksvollen Überblick über die
Entwicklung der russischen Moderne. Zum einen stellt sie verschiedene
Werkgruppen gegenüber: Die kubistische "Frau auf einer Reise" von Ljubow
Popowa etwa dem "Schwarzen Rechteck" von Kasimir Malewitsch, der mit
diesem Werk seine Theorie von "der reinen Gegenstandslosigkeit der
Objekte" zementierte. Weiters zeigt die Ausstellung sehr gut, wie sich die
russische Kunst jener Tage entwickelte: Der Suprematismus der 1910er Jahre
schlägt in den "Konstruktivismus" über, aber auch naturalistische
Tendenzen kommen ins Spiel, etwa bei Michail Matjuschin. Gezeigt wird auch
so genannte "Produktionkunst": Neben Bühnenbild- und Textilentwürfen
konkurriert die dreidimensionale Assemblage "Luftfahrrad" von Wladimir
Tatlin mit (sicher nicht billigem) Kaffee-Porzellan eines Kandinsky um die
Gunst des Betrachters.Zu sehen bis 19. Juni, Di. bis So. 10 bis 18 Uhr,
Do. bis 21 Uhr. Katalog 450 Seiten, Dumont Verlag, www.mumok.at. |