Salzburger Nachrichten am 6. August 2005 - Bereich: kultur
Die Illusion vom Sinnstiften

Stoppelfelder und Bücher haben Anselm Kiefer zu Kunstwerken inspiriert. Eine Auswahl neuester Arbeiten ist derzeit in Salzburg ausgestellt.

gudrun weinzierl Interview Monumentale Bildlandschaften, bleierne Bücher, in denen nicht erlaubt ist, zu blättern - Anselm Kiefers Welt zieht magisch an, um dennoch unzugänglich zu bleiben. Unter dem Titel "Für Paul Celan" sind seit Donnerstag in der Salzburger Galerie Ropac neueste Arbeiten des deutschen Künstlers zu sehen. Anlässlich der Eröffnung gab Anselm Kiefer den SN ein Interview.

In den gezeigten Werken gibt es einen Bezug zu Salzburg. Sie haben im vergangenen Winter hier fotografiert. Kiefer: Ja, das sind keine öden Landschaftsstriche, sondern schöne winterliche Felder mit Strünken und Stoppeln, die eben vermodern und zeigen, dass hier gepflanzt und geerntet wurde. Das ist der Kreislauf der Natur, der auch für den Kreislauf des menschlichen Lebens, der Welt, der Zeit steht. Ich habe in dieser Gegend eine bestimmte Konstellation von Schnee und Nebel vorgefunden, die in mir etwas wie einen innerlichen Schock hervorrief. Dieses Erlebnis musste ich in Bildern und Büchern bearbeiten.

Bücher bergen und verbergen Wissen. Ihre Bücher sind Unikate, die nur zeitweise öffentlich zugänglich sind. Stellen Sie Ihre Bücher auch in einen Kontext zu alten Bibliotheken wie beispielsweise im Stift St. Peter? Kiefer: Bücher sind für mich seit je etwas Wertvolles und Faszinierendes. Das ist ein schöner, interessanter Gedanke, dass ich meine Bücher an einem Ort mit großer Buchtradition zeigen kann.

Zwischen Buch und Bild besteht ein großer Unterschied. Die Erscheinung des Bildes kann ich sofort erfassen. Mit dem Buch ist der Faktor Zeit verbunden, es ist der Träger von Sedimentationen, weil in ihm ja bestimmte Geschichten abgelagert sind. So verstehe ich auch die Bücherstapel, wie hier die "Arche" oder das "Runen-Gespinst", das sind übereinander gelagerte Schichten von Erfahrung, von Wissen, von Zeit. Sie sind geschichtet wie Sedimentgestein oder unterschiedliche Erdschichten. Auch das verwendete Material für die Bücher, ob Karton, Fotopapier oder Blei verstehe ich in diesem Kontext.

Ihre Themen kehren immer wieder, so als beschwörten Sie stets aufs Neue eine Kraft, einen Geist. Sind Sie primär vergangenheitsorientiert? Kiefer: Natürlich tragen das Buch oder die Landschaften von einem Damals ins Heute, aber auch weiter in die Zukunft. Ich schreite in die Vergangenheit aus und lande in der Zukunft. Der Wert von Vergangenem ist ja erst in der Zukunft ermessbar, wir können Ereignisse aus einer historischen oder mythologischen Zeit nicht erleben und dennoch sind sie da, weil sie ja unser Denken mitbestimmen.

Das Tun - das Schöpferische wie das Zerstörende - des Menschen ist in Ihren Werken immer vorhanden. Wieso tritt aber der Mensch selbst nie in Erscheinung? Kiefer: Das Schöpfen, Wachsen, Kreieren kommt von woanders her - es kommt von Außen. Ich selbst bin nicht so sehr Schöpfer, sondern lasse eine Erfahrung durch mich hindurchgehen.

Ich kann keinen Wald mehr sehen, der nicht ein Mal oder Zeichen der Geschichte in sich trägt. Ob das nun Ruinen in Mexiko sind, aus denen Bäume wachsen, ob Waterloo oder andere Kriegsschauplätze. Wie die Stoppeln am Feld ein Zeichen des einstigen Wachsens sind, so ist die erblühte Blume eine Explosion hin zum Vergehen. Das alles sind Symbole für den körperlichen, menschlichen Metabolismus.

Seit Jahrzehnten begleitet Sie die Mythologie, die griechische, vor allem aber die germanische, ist das Ihre Art des Glaubens? Kiefer: Vom Schöpfergott bin ich abgerückt. Mir steht der jüdische Mystizismus mit einer anderen Vorstellung von Weltentstehung näher, nämlich Gott als das Alles hat sich an einer Stelle zurückgezogen und hat dadurch die Welt sich entstehen lassen. So verstehe ich auch das künstlerische Arbeiten: sich zurücknehmen und etwas sich entstehen lassen.

Die Zahlenmystik der Kabbala und generell sind Zahlen wichtige Zeichen in Ihrem Werk. Kiefer: Wir wissen nicht allzu viel über die Entstehung und das Bestehen der Welt. Auch die Wissenschaft als vermeintliches Mittel endgültiger Beweise und Eindeutigkeit, bringt uns nicht wirklich weiter. Der Mensch weiß, dass nichts einen Aufschluss über den Sinn der Welt geben kann, je mehr man an Fakten weiß, desto disparater wird man. Das Grundbedürfnis nach Klärung der Fragen des Woher, Wozu und Wohin bleibt bestehen. Wie wir ein Bild als Ganzes erfassen, möchten wir die Welt als Ganzes erfassen. So wurden die Mythen, die Alchemie, die Kabbala als Möglichkeiten, die Welt und das Unheil in ihr zu erklären, erfunden. Die Zahlen sind Symbole für Exaktes.

Wie in den beiden großen stehenden Bleibüchern am Beginn der Ausstellung, die den Titel "Life of Plants" tragen? Kiefer: Die vielen vielstelligen Zahlen auf den Seiten sind Benennungen der NASA für die einzelnen Sterne am Firmament. Hier verweise ich auf eine Lehrmeinung aus dem 15. Jahrhundert, dass jeder Pflanze hier auf Erden ein Stern am Himmel zuzuordnen ist. Mythos und Wissenschaft, Mikrokosmos und Makrokosmos begegnen und entsprechen einander.

Warum sind erstmals Runen - als die nordische Variante der Weissagung - in Ihren Bildern aufgetaucht? Kiefer: Auch die Runen lagen schon lang in meinem Kopf. Ich wusste nicht, wo das hingeht, aber irgendwann sahen diese Stoppeln auf den Feldern wie Runen aus.

Paul Celan, dem ich diese Ausstellung widme, und dessen Dichtung meine Arbeit seit langem mitbestimmt, hat ebenfalls das Thema Runen aufgegriffen. Es gilt die Runen aus ihrer üblen Verwendung durch die Nationalsozialisten, beispielsweise der Siegesrune als Zeichen der SS herauszulösen.

Wenn ich Haar, Gips, Stroh, Harz, Blei oder hier bei den Runen kleine Holzstückchen als Material in meiner Arbeit verwende, so verstehe ich Material als Mahnmal, in das der Geist bereits eingeschlossen ist. Ich stifte nicht Sinn, sondern die Illusion eines Sinns.Anselm Kiefer: "Für Paul Celan" in der Galerie Ropac am Mirabellplatz in Salzburg, bis bis 3. September