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MUMOK: Die Foto-Arbeiten von Jeff Wall

Die neue schattenlose Kunst des Dokumentierens

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

300 Jahre Wiener Zeitung!Lange Jahre war Jeff Wall in Österreich durch seine Documenta-Beiträge zwar bekannt, es war ihm aber noch keine Einzeldarstellung gewidmet. Die schlicht "Jeff Wall. Photographs" betitelte Schau des MUMOK von Kurator Achim Hofdörfer holt gleichzeitig mit einem Ankauf eines seiner charakteristischen Dia-Leuchtkästen, "Man with a Rifle" (2000), dieses Versäumnis nach. Damit will Direktor Edelbert Köb auch seine neuen Akzente in der Sammlungspolitik des Hauses setzen.
Dass der Künstler aus Vancouver (geb. 1946) nur in originalen Arbeiten und nicht mit Abbildungen verständlich wird, liegt an seiner Präsentation neuer Fotografie der postkonzeptuellen Jahrzehnte: Er wird nicht zuletzt als Maler mit der Kamera bezeichnet. Die Großformate werden in Leuchtkästen montiert; das Licht kommt von innen, es ermöglicht eine fast schattenlose Sicht auf die semi-dokumentarischen Darstellungen. Sichtbar hat sich der alte zentralperspektivische Blick in das Scheinfenster Albertis gewandelt: Das leuchtende Bildobjekt kommt den Betrachtern entgegen und lebt aus dem elektrischen Licht, das mit dem 20. Jahrhundert unsere Welt (vor allem in der Stadt) vollkommen verändert hat.
Diese Belange sind wichtig für den auch als Kunsthistoriker in ständigem theoretischen Dialog mit Werken der Geschichte, aber auch dem Film, der Fotografie usw. schaffenden Künstler. In den siebziger Jahren hat er diese, seine typische Bildform entwickelt und auch die Fragen nach Zerstörung, Veränderung und Ende des Bildes etwa mit "The Destroyed Room" (1978) mitdiskutiert. Seine Arrangements können erkennbare Nachempfindungen von bekannten Kompositionen wie Hokusais "A Sudden Gust of Wind" (1993) sein, oder er fotografiert Architektur (wie den Barcelona-Pavillon Mies' van der Rohes); Schnappschüsse sind selten - beobachtete Szenen werden mit Freunden und fremden Schauspielern (besser DarstellerInnen) rekonstruiert und nachgestellt.
Ergebnis ist eine besondere Vielschichtigkeit möglicher Interpretationen, die auch eine wichtige gesellschaftlich politische Ebene integrieren, vor allem bei den Straßenszenen. Reportage in Form einer rekonstruierten Illusion (eigentlich ein Oxymoron) bringt tatsächlich die beiden Medien Malerei und Fotografie in Übereinstimmung, dies ist Wall bewusst, auch die neuen Formen von Perspektive, die er anwendet. Kinematografie und Pathosformeln sind wesentlicher als die Errungenschaften der konventionellen Fotografie.
Der Kurzzeitprofessor in der Nachfolge der Bechers in Düsseldorf (nachdem ihn ein abgewiesener Student mit einer Waffe bedroht hatte, legte Wall die Anstellung zurück) hat auch viele Texte zur Kunst verfasst, in denen er seine zum Teil kritisierte Kampfposition gegenüber dem Kapitalismus klarstellt. Am besten zeigen das jedoch seine Sujets, die durch Überzeichnung der Gesten das Maß an Unfreiheit der Menschen durch Steuerung außerhalb des Willens aufzeigen sollen. Wie weit die kapitalistische Kontrolle durch Übernahme ihrer ureigensten Zeichen und Mechanismen mit der Kunst widerständig bleibt, wird auch im Katalog von Lisa Joyce und Fred Orton diskutiert.
Die Begegnung mit den zwei Formaten von Leuchtkästen und den schwarz-weißen und farbigen Werken Jeff Walls bis 25. Mai ist jedenfalls eine sehr spannende - wenn auch in manchen Bereichen etwas zu dicht gehängt wurde und manches prominente Beispiel abgeht. Parallel dazu sind in der Factory des Museums ebenso interessante Beiträge der Videokunst aus Polen unter dem Titel "Öffentliche Rituale" zu sehen.

Erschienen am: 14.05.2003

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