Salzburger Nachrichten am 1. September 2005 - Bereich: kultur
Salzburgs Mozarteum im Umbruch

In der Universität Mozarteum stehen viele Neuerungen an. Doch bringen Bürokratie und Reformen Unruhe in die Lehrerschaft. Und nun droht Konkurrenz in Innsbruck.

KARL HARB Interview Die Kunstuniversität Mozarteum in Salzburg rüstet sich nicht nur für das Mozartjahr 2006. Sie wird die zweite Universitätsreform binnen fünf Jahren umsetzen und ist dabei ein Vorreiter in Österreich. Sie ist die erste Kunstuniversität, die sich hat evaluieren lassen. Und am 1. August 2005 hat der Universitätsrat in einem Entwicklungsplan neue Ziele vorgegeben. Zum Beispiel ist die Kompetenz in der Mozartinterpretation zu stärken, Kooperationen mit Salzburger Institutionen sind zu intensivieren, Synergien sind herzustellen. Universitätsrektor Roland Haas erläutert im SN-Gespräch Schwierigkeiten und Chancen der "neuen" Universität.

Welche Unterschiede gibt es zwischen der früheren Hochschule für Musik und darstellende Kunst und der heutigen Kunstuniversität? Haas : Die Kunstuniversität ist kein Verwaltungsbetrieb mehr. Das neue Gesetz stellt die Universitäten frei, ihr Budget ist auf drei Jahre garantiert. Für 2007 wird das Budget erstmals nach den neuen Kriterien vergeben.

Man schließt eine Leistungsvereinbarung mit der Ministerin (Elisabeth Gehrer, ÖVP, Anm.) ab. Die hat zur Voraussetzung, dass auf Grund einer Evaluierung ein Entwicklungsplan erstellt ist und dass eine so genannte Wissensbilanz der Universität vorliegt. Dies ist ein immenser bürokratischer Aufwand.

Welche Ergebnisse hat diese Evaluierung gebracht? Haas: Die Universität Mozarteum war die erste der österreichischen Kunstuniversitäten, die im Jahr 2003 evaluiert worden ist. Wir wurden von Fachleuten aus Finnland, Holland, Norwegen, Deutschland geprüft, Musikern, Pädagogen, Dramaturgen, auch ein Biologe war darunter. Das Ergebnis besagte, dass die Breite des Angebots sehr gut ist. Diese "Breite" muss man allerdings relativieren: Wir geben 85 Prozent unseres Budgets für die Musik aus. Die Fachleute haben zum Beispiel auch festgestellt, dass unsere Schauspielausbildung sehr gut läuft.

Kritisiert wurde, dass wir viel zu viel Geld für Personal ausgeben. Wir mussten dazu sagen, dass wir ein hiesiges Tarifrecht haben. Also wurde vorgeschlagen, andere Tarifverträge zu machen.

Was bedeutet dies für die Praxis? Haas: Eine Konsequenz ist: Wir sollten die Breite des Angebotes erhalten und qualifizieren. Wir wollen vorzeitig nichts aufgeben, keine Institute schließen.

Überprüfbare Leistung wird erforderlich Wir versuchen zudem, bestimmte Dinge zu forcieren, die mit Salzburg zusammenhängen, etwa Fragen der Mozartinterpretation. Hier müssen wir Kompetenz erwerben, speziell aus dem barocken Hintergrund und im Umfeld Salzburgs. Dazu wird ein Institut gegründet, das Josef Wallnig leiten wird.

Ein anderes Ergebnis: Es gibt zu wenig Dialog zwischen den Abteilungen. Daher gründen wir jetzt so genannte Studios, etwa für Alte Musik oder Neue Musik. Für diese werden mehrere Abteilungen - wie Tasteninstrumente, Streicher, Bläser - zusammenarbeiten. Allerdings: Es ist nicht einfach, dass sich mehrere Abteilungen in ein Boot setzen.

Seit eineinhalb Jahren gibt es auch eine Kooperation mit der Paris-Lodron-Universität. Die Bühnen- und Opernklassen nutzen hier schon künstlerische und wissenschaftliche Synergien.

Das heißt, es muss mehr spartenübergreifend gedacht werden? Haas: Charakteristisch für das neue Gesetz ist die Leistungsorientierung. Man klettert als Professor oder Vertragslehrer nicht wie früher in der Beamtenhierarchie bei stetig wachsendem Lohn nach oben, sondern jeder Lehrer muss evaluiert werden. In Bayern werden zum Beispiel Professoren nur nach einem Grundlohn eingestellt, zusätzliche Leistungen werden definiert und bezahlt.

Ein Vergleich: Die Universität Mozarteum hat 118 Professuren, 130 fast unkündbare Lehraufträge. 185 Positionen können mit befristeten Verträgen bis zehn Stunden besetzt werden. Das Royal College in London hat nur zwanzig Professuren, dafür 200 Lehraufträge, und das für die bestmöglichen Kräfte.

Wir wollen aber auch wissen, ob die Studenten zufrieden sind. Das Gesetz stellt da auf die Nutzer ab.

Wie reagiert man im Lehrkörper auf die neuen Vorgaben? Haas: Viele Gesetzesvorgaben sind ungewohnt. Dies erfordert größtmögliche Offenheit in der Debatte.

Trotzdem ist ein Umdenken ist im Gange. Wo steht der Prozess derzeit? Haas: Wir haben den Entwicklungsplan im Senat am 22. April 2005 nach langer, sorgfältiger Diskussion einstimmig verabschiedet. Wir haben Ziele der Abteilungen beschlossen und mit den Abteilungsleitern diskutiert, wie diese erreicht werden. Die Streicher wollen sich beispielsweise mehr auf Kammermusik verlegen, die Pianisten wollen stärker die Wiener Klassik erarbeiten. Das Mozartjahr 2006 ist für uns Anlass, die Kompetenz für Mozart zu stärken. Darauf hat man sich fachübergreifend festgelegt.

In welchem Zeitraum denken Sie?

Haas: Drei Jahre, von 2007 bis 2009. So will es das Gesetz, wir fangen aber schon 2006 an. Musikhochschulen geraten ja in immer stärkere Konkurrenz.

Geht da der Universitätsrat mit? Haas: Er hat den Entwicklungsplan angenommen, ein paar Auflagen gemacht, die sind korrekt.

Und wie steht es um die Finanzen? Haas: Wir haben eine konsequente Politik, kein Defizit zu machen. Es ist sichergestellt, dass unsere Universität 2007 bis 2009 schuldenfrei diesen Weg gehen kann.

Wie viel wir an zusätzlicher Entwicklung machen können, hängt davon ab, ob wir von der Bundesregierung 2006 dafür Geld bekommen. Die Ministerin hat angekündigt, sie wolle eine spezifische Profilierung besonders unterstützen.

Wie viel Geld haben Sie konkret, wie viel brauchen Sie für neue Entwicklungen? Haas: Das Gesamtbudget beträgt derzeit rund 30 Millionen Euro, über 80 Prozent davon sind Personalkosten. Für die angesprochenen neuen Entwicklungen, die ja gesetzlich gefordert sind, veranschlage ich einen Betrag von zwei Millionen Euro.

Wie steht es um die Absiedlung von Instituten? Haas: Das ist eine Gefahr. Sie resultiert daraus, dass das Land Tirol (und Landeshauptmann Herwig van Staa, ÖVP, Anm.) darauf drängt, eine eigene Kunstfakultät für Musik, Kunst und Werkerziehung einzurichten.

"Mozarteum" als österreichische Marke Hat Innsbruck eine Kunstfakultät mit gleichem Angebot wie Salzburg, könnte das Ministerium das Tiroler Angebot vorziehen. Das Mozarteum stünde dann mit seinen Lehrenden, zu geringen Aufträgen und zu wenig Budget da.

So könnte die Verlagerung mit Hilfe des Ministeriums eingeleitet werden. Dann wird man vielleicht anbieten, das Salzburger Personal nach Innsbruck zu überstellen, denn der Bund zahlt es ohnedies.

Eine solche Entwicklung wäre falsch. Die Universitäten sollen Profil zeigen - das ist gut. Aber doch nicht alle 150 Kilometer das Gleiche! Und Kunstausbildung ist nicht mit einem österreichischen Bundesland gleichzusetzen, sondern mit fachlicher Kompetenz! Die Universität Mozarteum in Salzburg ist weltweit ein Markenzeichen für die Musikausbildung in Österreich.