| Salzburger Nachrichten am 25. Oktober 2005 - Bereich: Kultur
Filme machen am großen Strom Blick in den Osten: Die
Viennale ermöglicht einen intensiven Blick auf das asiatische Kino
WIEN (SN). Stärker als sonst ist beim traditionellen Blick der Viennale
auf asiatisches Filmschaffen heuer das japanische Kino vertreten.
Abgesehen von "Takeshis", einem furiosen und romantischen
Yakuze-Verwandlungsspiel, werden dabei leise Töne angeschlagen. So beleuchtet Kobayashi Masahiro in "Bashing" den Leidensweg einer
jungen Menschenrechtlerin im Nahen Osten, die als Geisel festgehalten und
nach ihrer Rückkehr als Vaterlandsverräterin gepeinigt wird. Der Film
offenbart einen Ausgrenzungsprozess, der auf die ganze Familie
übergreift. Hart und konsequent bleiben Valerie Bruni-Tedeschi und Bruno Todeschini
im Scheidungsdrama "Un Couple parfait" von Suwa Nobuhiro. So, wie das Paar
zueinander Distanz hält, so distanziert blickt auch die Kamera in starren
Einstellungen auf den Stellungskrieg des "perfekten Paares", das sich am
Scheideweg zwischen endgültiger Trennung und möglicher vorbelasteter
Neuannäherung im Spiel der gegenseitigen Verletzungen ergeht. Der
unterbelichtete Grundton des Films, die trennenden Türen, das
provisorische Beistellbett im Hotelzimmer, Suwas sparsamer Einsatz von
sich überlagernden Tonspuren in der Öffentlichkeit (im Restaurant, am
Bahnhof) steigern das Gefühl der Beklemmung, das sich von den
Protagonisten auf der Leinwand unweigerlich auf das Kinopublikum
überträgt. Der Film ist eine von zwei französisch-asiatischen
Koproduktionen, die bei der Viennale zu sehen sind und in ihrem Stil vom
französischem Arthouse geprägt sind. Der südkoreanische Regisseur Hong Sangsoo ist, wie Suwa, 1960 geboren
und pflegt ebenfalls einen speziellen asiatisch-französischen Stil. In
"Keuk jang jeon" ("Tale of Cinema") verschränkt er virtuos eine
Filmgeschichte im Film und deren Hauptfiguren. Facettenreich präsentiert sich auf der Viennale das chinesische Kino:
Ein Special würdigt den weiblichen Stummfilmstar Ruan Lingyu. Ein
trist-berührendes Migrationsschi cksal einer jungen Koreanerin in China im
Stile des Neorealismus zeigt "Zhang Lu". In "Alien" wird konsequent die
Aufhebung von klar definierten dokumentarischen und fiktiven Teilen
vollzogen. Ein Dokument eines China zwischen Fortschritt und Zerstörung liefert
"Yan Mo". Die Errichtung des Staudamms "Drei Schluchten" am Yangtse
bedeutet für Millionen Menschen den Verlust ihrer Existenzsicherung. Am
Beispiel von Fengjie, wo es im Jahr 2002 zur Zwangsräumung und Zerstörung
der Häuser der Bevölkerung kam, zeigt sich vor allem Misswirtschaft.
Ungeklärte Entschädigungspolitik, allein gelassene Obdachlose,
Aggressivität auf den Straßen und den Plätzen beim Mahjongspiel: Das Lied
des Fortschritts mit seinem Appell "Auf zu einer großen neuen Zeit im
Wohlstand" erscheint hier wie Hohn. PIA FEICHTENSCHLAGER |