Warum der Griff zum Künstlerkurator nicht immer
Glück für die ausstellenden Künstler bedeutet
"Crossover" lautet die Kunst-Devise
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Albert Oehlen kuratiert im Essl Museum. Foto: Essl Museum/Garzarolli
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Selbstüberschätzung hat den Kuratorenberuf in Misskredit gebracht.

Harald Szeemann als Gegenteil der heutigen
"Kunstverwurster".
Der Maler Albert Oehlen, bekannter Vertreter
der "Neuen Wilden" aus Deutschland, kuratiert die Ausstellung "Schönes
Klosterneuburg". Sie zeigt ab Freitag eine persönliche Auswahl von
Gemälden und Skulpturen der Sammlung Essl. Davor hat er in Wien im Juli
bereits in dem Galerienprojekt "Curated by" mitgewirkt. Das Präsentieren
von Ausstellungen ist häufige künstlerische Praxis geworden.
Das liegt zum einen am Versagen der Kuratoren, zum anderen ist es
offenbar Mode. "Crossover" ist das Zauberwort in Kunst und Wissenschaft –
nach inter- und transdisziplinär. Die kulturwissenschaftlich geachtete
Methode, im Gebiet des anderen zu forschen, ist im
Ausstellungsgeschehen, kritisch gesehen, eine Fehlentwicklung. Denn
Ausnahmegestalten wie der kürzlich verstorbene Christoph Schlingensief,
der sogar Theater und Politik in die Kunstpräsentation zu verknüpfen
vermochte, sind selten.
Managerqualitäten gefragt
Unter den Kunstsammlern sticht nur Helmut Zambo positiv als Kurator
hervor, Peter Weibel ist seit jeher zwischen seinen Berufungen
unterwegs. Er ist sogar einer der wenigen Museumsdirektoren, die
besondere Ausstellungen machen, allerdings leidet unter der
zeitraubenden Praxis die eigene Kunstproduktion. Im Allgemeinen sind
Kuratoren-Direktoren kein Aushängeschild mehr, heute sind in Museen und
Kunsthallen in leitender Position eher Managerqualitäten gefragt als
wissenschaftliche oder künstlerische.
Unter den vielen bekannten Kuratorennamen sind wenige Frauen – zum
Glück gab es Catherine David als Documenta-Chefin; bekannt durch
ausgefallene Ideen wurde die Schweizerin Erika Billeter und immerhin
werden die Beiträge zur Biennale in Österreich nun nach dem Team
Export/Eiblmayr von Eva Schlegel bestimmt. Aber auch dabei ist das
Dilemma der Künstlerinnen im nahen Kollegenbereich zu wassern. Vorwürfe
mangelnder Objektivität fallen oft. Den Kunsttheoretikern wirft die
Künstlerschaft vor, sich wenig um Qualität in der Kunst zu kümmern und
sich eher selbst zu Kunstkönigen zu stilisieren, als ob der kreative
Teil ihnen zustünde.
Schwarze Schafe gibt es tatsächlich auf beiden Seiten. Manche werden
derzeit sogar wegen ihrer Schwärze geliebt. Die Künstlergruppe gelitin
etwa verbietet sich überhaupt den Kuratoren.

Der "heimliche
Künstler" unter den Kuratoren: Der Schweizer Museumsleiter und
Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Foto: epa
In den letzten 20 Jahren ist der Kuratorenberuf negativ ins Gerede
gekommen. Nachdem schon ab 1990 der erste "Hype" der neu entstandenen
Zunft vorüber war. Manisha Jothady hat die veränderten Anforderungen für
den Kunstbetrieb im Mai auf dieser Seite thematisiert. Trotz
Personenkult für machen Kurator kamen alle doch nur peripher an den
legendären Ausstellungsmacher Harald Szeemann (1933– 2005) heran. Heute
ist er der vorbildliche Vertreter und schon 1989 wurde er von Wieland
Schmied als "heimlicher Künstler" bezeichnet. Anders als die anderen
wurde er von der Documenta 5 (1972) bis zu "Blut und Honig" in der
Sammlung Essl als "wilder Denker" und "akribischer Visionär" beschrieben
– von seinen zahlreichen Berufen ist der des freien Kurators seine
Berufung geworden. Er wird von Oehlen noch heute gelobt und als
Gegenteil der "Kunstverwurster" gesehen. Diese Polemik ist zum einen
berechtigt, zum anderen irrt Oehlen, wenn er meint, dass Künstler sich
selbst oder andere Künstler besser präsentieren. Immerhin gibt er zu, er
wolle keine Documenta oder Biennale lenken.
Der Kurator als Kunstkönig
Der Kurator hat sich nicht nur als Kunstkönig unbeliebt gemacht,
sondern auch, weil er nicht irgendwann gegen den unglücklichen Begriff
angekämpft hat: Kurator ist ein altertümlicher Ausdruck für Vormund,
Verwalter, Pfleger – so was will keiner für seine Kunst. Doch wie der
von Szeemann bekämpfte Begriff Avantgarde aus barockem Kriegsvokabular
halten sich Unwörter hartnäckig, wahrscheinlich wäre die Rolle eines
"Konzeptors" für ein gelungenes "Zeigen" von Kunstwerken sehr viel
besser. Als solcher ist es verständliche Schlüsselstellung zwischen
Künstler und Publikum. Von beiden Seiten verstehen allzu theoretische
denkende Ausstellungsmacher oft genauso wenig wie die Künstlerkuratoren,
die meist nur ihresgleichen als Publikum sehen wollen.
Selbstüberschätzung und Fehler haben den Kuratorenberuf in Misskredit
gebracht: Wahrscheinlich sollte er nämlich drei Dinge vernetzen, doch
wird hinter dem Werk der Künstler oft nicht mehr gesehen, ja manchem
Theoretiker ist dieser egal.
Meist ist das Inszenieren der eigenen Person Zeichen fehlender Ironie
und Erkenntnis, dass Hängung und Aufstellung – so kongenial sie sein
mag – nicht mehr ist als ein Arrangieren. Auslagendekoration kann
bekanntlich auch Kunst sein. Was Künstler selten können, ist eigene
rezente Werke mit genügend Abstand sehen und eine kritische Auswahl
treffen. Von persönlichen Vorlieben und Geschmack auszugehen kann aber
auch anderen Künstlern schaden. Solche Ausstellungen beziehen dann nur
affirmativ zum Werk Position, isolieren es oft von anderen in
sakrosankte Räume und lassen keine überraschenden Vergleiche, Nebenwege
in weitere Denkräume oder kritische Mischung und Wettbewerb mit anderen
zu. Selbstkritik ist ein rares Gut – so gibt es auch berühmte Künstler
wie Hermann Nitsch, die sich mit der Isolierung ihres Werks
provinzialisieren und somit sich und den Betreibern eines Museums
schaden.
Interaktive Spielfaktoren
Der Crossover-Künstler der jungen Generation als Kurator, oft
zusätzlich Kritiker, kommt schon eher an den Berufskurator heran. Doch
hängt auch er meist zu dicht und verhindert damit Überraschungseffekte
für das Publikum. Nötige interaktive Spielfaktoren in Richtung Publikum,
bei Aufstellung, Hängung und im Ausgleich zwischen Dunkelräumen mit
neuen Medien und verschiedenen Beleuchtungen sind erst bei längerer
Erfahrung für Spezialisten sichtbar. Abgesehen vom Konzept: Thematisch
ungewöhnliche Ausstellungen, die in Erinnerung bleiben oder sogar
Kunstgeschichte schreiben, sind selten – Szeemann hat solche gemacht,
auch Werner Hofmann, Kaspar König, Christoph Vitali, Peter Weiermair
oder Achille Bonito Oliva. Natürlich sind auch sie kritisiert worden,
aus genannten Gründen und vor allem weil seit 1993 die große
Themenausstellung für tot erklärt wird, auch wenn sie immer noch
stattfindet.
Ihre Sprachschöpfungen sind in die Kunstsprache eingegangen wie
Szeemanns "Individuelle Mythologien" oder Hofmanns "Chaosmos". Die
Erweiterung sinnlicher Faktoren wird immer wesentlicher – so kommt zum
Hören und Tasten vielleicht auch noch das Riechen. Für den
Alltagsgebrauch sind die Kuratoren der Wiener Museen aber auch ohne
Pochen auf ihre Namen zum Großteil hervorzuheben, denn sie leisten oft
bessere Arbeit, als ihre Direktoren zugeben. Doch die Kunstberufe sind
allesamt im Wandel, was die vielen Querungen erklärt. Unübersichtliches
Chaos ruft Krisenstatistiker auf den Plan, in Ausstellungen aber ist
unüberlegtes Durcheinander nicht verständlich, nur eine inhaltlich
begründete Akkumulation von Bildern, Objekten oder Monitoren macht die
wiederentdeckte Salonhängung zur witzigen Abwechslung oder Leitmotive
eindringlich. Teamwork aller ist hier Ziel führend, das alte Misstrauen
zwischen Künstler und Kurator/Konzeptor sollte – bei gegenseitigem
Respekt auf Augenhöhe – endlich wegfallen.
"Schönes Klosterneuburg. Albert Oehlen hängt Bilder der Sammlung
Essl" ist vom 10. September bis 8. Mai 2011 zu sehen. http://www.essl.museum
Printausgabe vom Mittwoch, 08.
September 2010
Online seit: Dienstag, 07. September 2010 17:59:00
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