Salzburger Nachrichten am 07. März 2003 - Bereich: kultur
Die Schönheit der Geschwindigkeit

Das Kunstforum Wien zeigt eine umfassende Futurismus-Ausstellung

Um 1900 griffen in Italien radikale Ideen um sich, um das Land aus seiner künstlerischen Isolation zu befreien. Die italienische Malerei war in Bedeutungslosigkeit gefallen, das Erbe der Renaissance übermächtig. Zum geistigen Vater der neuen Bewegung entwickelte sich der Dichter Filippo Tommaso Marinetti, der seine Überzeugungen am 20. Februar 1909 als "erstes futuristisches Manifest" formulierte. Darin preist Marinetti "die Schönheit der Geschwindigkeit" und formuliert den berühmten Satz, dass "ein Rennwagen schöner ist als die Nike von Samothrake". Ein Jahr danach verkündigten Umberto Boccioni, Carlo Carra`, Luigi Russolo, Giacomo Balla und Gino Severini in Turin das "erste Manifest der futuristischen Malerei".

Der Futurismus geriet etwas in Vergessenheit, weil einige Protagonisten mit dem Faschismus Mussolinis sympathisierten und die Verherrlichung des Krieges als Manifestation der Macht zum Programm machten.

Erstmals in Österreich präsentiert das BA-CA-Kunstforum in Wien unter dem Motto "Radikale Avantgarde" eine umfassende Schau über die futuristische Bewegung. Die Schau legt den Akzent auf das Revolutionäre der Richtung, die zwischen 1911 und 1918 ihre Hochblüte erlebte. "Die heftige Erregung der Bewegung, der Taumel der Aktion", die Maschinenwelt, der Lärm und die Vibration der Großstadt sind die Themen der Futuristen. Stilistisch sucht der Futurismus sein Ideal in der bildlichen Veranschaulichung der Bewegung: Gegenstände werden vielfach aufgesplittert, dynamische Kraftlinien betont.

Im Nachtlokal, auf dem Bahnhof, Auto in Fahrt

Umberto Boccionis farbintensives Gemälde "Das Lachen" von 1911 symbolisiert die Aufbruchsstimmung und dokumentiert ein weiteres Hauptanliegen der Futuristen: die Darstellung gleichzeitiger Ereignisse, hier des Geschehens in einem Nachtlokal in einer geradezu rauschhaften Bewegung.

Boccioni ist der "Kopf" der Futuristen, aber auch Carlo Carra`s "Bahnhof in Mailand" komprimiert in seiner dynamischsogartigen Ausstrahlung futuristische Ideale. Gino Severini ist der Dekorativste der Gruppe, wie seine "Tänzerin" beweist. Die Geschwindigkeitsbesessenheit des Futurismus dokumentiert vielleicht aufs Reinste Giacomo Balla in signifikanten Werken, etwa "Auto in Fahrt".

Das Kunstforum präsentiert auch futuristische Skulptur und Architektur sowie typografische Experimente mit dadaistischen Wortspielen. Eine "zweite Generation" der Futuristen mit Namen wie Fortunato Depero, Enrico Prampolini, Mario Sironi oder Ottone Rosai widmet sich einem gemäßigten synthetischen Kubismus.

Originalmanifeste, Flugblätter der Bewegung fehlen ebenso wenig wie Beispiele für die Mode oder Bühnenbildentwürfe. Futurismus bedeutet aber auch Lärm, Geräusch. So bildet ein rekonstruierter "Lärmtöner" den Schluss dieser außergewöhnlich konzentrierten Schau.

GÜNTHER FROHMANN

Bis 29. Juni, tgl. 10-19 Uhr, Fr. bis 21 Uhr.