Quer durch Galerien
Der Welt die Kugel geben
Von Claudia Aigner
Sein selbstgemachtes Baby hat er sich wie einen Semmelknödel
domestiziert. Das liegt also den ganzen Tag brav auf dem Teller und ist
kugelrund. Könnte folglich, wenn das Geschirr nicht wäre, nach Lust und
Laune in der Welt herumkugeln. Heinz Frank (bis 10. Mai beim Hummel,
Bäckerstraße 14): "Die Kugel g'hört einfach in die Welt g'legt. Noch dazua
is ungebrannt. A Gatsch. Wanns dann regnet, is futsch - was mi a
interessiert." Der Teller ist übrigens die Erziehung. (Selbstverständlich
handelt es sich "bloß" um ein Kunstwerk. Titel: "Der Säugling.") Für
Poesie hab' ich ja höchstes - und sogar bescheinigtes - Verständnis (als
diplomierte Alphabetin, sprich als Germanistin). Deshalb ist es mir
natürlich nicht entgangen, dass Heinz Frank ein "erweiterter Poet" ist,
der auch zeichnend und knetend dichtet. Aber erst, wenn das Ding schon
seinen Titel hat. Frank: "Das Wesentliche sind die Texte. Weil ausschaun
kenntats auch anders." Da wird er mir also eh nicht bös sein, dass ich mir
zwanghaft-intuitiv ein eigenes Bild gemacht habe von seinem Opus "Das Loch
- der endlose Ort meiner Endlichkeit". Nein, nicht was Sie jetzt denken.
Das ist keine Umschreibung für Impotenz. Klingt aber trotzdem
unanständig-anatomisch, irgendwie so unzölibatär. "Die Frage des
Schattens auf die Antwort des Lichts" - das hat mich zunächst überfordert
(naturwissenschaftlich). Und irgendwann hat sich dann mein Verstand aus
meinem Denken ausgeklinkt. Nämlich spätestens als mir der Gedanke kam:
"Oba des Licht woa doch vuaher do, nicht die Henne." Aber sobald man sich
dem dazugehörenden Objekt ganz unschuldig anvertraut (einem "leeren"
Bilderrahmen bzw. eher einem gezackten Holzzaun, der ein Stück Wand
einfriedet und bildschöne Schatten wirft), kommt einem die erlösende
Erkenntnis: "Is doch eh alles klar: Das Licht stellt die Antwort und der
Schatten gibt die Frage." Man muss freilich vorher ein bissl seine
"poetische Logik" einschalten. Der Frank hat schon recht: "A Text entsteht
duat, wo ma ned hinsieht" (außer vielleicht die Psychiater. Die schaun bei
einem da oben ja ungeniert rein, die "Hirnvoyeure", die den Freud direkt
an der Quelle kitzeln: im Es). Franks Arbeiten sind zerebral höchst
stimulierend (ich vermute sogar: in beiden Gehirnhälften). Mich zu
beflügeln gelingt seinen meist schlichten, einprägsam physischen Plastiken
allerdings besser als seinen Zeichnungen. Schon wieder so ein
Original, so ein Künstler, der gemeinsam mit seinem Œuvre ein
Gesamtkunstwerk ergibt: Erwin Weilguny (bis 9. Mai im Celeste,
Hamburgerstraße 18). Der ist ja nicht nur "Tubenwürger" (Maler), sondern
auch Musiker, Weltenverunsicherer (Reisender), freier Kameramann und
unpünktlich. Da ich selber noch unpünktlicher war als er, bei unserem
Treffen, kann ich Letzteres nicht bestätigen. (Sein Satz "I bin afoch ned
fertigwoan, wie immer" bezieht sich sowieso nur auf eine Arbeit, die jetzt
eben unmerklich-unfertig in der Ausstellung hängt.) Als Bergführer hat es
ihm aber mitunter schon das Leben gerettet, zu spät zu kommen (später als
der Stein). Sogar den Saharasand kennen seine Füße persönlich, seit
seiner "Oasensänger-Periode": "Acht Tage bin i immer gradausgangen, mit
zehn Liter Wasser." Seine Bilder sind bunt und unbekümmert unakademisch.
Oder naiv-pornografisch: "Adam und Eva - acht Monate danach." Weilguny:
"Eva is scho schwanger und die Schlange beißt'n Adam den Schwanz ab." (Das
ist problematisch, denn: Wie kommt der Kain jetzt zu seinem Abel, um den
per Brudermord wieder aus der Welt zu schaffen?)
Erschienen am: 02.05.2003 |
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