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Quer durch Galerien

Haarschnitt oder Vivisektion?

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!In Kindertagen bin ich ja selber nur haarscharf an der "Van-Gogh-Frisur" vorbeigeschrammt. Dass der Übergang vom Haarschnitt zur Vivisektion fließend ist, kann ich also mit einer Narbe im linken Ohrlapperl unwiderlegbar bezeugen. Dennoch ist wohl definitiv auszuschließen, dass van Gogh sich am 23. Dezember 1888 eigentlich nur die Haare hat schneiden wollen.
Wie auch immer: Van Gogh hat die Statistik Lügen gestraft, dass der Mensch zwei Ohren besitzt (bzw. hat er sein linkes ja eh bloß ein wenig gestutzt). Den Mann, der am Ende nicht mehr ganz Ohr war, hat nun Ferdinand Melichar (bis 31. Mai in der Galerie Ariadne, Bäckerstraße 6) dramatisch porträtiert. Statt dem Akustikorgan ist nur ausgiebig schreiendes Rot da. Apropos Blut: Ob nun das ganze Bild wie wahnsinnig blutet ("Geburt") oder lediglich die Lippen seiner Frau: Melichar verspritzt die Farbe Rot dramaturgisch gezielt. Und gekonnt. "Am Morgen": Gattin Elisabeth holt mit der Suppenschüssel aus und schüttet eine Blutsuppe über den in Deckung gehenden Künstler. Eine rabiat zwischenmenschliche Geste, die besagt: "Nimm das!" Eine Domina züchtigt den Suppenkaspar? Durch "Zwangsernährung"? Oder ein Sadomaso-Liebesdienst, frei nach Hermann Nitsch, ergo ein orgiastisch mysteriöses Bluter-Abreaktions-Spiel? Oder schlicht: Szenen einer Ehe? Elisabeth Melichar: "Ich wollte, dass es heißt: Rhabarbersuppe."
Und, ehrlich gesagt, hab' ich mich zuerst im Titel verlesen und die Dame deshalb zunächst für Salome gehalten. Salome "ad usum Delphini" sozusagen, nämlich die entschärfte Version - aus Rücksicht aufs kindliche Gemüt. Salome kippt Johannes dem Täufer Blut über den Kopf, aber lässt den Schädel noch dran. "Am anderen Morgen": Da sitzt Melichars bildschön rassige Gemahlin dann provokant biologisch im Bett. Alles wieder paletti. Übrigens: Schon beim Reinkommen in die Galerie riecht man: Das ist ein richtiger Maler (ein Terpentinschnüffler). Sein Pinsel ist noch dazu roh, manchmal geradezu epileptisch. Passt zu seinen elementar kreatürlichen Leibern.
Bis 30. Mai im artLab (Dorotheergasse 12): Ein sehr gemischtes Programm, das bei mir sehr gemischte Gefühle auslöst. Wohlig zumute war mir sogleich bei Chloe Potter und ihren perfekt sentimentalen Fotos (mit delikat sensibler Lichtstimmung). Aber Potter liefert sich nicht wehrlos dem romantischen Kitsch aus. Das Fragil-Rührselige hat oft einen Haken, auf dem man, sobald man ihn gefunden hat, in der Regel ein breites Grinsen aufhängt. Etwa wenn sich eine luftig gekleidete Maid bei Vollmond herzhaft über wunderschöne Blumen - übergibt.
Arthur Kostner (bis 23. Mai im Artefakt, Strauchgasse 2) hat einen Appetit wie ein Holzwurm: also auf Holz. Und frisst sich dort gern hinein (natürlich nicht unkultiviert mit den bloßen Zähnen). Das Ergebnis: Unaufdringlich lebendige, obendrein nur dünn bemalte Holzplatten, wo die persönliche Zuwendung der natürlichen Schönheit des Holzes den reizvollen letzten Schliff gibt.

Erschienen am: 16.05.2003

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