24.10.2003 18:23
Blaue Blase fertig, passende Kunst gesucht
Bereits die erste Ausstellung zeigt die
Schwierigkeit, das Grazer Kunsthaus zu einem brauchbaren Kunstraum zu machen -
Foto
Schon "Einbildung - Das Wahrnehmen in der Kunst", die erste
Schau im Grazer Kunsthaus, zeigt, dass es einigermaßen schwierig werden wird,
aus der blauen Blase einen brauchbaren und variablen Kunstraum abzuleiten.
Andernorts hätte man im Folgenden die Kunst besprochen.
Graz - Einmal in die Jahre gekommen, wollen ältere Gebäude immer wieder
einmal radikal gesäubert werden, heißt, von nachträglichen, im Lauf der Zeit oft
wuchernden Einbauten befreit, wieder in den Urzustand zurückversetzt werden. Oft
passiert das aus praktischen Erwägungen, oft ist so eine Radikalkur, genauso wie
der Zubau vorweg, schlicht von Tagesmoden bestimmt.
Beim Kunsthaus Graz
ist das anders: Es ist als Substanz brandneu, basiert aber auf einer
optimistischen Idee aus den 60er-Jahren oder auch auf jenen Überlegungen zum
Ausstellungsraum, die Friedrich Kiesler noch viel früher entwickelt hat. Das
neue Kunsthaus Graz muss, um als Ausstellungsraum überhaupt erst bespielbar zu
sein, gleich vorweg mit allerhand Ein- und Anbauten versehen werden.
Mit
Stellwänden, Verschlägen und Kobeln musste ihm Direktor Peter Pakesch erst
einmal ein Fassungsvermögen zimmern lassen, um Kunst, im konkreten Fall viel
Flachware, überhaupt unter- und vor allem anbringen zu können. Weil: Wo kein
Flecken gerader Wand, da lässt sich ohne besondere Vorrichtungen (vergl.
Kieslers Vorschläge, die Bilder durch Arme gehalten vor den gekrümmten Flächen
quasi schweben zu lassen) nichts anbringen. Dasselbe gilt im Übrigen für
Projektionen: Auch dafür müssen künftig Ausstellung für Ausstellung eigens
kostenintensiv Wände aufgezogen werden.
Zu diesen Basisschwierigkeiten
kommt die Nebensächlichkeit, dass es für nicht selbsttätig leuchtende Kunst in
den amorphen Gewölben an der Mur (man sieht sie bedauerlicherweise von innen
nicht) schlicht zu dunkel ist. Aber Sponsoren sei Dank kann man alles
nachjustieren. Und bevor man sich jetzt schon die Frage stellt, ob denn diese
Präsentationsbedingungen den einzelnen Objekten gerecht werden, ist die Frage
beantwortet, ob denn die Wände und Kobel die Architektur stören
würden.
Ja! Jetzt teilen die sicherheitsbewusst massiv verbauten Schlitze
für die Rolltreppen die beiden Ausstellungsebenen ohnehin schon brachial in
Hälften, und dann steht auf den mageren verbliebenen Freiflächen auch noch
inständig eine Barriere im Weg, um einen Blick so weit schweifen zu lassen, dass
man dessen Strecke bezogen auf die Architektur auch als Achse bezeichnen
könnte.
Maßkunsthaus
Man muss sich den durch die Einbauten
evozierten Effekt in etwa so vorstellen, als könnte ein auf Eventgastronomie
spezialisierter Baumeister ohne ökonomische Einschränkungen seiner Fantasie
kreativ freien Lauf lassen und eine Raststätte als artifizielles Durcheinander
von Themenwirten gestalten. In der oberen Ausstellungsebene - der mit den
neonverstärkten Lichteinlass-Nozzles - schwebt über dem verunglückten Haufendorf
dann noch ein Himmel voller fremder Galaxien.
Sicher, es wird sich Kunst
finden - oder eher extra anfertigen lassen -, die mit all dem ordentlich
zurechtkommt, und Pakesch hat ja seine Eröffnungschau Einbildung - Das
Wahrnehmen in der Kunst als erste einer langen Reihe von Ausstellungen
definiert, die versuchen werden, Grundlagen für dieses architektonische
Experiment zu erarbeiten. Die Angst, der fortwährend erzwungene Raumbezug könnte
die Möglichkeiten eines Hauses für permanent wechselnde Präsentationen zu sehr
einschränken, es schlichtweg rasch fad werden lassen, in jeder Schau Peter Cook
und Colin Fournier zum Thema zu haben - diese Angst konnte die Einbildung
jedenfalls nicht lindern.
Eine Schau, die im besten Sinn ordentlich
gemacht ist, das Thema der Perzeption variantenreich anreißt, eine Schau, die
als Einführung in Grundlagen der Kunstbetrachtung ebenso für ein breites
Publikum geeignet wie ob der Qualität einzelner Arbeiten auch Spezialisten zu
befriedigen im Stande ist.
Wenn aber dann doch zwangsläufig die zugleich
einströmenden Wahrnehmungen von Schauraum und Schaustück schmerzlich
kollidieren, sei ein Besuch in Olafur Eliassons Rundum-Lichtraum anempfohlen:
Das ist eine entspannende Lichttherapie für den gestressten internationalen
Kunstfreund. Harmlos und schön. Oder ein Irren in Gianni Colombos Spazio
Elastica - einem Nachbau, begründet durch die glaubwürdige Versicherung, man
hätte das Original schon bei der legendären Grazer Trigon '67 zukunftsweisend
gefunden. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2003)