Fremdes Wien

Der 36-jährige in Mexiko lebende Künstler Santiago Sierra zeigt das mediale Endprodukt einer Kunstaktion im project space der Kunsthalle Wien.


Von der eigentlichen Performance wird das Publikum nichts mitbekommen, wenn Santiago Sierra im "project space" der Kunsthalle Wien am Karlsplatz sein Projekt "Hiring and Arrangement of 30 Workers Relating to their Skin Colour" durchführt: Dreißig in Wien lebende Menschen sollen dabei nach ihren Hautfarben geordnet aufgestellt werden, der Prozess des Sortierens wird per Video und fotografisch dokumentiert. Diese Spuren allein sind es, die dann ausgestellt werden.

Zusammenfall von Form und Inhalt

Der Reduktion menschlicher Körper auf ihre Hautfarbe entspricht wiederum eine Reduktion des Mediums: Statt Farbaufnahmen wird Sierra Schwarz-Weiß-Material einsetzen, das damit die Differenzen der Haut auf ihre Helligkeitswerte reduziert.

Diese distanzierte Maßnahmen beugt zum einen voyeuristischen Effekten vor, andererseits steht der Betrachter einem existenziellen-abstrakten Test menschlicher Erscheinungsweisen gegenüber. Befragt wird hier die conditio humana.

Zusammenprall der Welten

Der 1966 in Spanien geborenen Santiago Sierra lebt seit 1995 in Mexiko Stadt. Der Umzug wirkte sich auf seine künstlerische Arbeit radikal aus. Formal steht er in der Tradition der arte povera, der Konzeptkunst und der Performances der 60er und 70er Jahre. Er verknüpft allerdings diese künstlerische Präsentation mit gesellschaftlichen Kontexten um kapitalistische Machtverhältnisse. Insbesondere interessiert ihn der daraus entstehende kulturell-soziologische Clash zwischen dritter und erster Welt.

Quer über die Autobahn

Angesichts der aggressiven und extremen Lebensbedingungen in Mexiko Stadt entwickelt Santiago Sierra verschiedene inhaltliche und formale Stränge in seiner Arbeit: Er verlässt bewusst den Schutzraum der Institutionen und agiert in der Anonymität des Alltags im öffentlichen Raum. Dabei unterwandert er mit einem minimalen Eingriff Systeme und Ordnungsgefüge. Dann z.B. wenn er einen Schwertransporter auf einer Stadtautobahn in Mexiko Stadt so abstellt, dass er den Verkehrfluss der Millionenmetropole partiell zum Erliegen bringt.

Sinnlose Tätigkeiten

Daneben thematisiert Sierra in seinen neuen Projekten gesellschaftlichen Hierachien. Er lässt Arbeiter Tätigkeiten in Museen und Galerien ausführen. Arbeit und die Ausführende werden so zu Ausstellungsstücken. Die Provokation liegt dabei in der Absurdität der gestellten Aufgabe und der Unproduktivität des Tuns.

Kunst = Ökonomie

In gewissen Sinne arbeitet Santiago Sierra mit den gleichen Methoden wie die Wirtschaft. Er übersetzt sie in das System der Kunst. Führt sie explizit vor und macht sie somit zum öffentlichen Thema. Er will die Wahrnehmung für soziale Ungerechtigkeiten schärfen. Nicht selten ruft er damit Proteste hervor. Vor allem dann wenn er Menschen bezahlt, sich eine Linie auf ihren Rücken tätowieren zu lassen.

Arbeitgeber, Arbeitnehmer

"Kritisiert wird, dass ich mich nicht für eine Abschaffung der Lohnarbeit einsetze, doch das würde mich in eine moralisch zweifelhafte Position bringen", meint Serra. Und weiter: "Es gibt nichts Abscheulicheres als einen Arbeitgeber, der mit seinem Angestellten auf Freundschaft macht, ist doch für den Arbeitnehmer der Arbeitgeber per definitionem eine widerliche Kreatur. In gewissem Maß ist ja der Arbeitgeber für die Unfreiheit des Arbeitnehmers verantwortlich."

Link: Kunsthalle Wien

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