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Kunsthalle Wien: Arbeiten des albanischen Künstlers Anri Sala

Transzendentale Obdachlosigkeit

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

300 Jahre Wiener Zeitung!Das Plakat zur Ausstellung Anri Salas in der Kunsthalle bis 15. Juni verwirrt derzeit die Wienerinnen und Wiener: Ein weißes Pony blickt als lebende Skulptur von einem metallenen Podest herunter, da seine Läufe nicht bis zum Boden reichen. Ist es einfache Täuschung oder haben es Menschen tatsächlich in diese hängende Lage gebracht? Anri Sala hat das Tier für sein Foto "No Barragán No Cry" 2002 in Mexico City am Dach der Casa Barragán von vier Mann hochheben lassen. Das poetische Bild ist eine Anspielung auf ein Karrusellpferd, das nach dem Tod des berühmten Architekten aus dem Haus verschwunden ist. Absenz und Präsenz als nächste Sinnschicht seines ganzen Fotoprojekts, gibt aber auch einen Hinweis auf Wien und die Abwesenheit der Lipizzanerpferde in der Besatzungszeit.
Die von Direktor Gerald Matt sehr offen konzipierte Schau des jungen albanischen Künstlers (geb. 1974 in Tirana) zeigt die wichtigsten Videofilme und Fotos in einer ersten Werkeinsicht. Es verwundert nicht, dass Anri Sala durch wichtige Preise (auf der venezianischen Biennale) und die Manifesta und andere wesentliche Ausstellungen bereits international aufgefallen ist; er war zunächst als Maler tätig und wollte einem Studium in seiner Heimatstadt eines in Wien anhängen. An der Akademie beurteilte aber ein nicht namentlich genannter Professor seine Begabung als unzureichend und so ging er nach Paris, wo er Video studierte und auch bis heute arbeitet (er betrachtet die Stadt als Labor für seine Arbeit).
Anri Sala thematisiert die Probleme unserer Zeit wie Werteverlust, Leere, er besucht Orte des "Danach" (egal ob durch Krieg oder andere Gründe verlassene Städte) voll desorientierter Weltmetaphern, die er nicht selten mit Tieren als Stellvertreter komponiert. Er konfrontiert uns mit einer auffälligen Langsamkeit und Sorgfalt erarbeitete Gegensätze wie surreal-real, öffentlich-privat oder Chaos und Ordnung und benützt dazu den Film und Foto; in letzter Zeit ergänzen seine Videos auch Tonspuren.
Frühe Werke setzen sich mit der kommunistischen Vergangenheit seiner Mutter und Umgebung auseinander; ein entvölkerter Zoo macht streunende Hunde zu Protagonisten zerstörter Urbanität. Im neuesten Video "Ghostgames" von 2002 führen nachtaktive Krabben an einem Meeresstrand, gejagt von Kinderfüßen und mit dem Lichtkegel von Taschenlampen, stellvertretend Angst, Einsamkeit und Resignation vor, jedoch ist immer auch ein Fluchtversuch integriert und löst die melancholische Grundstimmung.
Aus der Tristesse versteht Sala mit tiefgründigem Humor herauszureißen, auch wenn in "Nocturnes" von 1999 die Unverbesserlichkeit menschlichen Tuns stärker mitschwingt: Eine kleine Aussicht auf Erlösung ist gegeben. Damit lässt sich für uns WienerInnen die Metapher mit dem Pferd am Plakat auch ein wenig anders lesen. Eine konzeptuelle Tonarbeit lässt sich derzeit auch in einem Wiener Taxi erleben: Motorengeräusch und Hundegebell mischen dabei die Realitäten.

Erschienen am: 19.05.2003

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