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22.01.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung
Generali Foundation: Selbstlose Gesten, wilde Posen
"Dass die Körper sprechen, auch das wissen wir seit langem": eine überaus aktuelle Ausstellung.

Im Falle ihrer Wahl wollten beide Kandidaten für das Bundespräsidentenamt auf ein gewichtiges Statussymbol verzichten: auf die Jagdvilla in Mürzsteg. Das fand das ORF-Polit-Fernsehmagazin Report heraus und kommentierte: "Wahlkampfzeiten sind Zeiten der selbstlosen Gesten."

Gerade recht kommt hier eine Ausstellung, die von nichts als der Geste handelt - der Geste, wie sie in den letzten 35, 40 Jahren verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit bildender Künstler geraten ist. Wenngleich die Schau - ganz untypisch für die Programmatik der Generali Foundation - nicht politisch, nicht einmal didaktisch, vielmehr strikt kunstwissenschaftlich ausgerichtet ist, legt sie den Finger auf einen sensiblen Bereich der privaten wie öffentlichen Kommunikation: die Geste als Grauzone jenseits des gesprochenen Wortes, die Sprache des Körpers in aufgesetzter Eindeutigkeit wie auch latenter Ambivalenz. So liefert sie, wohl unbeabsichtigt, einen aktuellen Beitrag zur politischen Grundlagenforschung.

Zwei Väter hatte der Gedanke. Der erste spendete den Titel: "Dass die Körper sprechen, auch das wissen wir seit langem", sagte der Philosoph Gilles Deleuze über die erotischen Zeichnungen Pierre Klossowskis. Dieser Satz, der auch als superspröder Ausstellungstitel fungiert, ist thematischer Leitfaden - und sorgt für Kurzschluss mit dem Bereich Körperkunst.

Vater zwei ist Aby Warburg, dessen Methode es war, anhand von Reproduktionen, Kärtchen, Ausrissen aus Büchern bildnerische Formeln zu isolieren und in ihrer Zeichenhaftigkeit zu interpretieren. Quer durch die Kunsthistorie zu Bildtafeln montiert, wuchsen sie im "Mnemosyne-Atlas" zu einem immensen Fundus an, der das Bilder-Gedächtnis der Zeit ordnen sollte. Warburgs besonderes Interesse galt der Pathosformel als Geste des Gefühlsausdrucks. Mit ihrer Ausstellung schreiben die Kunsttheoretikerinnen Hemma Schmutz und Tanja Widmann seine Forschung gleichsam fort in die Gegenwart mitsamt deren medienkünstlerischer Vielfalt, folgen dem Wissenschaftler vor allem in der Methode. Feine Unterschiede: Was bei Warburg graue Kartontafeln waren, sind hier Betonwände; Warburg arbeitete vor allem mit Reproduktionen, hier sind überwiegend Originale. So gleich im ersten Abschnitt, zur Thematik der organisierten Gruppe. Figürliche Malerei von Thomas Eggerer, der sich in kleinen Formaten mit Männer-Zusammenschlüssen befasst, und die große Wand-Installation einer Antje Majewski stehen hier ebenso wie Aernout Miks stille Videokunst oder die spektakuläre Fotografie von Catherine Opie, die die familiären Strukturen von Lesben beobachtet.

Nicht vom Gestischen in der Kunst reden lässt sich, ohne die abstrakten Expressionisten, quasi die Ur-Aktionisten, zu erwähnen. Hier tut's auch eine Fotokopie einer Aufnahme von Jackson Pollock in wild gestikulierender Aktion. Die Kopie mag irritieren, verleiht der Schau aber eine gewisse Heiterkeit und Leichtigkeit. Und sie illustriert ein Urteil der Kuratorinnen: dass der blinde Glaube an die Unmittelbarkeit heute so nicht mehr gültig sein kann.

So schwingt bei aller Überzeugung auch eine Menge Selbstironie mit, wenn John Baldessari daneben im Video den schlaksigen Körper unter mantrahafter Wiederholung des Satzes "I Am Making Art" von einer Pose in die andere wirft. Einen schönen Übergang von den künstlerischen Gesten zu den Körperritualen vornehmlich der feministischen und konzeptuellen Kunst der siebziger Jahre bildet Maria Hahnenkamps mit der Bohrmaschine hergestellte Wandzeichnung, die von geschlechtlicher Sinnlichkeit, in ihrer Machart aber auch von extremer Zügelung spricht.

Ein vierter Abschnitt gilt der politisch-historischen Geste, dem Business und der Ökonomie - womit die überschaubare, doch vielschichtige Ausstellung bei der Wirklichkeit angekommen wäre.

Bis 25. April, Di bis So, 11 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

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