Die größten Kartoffeln

(cai) Mei, der Assistent vom Erwin Wurm, der hat eine Kondition wie das
Duracell-Häschen. Nur dass er halt nicht läuft und läuft und läuft,
sondern steht und steht und steht. Von Sonnenauf- bis -untergang.
Regungslos auf einem Feld. (Die Kamera, die ihn dabei beobachtet,
die läuft natürlich
schon .) Nein, das ist
keine
Dauerwerbesendung für Viagra. Vielmehr reden zwei Hypnotiseure auf
besagten Assistenten ein, damit er nicht in sich zusammensackt.
Geradezu übermenschlich, diese Willenskraft.
Oh, Sie haben geglaubt, "Assistent" wär’ eine Umschreibung für . . .
pfui! (Mäßigen Sie Ihre Fantasie!) Obwohl, so abwegig ist die
Assoziation mit einem Potenzkult eh nicht. Im anderen Raum der Galerie
gibt’s nämlich eine bekleidete Betonskulptur ohne Kopf, aber dafür mit
einer geschwollenen "Ärgerbeule" (wie der Titel das Ding nennt) in der
Hose. Ein Denkmal für die männliche Variante vom
Körper-Geist-Dualismus? (Männern unterstellt man ja gern, sie würden
bloß mit ihrem "Zentralorgan" denken. Wozu also ein Schädel?) Der Wurm hat’s
hier anscheinend mit den Erektionen. Pickt sie auf diverse Objekte
drauf wie pubertäre Pointen. (Ich hab trotzdem geschmunzelt. Ein
primitiver Reflex.) Und der Stinkefinger? Eine Verherrlichung der
Senkrechten.
Dann diese Riesenerdäpfel. Also doch
Fruchtbarkeitsfolklore? Wird da der heidnischen Gottheit der
Schaffenskraft gehuldigt? Oder hat der frechste Künstler einfach die
größten Kartoffeln? Und überall Strickmaschen. Alles ist eingestrickt.
Leinwände und Erdäpfel tragen Pullover. Kleider machen eben Leute.
Lebloses ist plötzlich menschlich. Der hyperpassiv auf dem Acker
ausharrende Assistent dagegen wird zum 14-Stunden-Standbild. Nanu, so
blöd ist das gar nicht. Eigentlich genial. (Gut, die schockierend komischen "Irritationen" sind mitunter schon ein bissl plump.)
Galerie Krinzinger (Seilerstätte 16) Erwin Wurm Bis 23. Mai Di. bis Fr. 12 bis 18 Uhr Sa. 11 bis 15 Uhr
Lieber malen als spucken
(cai)Stricken am Steuer ist sehr gefährlich. Zumindest solang es noch
keine Freistrickeinrichtung gibt. Die Autofahrer und die Wolle sind
hier aber ohnedies strikt voneinander getrennt: auf verschiedene Bilder
verteilt. Normalerweise sind mir Wollknäuel ja unsympathisch (seit dem
Zwangsstricken in der Schule), doch für Karen Holländers Knäuel, das
übermütig in adretten Schöner-wohnen-Kulissen herumkullert, mach ich
eine Ausnahme. Das hat womöglich deshalb so viel Persönlichkeit, weil
es in einem früheren Leben eventuell ein Socken war. Und der Wollfaden
kann sich an alles lebhaft erinnern. (Stricken für Buddhisten?
Stricken, auftrennen, stricken, wieder auftrennen . . . bis zum
Nirwana.) René Fehr-Biscioni wiederum nimmt Cabrios ins Visier. Von der
Brücke aus. Aber nicht, um den Lenkern auf den Kopf zu spucken, sondern
wegen der Schaulust. In den charmant voyeuristischen Bildern ist es
seltsam windstill. Ob der Maler den Cabriofahrern, für die der Traum
vom Fahrtwind wahr wird, aus Neid die Brise klaut?
Atrium ed Arte (Lerchenfelderstraße 31) Holländer/ Fehr-Biscioni Bis 8. Mai Di. bis Fr. 14 bis 18 Uhr Sa. 11 bis 14 Uhr
Genickstarre
(cai)Ob Katja Praschak an keinem Baum vorbeikommt, ohne ihn zu umarmen, weiß ich natürlich nicht. Malen tut
sie die Stämme jedenfalls aus dieser intimen Anschmachtperspektive und
hat sicher schon ein steifes Gnack vom Emporstarren. Einer räkelt sich
höchst erotisch. Ein Baumvamp. Der Pinsel wedelt mit sentimentalen
Farben souverän über die Leinwand, die Rinde löst sich duftig auf.
Schaut nach Anbetung aus. Verdient hätten’s die Bäume ja. Nach allem, was sie für die Kunst getan haben. Bilderrahmen, Keilrahmen, Pinselstiel – das ist schließlich aus Holz .
Galerie Lang (Seilerstätte 16) Katja Praschak Bis 20. Mai Di. bis Fr. 12 bis 18 Uhr Sa. 11 bis 16 Uhr
Dienstag, 22. April 2008
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