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08.06.2002 - Ausstellung
Welt der Kunst gastiert in Kassel: Realität gegen Sinnlichkeit
Auf der "documenta" in Kassel erwartet den Besucher viel Denkarbeit vor zahllosen Installationen, unzähligen Stunden Video, vor Photokunst. Sinnlichkeit, Spaß an der Kunst scheint vor lauter Konzept ein wenig auf der Strecke geblieben.
VON STEFAN MUSIL


"I feel like a failure", "There is no future for me", "I feel alone in the world": Ken Lum hat diese Sätze in verspiegeltes Glas geätzt. Darauf wird man gestoßen, wenn man in seinem "Spiegelkabinett mit zwölf Zeichen der Depression" herumtapst.

Der kleine Pavillon steht vor der Orangerie mitten in der Wiese. Da passen die Depressions-Sätze. Der vorsichtige Gang zwischen den Spiegelwänden, die verzweifelten, einsamen Sätze dazu - und erst die Konfrontation mit ihnen hilft einem den Weg in die Freiheit zurückzugewinnen - heitert wieder auf.

Kein großes Konzept, kein soziologischer, politischer oder sonstiger Überbau, kein Gedanke daran, wie denn das in das Themen-Konglomerat des documenta-Leiters, des in den USA lebenden Nigerianers Okwui Enwezor, passen könnte.

Die Schwierigkeiten der aktuellen Kunst, auf eine gegenwärtig "unruhige Zeit fortwährender kultureller, gesellschaftlicher und politischer Konflikte, Veränderungen, Übergänge, Umbrüche und globaler Konsolidierung" (Enwezor) zu reagieren, hat sich die documenta 11 zu untersuchen vorgenommen. Ein weites Feld!

Er fürchte die Kunst wie der Teufel das Weihwasser, zitierte Enwezor bei der Pressekonferenz den Satz eines Journalisten. Er dagegen hofft, daß man nach Besuch der Ausstellung erkenne, daß der Teufel konvertiert sei. Ein Ziel, das nicht ganz erreicht wurde, wie man nach einem Lokalaugenschein im Fridericianum und in der documenta-Halle feststellen kann. Denn es läßt sich spröde an. Alles steht hier im Kontext, muß auf eine der aufgeworfenen Fragen, Themen reagieren. Eine Installation nach der anderen füllt die Räume zwischen den Videokojen, daneben hat noch Photographie Hängeplatz gefunden.

Die Frage nach den Identitäten warf die 1996 verstorbene Chohreh Feyzdjou in einer ihrer "Boutiquen": Feyzdjou wurde als Jüdin in Teheran geboren, lebte später in Paris. Der Vater änderte den Familiennamen von Cohen in das gebräuchliche persische Feyzdjou. In ihrem Gemischtwarenladen mit allerlei Tüchern, Rollen, Gläsern und Waren in Kisten hat sich auf alles eine schwarze, schmutzig-modrige Patina gelegt, klebt überall das gleiche Logo mit ihrem persischen Namenszug.

Frauenkunst aus Iran

Ebenso im Fridericianum vertreten, auch aus dem Iran stammend und genauso bekannt und arriviert ist Shirin Neshat und ihre filmische Auseinandersetzung mit der islamischen Gesellschaft. Daß der Frauen-Anteil ungewöhnlich hoch ist, beweist auch eine Installation, welche die belgische Filmemacherin Chantal Akerman für Kassel geschaffen hat. Akerman hat einen Film über das Flüchtlingselend an der Grenze zwischen Mexiko und den USA in kurzen Sequenzen auf insgesamt 20 Monitore aufgesplittet. Bereits zum vierten Mal auf der documenta, bespielt die Deutsche Hanne Darboven, sehr spröde, drei Stockwerke mit ihren auf unzählige Blätter verteilten Notationen. Auch sonst geht es eher konzeptuell zu, trifft sich, was irgendwie unter das documenta-Themendach paßt.

Wer sich danach in der "documenta"-Halle Erleichterung erwartet, wird herb enttäuscht. Hier dreht sich die Sache vor allem um alternative Lebensformen, Verbesserung der Lebensbedingungen - wie im Wohn- und Lebensprojekt der deutschen Gruppe Park Fiction und in den von Videobildern begleiteten Radiosendungen von Le Groupe Amos aus Kinshasa. Die Grenze zur Dokumentation: fließend.

Weit anders dann das Bild im neu adaptierten Ausstellungsgebäude der Binding-Brauerei. Ein Labyrinth aus Stellwänden wurde hier installiert. Einmal mehr brilliert Louise Bourgeois, die in ihren Stoffkreaturen, die von Zeichnungen begleitet werden, beweist, daß sich ästhetisches Vermögen und Aussage nicht im Weg stehen müssen.

Hier stößt man erstmals auch auf Malerei, etwa jene des Belgiers Luc Tuymans. Fröhliche Urstände feiert der Imperialismus in Yinka Shonibares zynischer Kolonialismus-Kritik: Unter einer hängenden Kutsche hat er eine Gruppensexorgie mit kopflosen Puppen arrangiert. Seine Akteure stecken in prächtigen Barock-Gewändern aus afrikanischen Stoffen. Das Programm am letzten Standort, dem Kulturbahnhof: Reisen, fremde Länder, fremde Kulturen. Lisl Ponger aus Wien hat auf einer Italienreise Parolen, Zeichen, Verbotsschilder gesehen und photographiert, Bernd und Hilla Becher studierten präzise die Fachwerkhäuser des Siegner Industriegebietes, das Cobra-Mitglied Constant erträumte bei seinem Projekt "New Babylon" eine futuristische Stadt.

So visionär ist die documenta 11 freilich nicht. Sensationen finden keine statt, viele Künstler sind längst bekannt. Zum ausgerufenen Thema wurden die Arbeiten weltweit eingesammelt und hinterlassen mehr oder weniger Eindruck. Daran, ob dies alles für neue Impulse sorgt, wie sich das Okwui Enwezor erhofft, ist zu zweifeln, ebenso daran, ob es jemanden gibt, der das alles konsumieren kann. Aber vielleicht ist auch das ein Symptom der Zeit?

Bis 15. September  

www.documenta.de



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