"I feel like a failure", "There is no future for me", "I
feel alone in the world": Ken Lum hat diese Sätze in verspiegeltes Glas
geätzt. Darauf wird man gestoßen, wenn man in seinem "Spiegelkabinett mit
zwölf Zeichen der Depression" herumtapst.
Der kleine Pavillon steht vor der Orangerie mitten in der
Wiese. Da passen die Depressions-Sätze. Der vorsichtige Gang zwischen den
Spiegelwänden, die verzweifelten, einsamen Sätze dazu - und erst die
Konfrontation mit ihnen hilft einem den Weg in die Freiheit
zurückzugewinnen - heitert wieder auf.
Kein großes Konzept, kein soziologischer, politischer
oder sonstiger Überbau, kein Gedanke daran, wie denn das in das
Themen-Konglomerat des documenta-Leiters, des in den USA lebenden
Nigerianers Okwui Enwezor, passen könnte.
Die Schwierigkeiten der aktuellen Kunst, auf eine
gegenwärtig "unruhige Zeit fortwährender kultureller, gesellschaftlicher
und politischer Konflikte, Veränderungen, Übergänge, Umbrüche und globaler
Konsolidierung" (Enwezor) zu reagieren, hat sich die documenta 11
zu untersuchen vorgenommen. Ein weites Feld!
Er fürchte die Kunst wie der Teufel das Weihwasser,
zitierte Enwezor bei der Pressekonferenz den Satz eines Journalisten. Er
dagegen hofft, daß man nach Besuch der Ausstellung erkenne, daß der Teufel
konvertiert sei. Ein Ziel, das nicht ganz erreicht wurde, wie man nach
einem Lokalaugenschein im Fridericianum und in der
documenta-Halle feststellen kann. Denn es läßt sich spröde an.
Alles steht hier im Kontext, muß auf eine der aufgeworfenen Fragen, Themen
reagieren. Eine Installation nach der anderen füllt die Räume zwischen den
Videokojen, daneben hat noch Photographie Hängeplatz gefunden.
Die Frage nach den Identitäten warf die 1996 verstorbene
Chohreh Feyzdjou in einer ihrer "Boutiquen": Feyzdjou wurde als Jüdin in
Teheran geboren, lebte später in Paris. Der Vater änderte den
Familiennamen von Cohen in das gebräuchliche persische Feyzdjou. In ihrem
Gemischtwarenladen mit allerlei Tüchern, Rollen, Gläsern und Waren in
Kisten hat sich auf alles eine schwarze, schmutzig-modrige Patina gelegt,
klebt überall das gleiche Logo mit ihrem persischen Namenszug.
Frauenkunst aus Iran
Ebenso im Fridericianum vertreten, auch aus dem Iran
stammend und genauso bekannt und arriviert ist Shirin Neshat und ihre
filmische Auseinandersetzung mit der islamischen Gesellschaft. Daß der
Frauen-Anteil ungewöhnlich hoch ist, beweist auch eine Installation,
welche die belgische Filmemacherin Chantal Akerman für Kassel geschaffen
hat. Akerman hat einen Film über das Flüchtlingselend an der Grenze
zwischen Mexiko und den USA in kurzen Sequenzen auf insgesamt 20 Monitore
aufgesplittet. Bereits zum vierten Mal auf der documenta, bespielt
die Deutsche Hanne Darboven, sehr spröde, drei Stockwerke mit ihren auf
unzählige Blätter verteilten Notationen. Auch sonst geht es eher
konzeptuell zu, trifft sich, was irgendwie unter das
documenta-Themendach paßt.
Wer sich danach in der "documenta"-Halle
Erleichterung erwartet, wird herb enttäuscht. Hier dreht sich die Sache
vor allem um alternative Lebensformen, Verbesserung der Lebensbedingungen
- wie im Wohn- und Lebensprojekt der deutschen Gruppe Park Fiction und in
den von Videobildern begleiteten Radiosendungen von Le Groupe Amos aus
Kinshasa. Die Grenze zur Dokumentation: fließend.
Weit anders dann das Bild im neu adaptierten
Ausstellungsgebäude der Binding-Brauerei. Ein Labyrinth aus
Stellwänden wurde hier installiert. Einmal mehr brilliert Louise
Bourgeois, die in ihren Stoffkreaturen, die von Zeichnungen begleitet
werden, beweist, daß sich ästhetisches Vermögen und Aussage nicht im Weg
stehen müssen.
Hier stößt man erstmals auch auf Malerei, etwa jene des
Belgiers Luc Tuymans. Fröhliche Urstände feiert der Imperialismus in Yinka
Shonibares zynischer Kolonialismus-Kritik: Unter einer hängenden Kutsche
hat er eine Gruppensexorgie mit kopflosen Puppen arrangiert. Seine Akteure
stecken in prächtigen Barock-Gewändern aus afrikanischen Stoffen. Das
Programm am letzten Standort, dem Kulturbahnhof: Reisen, fremde
Länder, fremde Kulturen. Lisl Ponger aus Wien hat auf einer Italienreise
Parolen, Zeichen, Verbotsschilder gesehen und photographiert, Bernd und
Hilla Becher studierten präzise die Fachwerkhäuser des Siegner
Industriegebietes, das Cobra-Mitglied Constant erträumte bei seinem
Projekt "New Babylon" eine futuristische Stadt.
So visionär ist die documenta 11 freilich
nicht. Sensationen finden keine statt, viele Künstler sind längst bekannt.
Zum ausgerufenen Thema wurden die Arbeiten weltweit eingesammelt und
hinterlassen mehr oder weniger Eindruck. Daran, ob dies alles für neue
Impulse sorgt, wie sich das Okwui Enwezor erhofft, ist zu zweifeln, ebenso
daran, ob es jemanden gibt, der das alles konsumieren kann. Aber
vielleicht ist auch das ein Symptom der Zeit?
Bis 15. September
www.documenta.de
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