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19.12.2003 - Kultur&Medien / Ausstellung
Albertina: Wotrubas Herz für die Moderne
"Gustav Klimt bis Paul Klee: Wotruba und die Moderne": Die Wiener Albertina brachte auf Zeit österreichische Moderne aus der Schweiz zurück.

Frühe Pionierarbeit: Die Galerie Würthle und die Sammlung Kamm in Zug

Die erste Albertina-Schau unter Dach! Die papierene Leichtigkeit eines schwebenden Deckblatts über dem Eingang ins Schatzhaus der Zeichnungen, Drucke, Aquarelle war uns von Hans Hollein versprochen. Dann passierte ein Materialmalheur, ein Maßstabfehler. Nun nimmt uns properer Regenschutz wie über einer alpenländischen Tankstelle in Empfang. Schnell drunter durch. Und drinnen aufatmen in der Säulenhalle. Dort sind Skulpturen von Fritz Wotruba, und Entwürfe dazu, mit filigraner, diskreter Noblesse platziert, die den proletarischen Gestus, die "Pratzn" des 1975 verstorbenen Akademieprofessor vergessen lässt. Doch die wirkliche Überraschung folgt eine Etage höher, wenn Fritz Wotrubas Umgang mit Ahnherren der österreichischen und internationalen Moderne in Gemälden, Grafiken, Kunstgewerbestücken vorgeführt wird. Er bestimmte das Programm der Galerie Würthle 1952 bis 1964.

Warum? Der in Zug ansässige Bankier Fritz Kamm, der den vor den Nazis in die Schweiz geflüchteten Bildhauer aufnahm, kaufte 1952 die an die jüdische Vorbesitzerin Lea Jaray-Bond (man kennt den Namen aus dem Besitzstreit um Schieles "Wally" in New York) restituierte Kunsthandlung in der Weihburggasse und setzte Wotruba als künstlerischen Leiter ein. Das kalte Nachkriegs-Wien bekam dort sein bis zur Gründung des Museums des XX. Jahrhunderts im Jahr 1962 bestgefülltes Schaufenster für klassische Moderne und aktuelle Kunst - und Kamm eine Agentur, über die er seine eigene Sammlung dauernd verbesserte.

Der Nachlass des erst 1956 verstorbenen Fin-de-Siècle-Meisters Josef Hoffmann landete in Zug und 18 Gerstl-Bilder. Wotruba arbeitete bis 1964 für Kamm und Würthle. Die dem Kunsthaus Zug gestiftete Sammlung Kamm gilt
heute als bedeutendste Kollektion österreichischer Moderne im Ausland.

Unter Wiens öffentlichen Museen war keines ein besserer Kunde als die Graphische Sammlung Albertina. Womit sich endlich das Konzept von Albertina-Chef Klaus-Albrecht Schröder enträtselt. Denn zunächst weiß man wenig anzufangen mit einem Plakat und einem Katalog, der Egon Schieles fulminantes "Selbstbildnis in gelber Weste" zeigt und mit den Namen Gustav Klimt, Paul Klee und Wotruba lockt.

Zu sehen sind Schöpfungen von Wotruba selbst, weiters Kunst, die er in der Würthle ausstellte, die der Würthle-Eigner (vor Hans Dichand) Kamm sammelte, ergänzt durch Bestände der Albertina und deren Ankäufe (Expressionisten etc., nicht dabei Picasso) bei der Galerie Würthle.

Zur Begrüßung wurde dem Meister selber ein Gedenkraum eingerichtet: mit Wotruba-Plastiken und -Skizzen aus dem Eigentum der Albertina, des Kunsthauses Zug und des Wiener Wotruba-Vereins, dem das Erbe nach der Künstlerwitwe Lucy Wotruba gehört; darunter der "Große liegende Jüngling" aus rotem Hartsandstein, den Fritz Kamm der Republik Österreich schenkte und die jahrzehntelang im Freien vor der Albertina Wache hielt.

Dann weiter in die nächste Etage. Wer in der neuen Albertina im Dürer-Halbdunkel an den kräftig roten, grünen, blauen Flächen vorbeigeglitten ist, wird sich wundern: In nur zehn Tagen wurden die Wände der "Propter homines"-Etage umgestellt, auf hell umgefärbt.

Im österreichischen Fach sind dort Glanzstücke aus der Zuger Sammlung von Fritz und Editha Kamm durch Blätter aus der eigenen Sammlung mehr als ergänzt: Einen so starken Schiele-Saal hat Wien lange nicht mehr gesehen. Neben Ölbildern aus Zug (Porträt des Malers Massmann, Kahle Bäume, Vorfrühling) hängt aus dem eigenen Bestand, was gut und berühmt ist.

Um zwei Blumenwiesen und einen Tannenwald von Klimt (als Leihgaben zuletzt in der Österreichischen Galerie Belvedere) ist mehr als ein Dutzend seiner Zeichnungen gehängt; von Kolo Moser kam der berühmte "Zebraschrank" (1904) aus der Schweiz; von Josef Hoffmann eine Serie schwarz-weißer geometrischer Flächenmuster und exquisite Silber-Bijoux. Auch bei Kokoschka beschränkt sich die Auswahl auf Werke vor 1925: Die Zeichnungen zum Drama "Mörder, Hoffnung der Frauen" landeten in Zug. Vier große Gerstl-Gemälde - darunter das "Gruppenbildnis mit Schönberg" (und Mathilde Schönberg und Alexander von Zemlinsky); ihm ist ein zweites "Familienbild Schönberg" attachiert, das die Familie Kamm der Republik Österreich schenken musste, um die vielen anderen Gerstl-Bilder exportieren zu dürfen. Diese Österreicher-Strecke endet mit Herbert Boeckl - dessen Levante-Reise 1959 Kamm finanzierte.

So kam denn, nach einem vertrackten kopflastigen Konzept, ein eindrücklicher Querschnitt dessen zu Stande, was heute in Wien besonders gefragt ist und auch ins Belvedere und Leopold-Museum zieht: das Klimt-Schiele-Kokoschka-Österreich, um Aquarelle und Grafiken aus dem deutschen Expressionismus - und wer dazugezählt wird wie Paul Klee - vermehrt.

Dazu wurden kaum je gezeigte Blätter aus den Albertina-Speichern geholt, etwa ein "Schwarzes und weißes Pferd in Gebirgslandschaft mit Regenbogen" von Franz Marc; die schmale Macke-Kollektion auf Papier ergänzen Schweizer Blätter; Klee und Oskar Schlemmer, bei Wotruba im Ausstellungsprogramm, wurde zuletzt aus dem Budget der Stiftung Ludwig für die Albertina angekauft. Alles in allem auch eine Chronik der Versäumnisse: Die Graphische Sammlung Albertina ging in den Zwischenkriegsjahren an einem Teil der wichtigen Kunst vorbei.

Was nun aus den Kellern geholt wird, lässt Schröder neu rahmen, im Stil dem Inhalt angepasst sowie auch im Format: quadratische Bilder bekommen einen quadratischen Rahmen. Somit kommen nur mehr neu gerahmte (und damit gesicherte) Blätter in den Leihverkehr, in Ausstellungen.

Erstmals seit einer kleinen Schau des Kunsthistorischen Museums im Palais Harrach 1995 ist nun wieder ein größerer Wotruba-Bestand zu sehen. Schröder legte auf Originaltreue Wert: also keine Abgüsse bekannter Steine. Nun stehen Steintorsi aus Wien und Zug ("Weibliche Kathedrale") nebeneinander. Zum "Großen liegenden Jüngling" kann man sich hinunterbücken - vor dem Palais am Treppenaufgang stand er viel zu hoch. Mit Zeichnungen, Aquarellen und vielen kleineren plastischen Formaten zeigt Schröder Wotrubas flächenbetonte Arbeitsweise in der Plastik: Quadrate, Dreiecke, Rechtecke fügen sich zum Figurenumriss. Das druckgrafische Werk vermachte Lucy Wotruba übrigens der Albertina. Hat er doch mit einem Teil seines plastischen Schaffens auch in der zweidimensionalen Flächenkunst experimentiert. Einige Figurenskizzen erinnern an Schiele.

20. 12. bis 14. 3. Tägl. 10 - 18, Mi. bis 21 h.

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