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Quer durch Galerien

Ein Sessel packt das Sitzfleisch ein

Von Claudia Aigner
Bei den meisten ist es ja schon Routine wie das Zähneputzen. Die kommen nach der Arbeit heim und tun es einfach. Es fällt ihnen gar nicht mehr so richtig auf, dass sie es tun. Weil sie es so nebenbei tun. Neben dem Fernsehen, neben dem Geschirrabwaschen . . . Sie können es nämlich schon im Schlaf. Ja, man könnte sie mitten in der Nacht aufwecken und sie würden es mit der gleichen Gewandtheit tun wie am Tag: wohnen. Denn Wohnen verlernt man nicht. Wie das Fahrradfahren.

Das österreichische Webverzeichnis! Damit freilich beim Wohnen nichts danebengeht, also alle wirklich nur bis dorthin wohnen und Zähne putzen, wo es ihnen zusteht, und nicht bis auf die Straße hinaus Filzpatscherln tragen (auf Neudeutsch: "Indoor-Slipper") oder gestrickte "Boots" (Hüttenpatschen), haben die Architekten die Menschheit eingepackt: in Häuser. Architektur ist streng genommen ja wirklich Verpackungsmaterial.
Und Wohnungen sind eine geniale Möglichkeit, die Weltbevölkerung in halbwegs überschaubare Mengen zu portionieren wie Frühstücksflocken in der Cornflakesschachtel. Zugegeben, die Menschen werden nicht nach Gewicht "abgepackt", aber mancherorts (zum Beispiel in einem Wiener Gemeindebau) immerhin stückweise: pro Zimmer ein Stück Mensch. Und natürlich haben Familienmenschen in ihrem trauten Heim in der Regel mehr Bewegungsfreiheit als fünf Frankfurter in einem handelsüblichen Frankfurter-Würschtel-Haushalt, also eingeschweißt in ihre beengten, hautengen Wohnverhältnisse: in ihre Plastikfolie im Kühlregal.
Wir leben nun einmal in einer Verpackungsgesellschaft. Unentwegt packen wir uns und unsere käuflich erwerbbare Umgebung ein (die in haushaltsüblichen Mengen tiefgekühlten Gemüsefelder, unsere zu Selbstbaumöbeln zerkleinerten Wälder usw.). Wir selber begeben uns in Schonbezüge (Kleidung), damit wir uns nicht so schnell abnützen wie eine Banane, der man die Privatsphäre genommen, die man geschält hat. Und manchmal ummanteln und verschalen wir bloß einzelne Körperteile. Ein Sessel ist die körperbetonte Verpackung fürs Sitzfleisch. Und weil dem so ist (und weil der Verdacht besteht, dass Särge, diese Hüllen des posthumen Menschen, und Brillenetuis die selben Designer haben), so ist es doch nur folgerichtig, dass jetzt jemand das architektonische Potenzial vom Styropor deutlich erkannt hat.

Galerie Lindner: Die Hardware des Zusammenlebens

Hubert Blanz hat uns schließlich schon gezeigt (in Foto- und Videoarbeiten), wo die Bits und Bytes leben: in der Urbanität der Computerplatinen. Dort, auf den dünnen Plättchen, auf denen die elektronischen Bauteile nach einem geradezu großstädtischen Bebauungsplan befestigt sind, hausen sie in Chips und anderen Domizilen. Weil der technisch physikalische Teil der Datenverarbeitung frappierende Ähnlichkeiten mit der Hardware des menschlichen Zusammenlebens hat (mit den Beton- und Asphaltarrangements, kurz: den Städten). Doch das stadtplanerische Interesse des Herrn Blanz war damit noch lange nicht erlahmt.
Um Transportschäden vorzubeugen, benutzt der Mensch für sich selber Sicherheitsgurte und Kindersitze, Elektrogeräte bevorzugen maßgeschneidertes Styropor. In Panoramafotos von Tongruben und anderen eher unbewohnbaren Gefilden hat Blanz nun Styropor wie bizarre, sprich moderne Architektur "angesiedelt" (bis 3. Dezember beim Lindner, Schmalzhofgasse 13). Es gibt da freilich keine Infrastruktur, keine Straßen, nicht einmal Handymasten. Alles sieht so endzeitlich aus, als wäre die Garantie für die CD-Player, Eierkocher etc., die dort einmal drin gewesen sind, schon seit Jahrzehnten abgelaufen.
Diese blickdichten, weil fensterlosen Behausungen von Konsumgütern schwimmen sogar surreal auf Lagunenwasser von Venedig, also auf dem Wasserspiegel jener Stadt, wo sich die Wünschelrutengänger besonders schwer tun, den idealen Schlafplatz zu finden, unter dem sich keine Wasserader befindet. Auch den Venezianern war der feste Boden als Baugrund nicht genug und sie haben auch noch das Wasser verbauen müssen. Blanz hat halt schon vorsorglich die passenden Geisterstädte geplant für die Verbrauchergesellschaft, die die Erde bis zum letzten Nährstoff und letzten Grashalm konsumiert und sich irgendwann auch mit Hilfe der globalen Erwärmung und der schmelzenden Polkappen mindestens nasse Füße holen wird.

Galerie Krinzinger: Strumpfmasken zensurieren ähnlich

Dornröschen? Ach ja: die, die ein so starkes Schlafmittel genommen hat, dass sie hundert Jahre lang keine Schlafstörungen mehr gehabt hat. Märchenhaft schlafende Schönheiten hat Annelies Strba (bis 7. Dezember bei der Krinzinger, Seilerstätte Nr. 16) einfach in die Natur gelegt und dort nicht in Luft, aber dafür in fast körperlose Unwirklichkeit aufgelöst. Und in irreale Farben. Eine sitzende junge Dame hat sie nicht zuletzt unter Zuhilfenahme von einem türkisen Teint entrückt. Strba, der es gelungen ist, Fotografie durch Bearbeitung am Computer und durch klassische Gemäldekompositionen glaubwürdig in Malerei umzupolen (voll koloristischer Süffigkeit), kostet die realitätsverleugnende "Farbenblindheit" eben aus, die wir nicht erst seit der lila Kuh haben, die besten Alpenkakao im Euter hat und die die zarteste Versuchung, seit es Kuhfladen gibt, schei . . . , pardon: defäkiert.
Die ophthalmologische Diagnose: schaaßaugert. Nein, es ist nicht der Autofokus vom Auge des Betrachters, der nicht funktioniert. Eva Schlegel (ebenfalls bei der Krinzinger) stellt ihren Fotoapparat absichtlich unscharf, wenn sie Modefotos abfotografiert (und Models gibt es nur deshalb, weil Mode ja nicht von alleine posieren kann, nicht autark ist). Diese Form von Zensur (mindestens so wirksam wie eine Strumpfmaske, mit der Bankräuber ihre Gesichter unscharf stellen) ist nicht neu. Schon Gerhard Richter frönte dem "kurzsichtigen Fotorealismus" und hat mit seinen vagen Nackedeis Voyeure sadistisch gequält, die sich ins nächste Playboyheftl retten mussten. Trotzdem: Schlegel geht mit höchster handwerklicher Gewissenhaftigkeit und Sensibilität vor, wenn sie die scharfe Welt ins mysteriöse Nebulöse verklärt.

Galerie Lang: Reizender Kitsch in der Pubertät

Herzig melancholische Gsichterln, denen die Lieblichkeit nie verrutscht (durch Mimik beispielsweise). Einmal hat Daniel Maria Thurau wohl ein schlechtes Gewissen gehabt wegen der kaum noch zu ertragenden Harmonie und Süßlichkeit und hat die pubertär revoluzzerhafte Zerstörungswut darauflosgelassen: brachte die Muttergottes kurzerhand zum Masturbieren. Ihn rettet wirklich nur seine maltechnische Qualität. Bis 3. Dezember beim Lang (Seilerstätte 16).

Erschienen am: 26.11.2004

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