Er sieht seine sehr gut ausgearbeiteten
klassischen Schwarzweißfotografien als eine Art Notizblock an: Merih
Akogul ist 1963 in Istanbul geboren, studierte dort Fotografie an der
Mimar Sinan Universität, begründete die "Gruppe 9", mit der er
international ausstellt, und lehrt an der Marmara Universität. 2003 bekam
der Dichter und Kunstfotograf das Stipendium des Bundeskanzleramts und war
über den Sommer Artist in Residence in Wien. Seine Bildserien stellt er
nun im Palais Porcia bis 9. Juni vor.
Dass er die Stadt im seit 150 Jahren heißesten Sommer erlebte, ist kaum
zu spüren. Auch suchte er nicht in den türkischen Vierteln nach
Situationen, die ihm auch nur irgend etwas Heimatliches vermittelt hätten.
Er will weder belehrend sein, noch soziokulturelle Grundlagen aufdecken.
Er hielt einfach nur Abstand und man sieht den Aufnahmen zwar an, dass er
mit großer Sympathie arbeitete, aber auch mit Respekt alles Befremdliche
einfängt. Dadurch kann diese Schau auch ein kleiner Lehrpfad für uns
werden: Ein Künstler aus dem moslemischen Kulturkreis nimmt christliche
Symbole, Gebete und Kirchen auf.
Feiner Humor
Dabei gelingt Akogul der ganz besondere Blick: In einer Gruppe von
Demonstranten – wohl Abtreibungsgegner am Stephansplatz – hat ein betendes
Mädchen ihre Augen himmelwärts gedreht. Sie wirkt wie eine Heilige aus
einem Bild der Romantik, aber an ihrem Hals prangt auf einem Pappschild
das Wort "Mutterkreuz". Handelt es sich also eher um eine ironisch
agierende Gegendemonstrantin? Es bleibt offen und so auch andere Szenen
mit dem Verkauf von Kruzifixen und Devotionalien zwischen Gläsern und
Büchern am Flohmarkt, einem Fiaker oder der Volksmusikgruppe neben
Auftritten von Jamaikanern. Akogul versteht es auch, Werbeplakate ins
Tagesgeschehen einzubeziehen oder fast surreale Situationen zu erzeugen:
Die erotisch bestrumpften Schaufensterpuppen in einem bekannten
Wäschegeschäft scheinen da fast auf einen Passanten loszumarschieren. An
anderer Stelle wird die Sprache, der Slogan, auf Plakaten und bei
nächtlicher Beleuchtung wesentlich – wie auch Spiegelungen oder Schatten
eingesetzt werden.
Der berühmte Kollege Brassai taucht nicht nur auf einem Plakat der
Albertina auf – Paare hat auch Akogul an vielen Orten eingefangen. Dem
Wissen über klassische Fotografie mengt sich feiner Humor bei: Die Wiener
Museen, der Prater, überall Hunde und die Friedhöfe als Favoriten der
Wiener sind dem Fotografen nicht entgangen. Selbst dem Pfeil zum
Mozartgrab ist er schon 2003 nachgegangen.
Sommer
Fotografien von Merih Akogul
Palais Porcia, Herrengasse 23, 1010 Wien
Bis 9. Juni
Lehrreicher Genuss.
Donnerstag, 18. Mai
2006