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Kunstberichte

Der andere Blick auf die Wiener

Die Kunstsektion des Bundeskanzleramtes präsentiert im Palais Porcia den Artist in Residence Merih Akogul
Illustration
- Das Porträt einer Stadt: Am Stephansplatz im heißen Sommer 2003.  Foto: Katalog

Das Porträt einer Stadt: Am Stephansplatz im heißen Sommer 2003. Foto: Katalog

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Er sieht seine sehr gut ausgearbeiteten klassischen Schwarzweißfotografien als eine Art Notizblock an: Merih Akogul ist 1963 in Istanbul geboren, studierte dort Fotografie an der Mimar Sinan Universität, begründete die "Gruppe 9", mit der er international ausstellt, und lehrt an der Marmara Universität. 2003 bekam der Dichter und Kunstfotograf das Stipendium des Bundeskanzleramts und war über den Sommer Artist in Residence in Wien. Seine Bildserien stellt er nun im Palais Porcia bis 9. Juni vor.

Dass er die Stadt im seit 150 Jahren heißesten Sommer erlebte, ist kaum zu spüren. Auch suchte er nicht in den türkischen Vierteln nach Situationen, die ihm auch nur irgend etwas Heimatliches vermittelt hätten. Er will weder belehrend sein, noch soziokulturelle Grundlagen aufdecken. Er hielt einfach nur Abstand und man sieht den Aufnahmen zwar an, dass er mit großer Sympathie arbeitete, aber auch mit Respekt alles Befremdliche einfängt. Dadurch kann diese Schau auch ein kleiner Lehrpfad für uns werden: Ein Künstler aus dem moslemischen Kulturkreis nimmt christliche Symbole, Gebete und Kirchen auf.

Feiner Humor

Dabei gelingt Akogul der ganz besondere Blick: In einer Gruppe von Demonstranten – wohl Abtreibungsgegner am Stephansplatz – hat ein betendes Mädchen ihre Augen himmelwärts gedreht. Sie wirkt wie eine Heilige aus einem Bild der Romantik, aber an ihrem Hals prangt auf einem Pappschild das Wort "Mutterkreuz". Handelt es sich also eher um eine ironisch agierende Gegendemonstrantin? Es bleibt offen und so auch andere Szenen mit dem Verkauf von Kruzifixen und Devotionalien zwischen Gläsern und Büchern am Flohmarkt, einem Fiaker oder der Volksmusikgruppe neben Auftritten von Jamaikanern. Akogul versteht es auch, Werbeplakate ins Tagesgeschehen einzubeziehen oder fast surreale Situationen zu erzeugen: Die erotisch bestrumpften Schaufensterpuppen in einem bekannten Wäschegeschäft scheinen da fast auf einen Passanten loszumarschieren. An anderer Stelle wird die Sprache, der Slogan, auf Plakaten und bei nächtlicher Beleuchtung wesentlich – wie auch Spiegelungen oder Schatten eingesetzt werden.

Der berühmte Kollege Brassai taucht nicht nur auf einem Plakat der Albertina auf – Paare hat auch Akogul an vielen Orten eingefangen. Dem Wissen über klassische Fotografie mengt sich feiner Humor bei: Die Wiener Museen, der Prater, überall Hunde und die Friedhöfe als Favoriten der Wiener sind dem Fotografen nicht entgangen. Selbst dem Pfeil zum Mozartgrab ist er schon 2003 nachgegangen.

Sommer

Fotografien von Merih Akogul

Palais Porcia, Herrengasse 23, 1010 Wien

Bis 9. Juni

Lehrreicher Genuss.

Donnerstag, 18. Mai 2006


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