Cy Twombly, ein Hauptvertreter des abstrakten Expressionismus, ist gestorben

Die Abstraktion des Mythos


Rom/Wien.

Cy Twombly hatte ein Faible für ungewöhnliche und große Formate: „The Rose (III)”. Foto:apa/Andy Rain

Cy Twombly hatte ein Faible für ungewöhnliche und große Formate: „The Rose (III)”. Foto:apa/Andy Rain© EPA Cy Twombly hatte ein Faible für ungewöhnliche und große Formate: „The Rose (III)”. Foto:apa/Andy Rain© EPA

Cy Twombly ist tot. Der US-amerikanische Maler, Objektkünstler und Fotograf starb am 5. Juli in Rom. Twombly gilt als einer der wichtigsten Vertreter des abstrakten Expressionismus. In der Saison 2010/2011 gestaltete er die Verhängung des Eisernen Vorhangs in der Wiener Staatsoper.

Cy Twombly wurde am 25. April 1928 in Lexington im US-Bundesstaat Virginia als Edwin Parker Twombly geboren. Sein Vater war professioneller Baseballspieler und hatte den Spitznamen "Cy" nach dem Baseball-Star Cy Young. Der Spitzname des Vaters übertrug sich auf den Sohn und wurde schließlich zu dessen Vornamen.

Nach seiner Ausbildung zum Maler in den USA schließt sich Twombly jenen intellektuellen Amerikanern an, die auf Reisen gehen und sich an der europäischen Kultur orientierten. Sein Malerkollege Robert Rauschenberg übt dabei ebenso einen prägenden Einfluss aus wie der Schriftsteller und Komponist Paul Bowles.

Cy Twombly (1928-2011). Foto:dpa

Cy Twombly (1928-2011). Foto:dpa© EPA Cy Twombly (1928-2011). Foto:dpa© EPA

1953 kehrt Twombly nach ausgedehnten Reisen in die USA zurück. Er teilt sich in New York mit Rauschenberg ein Atelier, auch seine erste Ausstellung ist eine Gemeinschaftsausstellung mit Rauschenberg.

Den Militärdienst und einen Lehrauftrag später übersiedelt Twombly 1957 endgültig nach Europa. Er macht Rom zu seinem Hauptwohnsitz, arbeitet aber auch auf der Insel Procida im Golf von Neapel und auf Ischia. Später bereist er Griechenland. Längere Zeit hält er sich im Grödnertal auf, wo die Familie seiner Frau Tatiana Franchetti das Castel Gardena besitzt. Seine letzten Lebensjahre verbringt Twombly in Rom.

Twombly folgt in seiner Malerei Jackson Pollock und Willem de Kooning. Charakteristisch für Twombly ist allerdings, dass er seine Malerei vor allem aus europäischen Quellen speist. So interessiert er sich für den deutschen Expressionismus, die Dada-Bewegung sowie für die Werke von Kurt Schwitters und Chaim Soutine. Die Gedichte Stéphane Mallarmés lösen bei Twombly den großen Inspirationsschub aus. Mallarmés Idee, an die Stelle der Beschreibung die Suggestion zu setzen, tradierte Formen aufzulösen und neue Formen zu entwickeln, die kongruent zur Aussage sind, ist für Twombly die entscheidende Erkenntnis.

Schrift und Chiffre
Twomblys Malerei bewegt sich im Spannungsverhältnis der zumeist großen Formate und der Kleinteiligkeit seiner Bildsprache. Vieles erinnert an zu Kritzeleien abstrahierte Schrift. Später wendet sich Twombly Themen der antiken Mythen zu und integriert in seine Bilder kryptische Wortfragmente, oft in verwischter Schrift, und Chiffren, die der Betrachter als bedeutend erkennt, ohne die Bedeutung konkret benennen zu können. Blumenmotive und menschliche Lippen erscheinen jetzt immer häufiger in Twomblys Malerei. Immer wieder übermalt Twombly die Zeichen. Wiederholt kehrt er zu Bildern zurück, die längst als abgeschlossen gelten. Einer Anekdote zufolge soll der Galerist und Twombly-Sammler Lothar Schirmer einmal gesagt haben: "Wenn man einen Twombly besitzt, kann man nie sicher sein, ob er nicht nach zwanzig Jahren plötzlich noch einmal vorbeikommt, um das Bild neu zu übermalen."

In Twomblys Skulpturen erscheinen "Objets trouvés" wie Holzstücke und Wagenräder. Seine Skulpturen und Figurinen bemalt Twombly mit weißer Farbe. Sie strahlen Reinheit aus und wirken weniger als Kunstwerk denn als Setzung geheimer Zeichen. An den Surrealismus gemahnen indessen Twomblys Fotos: Er sucht ungewöhnliche Blickwinkel oder geht mit der Kamera so nahe an ein Objekt heran, dass es sich aus dem Kontext löst.

Die stilistische Klarheit und nicht zuletzt die geistige Verankerung im Mythos gewinnen Twomblys Arbeiten jene überzeitliche Bedeutung, in welcher der Tod eines Künstlers nicht mehr ist als ein bedauerliches biografisches Faktum.




URL: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kunst/?em_cnt=289128&em_loc=77
© 2011 Wiener Zeitung