Artikel aus profil Nr. 11/2003
Albert-Diva

Museen. Diese Woche wird die generalsanierte Albertina wiedereröffnet. Direktor Klaus Albrecht Schröder will aus dem Traditionshaus Wiens bestes Museum machen. Dafür nimmt er viel in Kauf – zur Not auch den freizügigen Umgang mit Millionenbeträgen und Kunstwerken.
Mit straffem Scheitel, tadellos gepflegten Händen und einem Hemd, so perfekt gebügelt, als käme es frisch aus der Zellophanverpackung, sitzt Klaus Albrecht Schröder, der erfolgreiche Kulturmanager, in seinem Büro. Die Fingernägel klackern ungeduldig auf die Tischplatte, wenn Schröder Episoden aus jener Zeit erzählt, als noch keine Chefsessel für ihn bereitstanden. „Das ist ja schon die Urgeschichte, nicht einmal mehr die Frühgeschichte. Das ist so weit weg, da führt kein direkter Weg zu einem Albertina-Direktor.“

Dass der damalige Uni-Assistent in der Osterwoche 1984 zufällig im Kunsthistorischen Institut der Uni Wien den Hörer abhob? Dass der damalige Länderbank-Chef Franz Vranitzky am Apparat war und jemanden suchte, der seine Bankfilialen mit ein paar Bildern ausstatten würde? „Das war ja kein Glück“, so Schröder. „Es gibt hunderte Menschen auf der Welt, die für Banken Zweigstellenausstellungen machen.“ Aber es gebe „nur wenige, denen es gelungen ist, aus dieser Möglichkeit heraus eine für damalige Begriffe führende Kunsthalle zu machen“: Klaus Albrecht Schröder.

Seine Karriere wurde zum Triumphzug: Nachdem er die Bank überredet hatte, 1985 das Kunstforum zu gründen, manövrierte er das Haus zielstrebig auf Platz drei der bestbesuchten Museen der Republik. 1996 wurde er zum Kaufmännischen Direktor der Stiftung Leopold ernannt, das Land Salzburg holte ihn als Berater für die Neuordnung der Salzburger Museumslandschaft.

Seither ist kein Halten mehr. „Glück heißt, Klaus Albrecht Schröder zu sein“, schwärmte, ohne jeden Anflug von Ironie, der „Kurier“. Abwechselnd wird Schröder, der 1,91-Meter-Mann mit kantigem Kinn, seit Jahren als „kreativer Kunstmanager“, „Kanzler Schröder“ oder als „hünenhafter Siegertyp“ angepriesen. Aus der Phalanx der Bewunderer tritt entschlossen Rudolf Leopold, Direktor des Leopold Museums, heraus, der sich mit Schröder, seinem ehemaligen Mitarbeiter, im Lauf der gemeinsamen Zusammenarbeit unversöhnlich überworfen hat: „Zwar ist Schröder ein versierter Marketingmann, aber weder ein großer Kenner von Gemälden noch von Zeichnungen. So fanden sich in der von ihm zusammengestellten Waldmüller-Schau des Kunstforums Fälschungen beziehungsweise Kopien. Mir selbst hat er einige Male Blätter von Kubin und Schiele vorgelegt. Manche, die er für falsch hielt, waren echt – und umgekehrt.“ Vorwürfe, die der dissertierte Kunsthistoriker Schröder so absurd findet, dass er sie nicht einmal kommentieren will.

Schröder hatte mit seinen virtuosen PR-Strategien und „raubtierhaftem Kosmopolitentum“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) das Jobprofil eines Museumsdirektors in Österreich völlig neu definiert: In Hinkunft, so die Botschaft, würden nicht mehr liebenswürdige ältere Herren in Chefetagen residieren, sondern gewiefte Manager ihre Häuser in die Kampfzone der Besuchermaximierung führen.

Im August 1999 musste für die Graphische Sammlung Albertina ein neuer Chef gefunden werden. Klaus Albrecht Schröder leitete damals das Wiener Kunstforum, hatte van Gogh ausgestellt und bislang ungesehene Schiele-Werke präsentiert. Allein: „Irgendwann ist mir langweilig geworden“, erinnert er sich heute. „Das Kunstforum war mir zu klein.“

Neuer Job

Nun versprach die Graphische Sammlung Albertina damals nicht unbedingt einen Platz an der Sonne. Das massive und düstere Palais am Rande des Wiener Burggartens dämmerte seit Jahrzehnten vor sich hin. Eine Raffael-Schau des Hauses war mit 7000 Besuchern kläglich abgestürzt, Egon Schiele hatte gerade mal 1300 Besucher angelockt. Die Albertina war kein Museum, sondern eine wissenschaftliche Anstalt, in erster Linie zu Sammlungs- und Forschungstätigkeit verpflichtet. Jobs für Strahlemann Klaus Albrecht Schröder sehen anders aus.

Doch Schröder griff zu. Die seit 1994 für Besucher geschlossene Albertina zählt zu den weltweit führenden Häusern ihrer Art. Die Sammlung umfasst 44.000 Zeichnungen und rund 1,5 Millionen druckgrafische Blätter: Neben Werken von Peter Paul Rubens, Rembrandt und den italienischen Künstlern der Hochrenaissance wie Leonardo da Vinci, Michelangelo oder Raffael liegen 700 Kokoschkas, 200 Klimts, 180 Schieles und 250 Picassos hinter den grauen Mauern verborgen. Daraus sollte sich doch etwas machen lassen.

Schröder kam, sah und plante in Feldherrenmanier: „Nächste Woche eröffnet nicht eine sanierte Albertina, sondern ein neues Museum“, stellt er stolz klar. 1992 war im Rahmen der Museumsmilliarde die Errichtung eines Tiefenspeichers in der Au-gustinerbastei und eines Studiengebäudes beschlossen worden. Doch Schröder legte sich die Latte höher: Aus dem morschen Gemäuer stampfte er eine Museumslandschaft, einen respekteinflößenden Bau mit wuchtigen Säulen und renovierten Statuen.

Von Kritikern inzwischen gern als „Albert-Diva“ bespöttelt, ließ Schröder das Palais inklusive Prunkräume sanieren, gab für das Do&Co-Restaurant und den blitzenden Museumsshop mit den eleganten Kirschmöbeln acht Millionen Euro aus und schaffte sich zwei Ausstellungshallen von je rund 850 Quadratmetern an, ausgestattet mit allem High-Tech-Komfort. Von den ursprünglich geplanten 25 Umbaumillionen bewegte sich der neue Albertina-Chef weit weg: „Schröder hat seit Amtsantritt rund 90.000 Euro pro Tag verbaut“, rechnet der für den Umbau zuständige Burghauptmann Wolfgang Beer vor. Insgesamt belaufen sich die Bruttokosten für den Umbau der Albertina auf stolze 100 Millionen Euro. Das Museumsquartier war mit seinen großen Neubauten und Res-taurierungen um vergleichsweise mickrige 145 Millionen zu haben.

Geldregen

Der Albertina-Ausbau kam sogar noch teurer als veranschlagt: Laut jüngs-ten Angaben sind 13 Millionen Euro mehr verbaut worden, als Schröder im Jahr 2001 auf der Präsentationspressekonferenz bekannt gab (87 Millionen Euro). Wie diese Steigerung zustande kam, kann selbst der Medienvirtuose Schröder nicht schlüssig erklären: „Ich bin nicht derjenige, der das Budget plant, und habe keinen Einblick in die Kosten des Bundes“, verweist er an das zuständige Ministerium. „Ich kann mich nur darauf verlassen, dass die Summe, die uns vom Bund zugesagt wurde, auch tatsächlich ausgegeben wurde.“

Nach heutigen Berechnungen stammen 80 Millionen Euro vom Bund, 2,4 Millionen spendierte die Stadt Wien, 17 Millionen Euro schossen Sponsoren zu; die Brüder Hanno und Erwin Soravia finanzieren das von Hollein entworfene Flugdach über der Bastei. Der Stahlkonzern Böhler-Uddeholm hingegen, den Schröder 2001 öffentlich als Sponsor genannt hatte, weiß nichts von einem Vertrag: „Wir haben bloß vor einiger Zeit einen Brief mit einem Sponsorenansuchen von ihm bekommen“, so Randolf Fochler, Pressesprecher von Böhler-Uddeholm. „Aber es gibt in unserem Haus noch keine Entscheidung, ob wir das machen werden.“ Klaus Albrecht Schröder will seine Ankündigung nicht als schillernde Verlautbarungspolitik verstanden wissen, sondern als „Zusage, die nicht gehalten“ habe. „Das akzeptiere ich.“

Burghauptmann Beer lässt mit dem Vorwurf der Geldverschwendung aufhorchen. Man hätte Geld sparen können, so der Bundesvertreter, wenn die Baupläne von Anfang an klar gewesen und gleich geblieben wären. „Schröders Wünsche waren aber von Anfang an nicht klar. Es gab eine Hin-und- her-Zieherei zwischen Nobelrestaurant und Kaffeehaus mit mehrfachen Lageverschiebungen. Im Shop wurde gewaltig geändert, irgendwann kam die Hofüberdachung dazu, dann die Fassadenrenovierung.“ Es hätte nie einen fertigen Plan gegeben, der durchgebaut worden wäre. „Kurz vor Weihnachten 2002 tauchte plötzlich der Wunsch auf, über der Sphinx-Stiege eine Klimazentrale einzubauen. So geht das dahin.“

Verzögerungen

Im Gegenzug betont Schröder, dass sich das „Raum- und Funktionsprogramm“, das er 1999 ausarbeitete, „bis heute nicht verändert“ habe. Für jene Bauverzögerungen, die dazu führten, dass das Palais nicht rechtzeitig zur Eröffnung fertig werde, sei nicht er verantwortlich. Die Verschiebung des Liftes in der Pfeilerhalle etwa habe er „gleich am zweiten Tag veranlasst“. Dass mit der Fassadenrenovierung und der Sanierung der Sphinx-Stiege nicht rechtzeitig begonnen wurde, liege an der zu späten Auftragsvergabe durch die Burghauptmannschaft.

Das Bundesdenkmalamt hatte in der Tat massive Bedenken gegen Schröders Umbauelan, vor allem gegen die baulichen Maßnahmen, die nötig waren, um die von Schröder gewünschte Wechselausstellungshalle zu errichten. Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens stellte die damalige Landeskonservatorin Eva-Maria Höhle fest, dass der Bibliotheksgang aus dem Biedermeier als absolut schutzwürdig einzustufen sei. Schröder legte Berufung gegen den Bescheid ein, und die zweite Instanz, Elisabeth Gehrers Bildungsministerium, gab ihm statt. „Das ist eine Unterschrift, die ich mehr oder weniger gezwungenermaßen geben musste“, sagt Burghauptmann Beer. Die Biedermeier-Gewölbe und Schränke wurden herausgerissen. „Das verstehe ich nicht“, so Beer. Und Eva-Maria Höhle, die vor einem Jahr Generalkonservatorin wurde, meint, dass die Bestände wertvoll genug gewesen wären, um sie zu verkaufen oder an einem anderen Ort aufzubewahren. „Das hätte aber mehr Zeit gebraucht“, so Höhle. Zeit, die Schröder wohl nicht hatte.

Für Schröder sind die Vorwürfe „schlechte Witzchen“. „Das waren Schränke von 1865. Verkaufen hätte man sie nicht können, denn sie waren wertlos.“ Der Gang wäre in seiner alten Form „nicht zu nutzen“ gewesen. „Jetzt haben wir eine Ausstellungsgelegenheit, die die Albertina braucht.“ Tatsächlich hätte die Albertina auf ihre wichtigste Halle verzichten müssen, wäre der Bibliotheksgang erhalten worden.

Während beide Ausstellungshallen der neuen Albertina ab 14. März mit Publikumslieblingen wie Edward Munch bespielt werden, ist der bereits seit letztem Jahr fertig gestellte Tiefenspeicher noch immer nicht bezogen. Das 18 Millionen Euro teure Depot stand 1994 am Beginn der Umbauüberlegungen und ist für die Tätigkeit der Albertina als Forschungsanstalt von zentraler Bedeutung: In ihm soll die Sammlung gelagert werden. Nach dem Brand der benachbarten Redoutensäle 1992 wurde die millionenschwere Grafiksammlung in extra angemietete Räume der Nationalbibliothek ausgelagert. Bundesministerin Gehrer antwortete auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen vom Juli 2001, dass die Sammlung dort „in sicherheitstechnisch und konservatorisch optimaler Weise“ untergebracht sei. Schröder hingegen klagt heute, dass „die Nationalbibliothek denkbar ungeeignet für unsere Sammlung“ sei.

Leere Räume

Der Tiefenspeicher kann erst 2009 bezogen werden, da das Wirtschaftsministerium die nötigen Mittel für den Ankauf der Regalsysteme nicht früher zur Verfügung stellt. Damit bleibt auch der ebenso seit letztem Jahr bezugsfertige, sieben Millionen Euro teure Studiensaal weitere sechs Jahre geschlossen. Mehr, als sich ein Ende der Extramietkosten zu wünschen, haben freilich weder Schröder noch Gehrer bislang gegen dieses Provisorium unternommen. Und das, obwohl die Nationalbibliothek Schröder bereits wissen ließ, dass sie ihre Räume ab 2005 für eigene Zwecke zurückhaben wolle.

Vor kurzem tat sich für Schröder eine weitere, nicht minder brisante Flanke auf: Der Ausstellungsbetrieb des bislang verwöhnten Kulturmachers ist ernsthaft gefährdet. Sollte die Basisdotierung des Bundes für den laufenden Museumsbetrieb nicht bald erhöht werden, sei sein prächtiges Museum am Ende: „Wir könnten die Miete, die Betriebskosten, das Personal nicht bezahlen“, haute er letzte Woche medial auf die Pauke. „Wir als größtes Dürer-Museum dürften nicht einmal mehr darüber nachdenken, ob wir uns überhaupt eine Dürer-Ausstellung leisten können“, sieht Schröder das Abendrot dämmern. Dabei war die Basisabgeltung bereits nach Schröders Amtsantritt 1999 von 3,3 Millionen Euro auf 5,1 Millionen aufgestockt worden – für Jahre also, in denen die Albertina gar nicht ausstellte.

Dass Schröders Museum den Bund in Hinkunft mehr als geplant kosten würde, wurde im vergangenen Jänner evident: Das kontrollierende Kuratorium der Albertina lehnte den von Schröder vorgelegten Budgetentwurf für 2003 ab. Kuratoriumsvorsitzende Brigitte Böck damals: „Wir erwarten uns einen neuen Vorschlag, der mehr den Realitäten entspricht. Man darf nicht mit Zahlen jonglieren, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen.“ Um sein Defizit zu decken, hatte Schröder zwei Millionen Euro aus Privatsponsormitteln in seinem Budget eingetragen. „An diese Mittel glaube ich jetzt nicht mehr“, gesteht er ein – und stellt Gehrers Ministerium vor das Horrorszenario unbezahlbarer Personalkosten.

More of the same

Damit wird die Republik künftig wohl acht statt fünf Millionen Euro für Ausstellungen zuschießen müssen, die sich zum Teil auf jenem Territorium bewegen, das in Wien gleich von mehreren Museen bestellt wird: der publikums-trächtigen Malerei der klassischen Moderne. Während Albertina-Chef Schröder die Teilnahme selbst an renommierten Grafik-Biennalen ablehnt, hat er große Schauen über Edward Munch, Gustav Klimt oder Egon Schiele avisiert. Maler also, die auch im Fokus der Stiftung Leopold, der Österreichischen Galerie Belvedere und des Kunstforums liegen. Für Wiens Museumslandschaft gilt somit: more of the same. Erst letzte Woche gab Elisabeth Gehrer eine Museumsstudie in Auftrag, die solche Verdopplungen verhindern soll – just zu jenem Zeitpunkt also, in dem sie sich anschickt, der Albertina mit zusätzlichen Budgetmitteln genau diese Doppelgleisigkeiten zu finanzieren.

Ein Kurswechsel von Kapitän Schröder ist dennoch nicht zu erwarten. „Was immer er macht, macht er sehr zielstrebig“, sagt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann, der mit Schröder seit über 20 Jahren befreundet ist. „Wenn Klaus von einer Sache überzeugt ist, stellt er sie derart in den Mittelpunkt, als ob sie die wichtigste der Welt wäre.“ Da kann es freilich schon mal vorkommen, dass die Welt nicht ganz so ist, wie Schröder sie will. Gern rückt er die Schätze der Albertina in den Mittelpunkt seiner Ausstellungspolitik. Für kommenden Juni kündigt Schröder in Hochglanzfoldern eine große Retrospektive des französischen Fotografen Brassai „mit 250 Arbeiten aus der Albertina und dem Centre Pompidou“ an. Die Albertina besitzt ein einziges Foto von Brassai. Es könnten, sagt Schröder, aber auch fünf sein.

Autor: Wolfgang Paterno und Peter Schneeberger; Foto: Manfred Klimek


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