Museen. Diese Woche wird die generalsanierte Albertina
wiedereröffnet. Direktor Klaus Albrecht Schröder will aus dem
Traditionshaus Wiens bestes Museum machen. Dafür nimmt er viel in
Kauf – zur Not auch den freizügigen Umgang mit Millionenbeträgen und
Kunstwerken.
Mit straffem Scheitel, tadellos
gepflegten Händen und einem Hemd, so perfekt gebügelt, als käme es
frisch aus der Zellophanverpackung, sitzt Klaus Albrecht Schröder,
der erfolgreiche Kulturmanager, in seinem Büro. Die Fingernägel
klackern ungeduldig auf die Tischplatte, wenn Schröder Episoden aus
jener Zeit erzählt, als noch keine Chefsessel für ihn bereitstanden.
„Das ist ja schon die Urgeschichte, nicht einmal mehr die
Frühgeschichte. Das ist so weit weg, da führt kein direkter Weg zu
einem Albertina-Direktor.“
Dass der damalige Uni-Assistent in
der Osterwoche 1984 zufällig im Kunsthistorischen Institut der Uni
Wien den Hörer abhob? Dass der damalige Länderbank-Chef Franz
Vranitzky am Apparat war und jemanden suchte, der seine Bankfilialen
mit ein paar Bildern ausstatten würde? „Das war ja kein Glück“, so
Schröder. „Es gibt hunderte Menschen auf der Welt, die für Banken
Zweigstellenausstellungen machen.“ Aber es gebe „nur wenige, denen
es gelungen ist, aus dieser Möglichkeit heraus eine für damalige
Begriffe führende Kunsthalle zu machen“: Klaus Albrecht
Schröder.
Seine Karriere wurde zum Triumphzug: Nachdem er die
Bank überredet hatte, 1985 das Kunstforum zu gründen, manövrierte er
das Haus zielstrebig auf Platz drei der bestbesuchten Museen der
Republik. 1996 wurde er zum Kaufmännischen Direktor der Stiftung
Leopold ernannt, das Land Salzburg holte ihn als Berater für die
Neuordnung der Salzburger Museumslandschaft.
Seither ist
kein Halten mehr. „Glück heißt, Klaus Albrecht Schröder zu sein“,
schwärmte, ohne jeden Anflug von Ironie, der „Kurier“. Abwechselnd
wird Schröder, der 1,91-Meter-Mann mit kantigem Kinn, seit Jahren
als „kreativer Kunstmanager“, „Kanzler Schröder“ oder als
„hünenhafter Siegertyp“ angepriesen. Aus der Phalanx der Bewunderer
tritt entschlossen Rudolf Leopold, Direktor des Leopold Museums,
heraus, der sich mit Schröder, seinem ehemaligen Mitarbeiter, im
Lauf der gemeinsamen Zusammenarbeit unversöhnlich überworfen hat:
„Zwar ist Schröder ein versierter Marketingmann, aber weder ein
großer Kenner von Gemälden noch von Zeichnungen. So fanden sich in
der von ihm zusammengestellten Waldmüller-Schau des Kunstforums
Fälschungen beziehungsweise Kopien. Mir selbst hat er einige Male
Blätter von Kubin und Schiele vorgelegt. Manche, die er für falsch
hielt, waren echt – und umgekehrt.“ Vorwürfe, die der dissertierte
Kunsthistoriker Schröder so absurd findet, dass er sie nicht einmal
kommentieren will.
Schröder hatte mit seinen virtuosen
PR-Strategien und „raubtierhaftem Kosmopolitentum“ („Frankfurter
Allgemeine Zeitung“) das Jobprofil eines Museumsdirektors in
Österreich völlig neu definiert: In Hinkunft, so die Botschaft,
würden nicht mehr liebenswürdige ältere Herren in Chefetagen
residieren, sondern gewiefte Manager ihre Häuser in die Kampfzone
der Besuchermaximierung führen.
Im August 1999 musste für
die Graphische Sammlung Albertina ein neuer Chef gefunden werden.
Klaus Albrecht Schröder leitete damals das Wiener Kunstforum, hatte
van Gogh ausgestellt und bislang ungesehene Schiele-Werke
präsentiert. Allein: „Irgendwann ist mir langweilig geworden“,
erinnert er sich heute. „Das Kunstforum war mir zu klein.“
Neuer Job
Nun versprach die
Graphische Sammlung Albertina damals nicht unbedingt einen Platz an
der Sonne. Das massive und düstere Palais am Rande des Wiener
Burggartens dämmerte seit Jahrzehnten vor sich hin. Eine
Raffael-Schau des Hauses war mit 7000 Besuchern kläglich abgestürzt,
Egon Schiele hatte gerade mal 1300 Besucher angelockt. Die Albertina
war kein Museum, sondern eine wissenschaftliche Anstalt, in erster
Linie zu Sammlungs- und Forschungstätigkeit verpflichtet. Jobs für
Strahlemann Klaus Albrecht Schröder sehen anders aus.
Doch
Schröder griff zu. Die seit 1994 für Besucher geschlossene Albertina
zählt zu den weltweit führenden Häusern ihrer Art. Die Sammlung
umfasst 44.000 Zeichnungen und rund 1,5 Millionen druckgrafische
Blätter: Neben Werken von Peter Paul Rubens, Rembrandt und den
italienischen Künstlern der Hochrenaissance wie Leonardo da Vinci,
Michelangelo oder Raffael liegen 700 Kokoschkas, 200 Klimts, 180
Schieles und 250 Picassos hinter den grauen Mauern verborgen. Daraus
sollte sich doch etwas machen lassen.
Schröder kam, sah und
plante in Feldherrenmanier: „Nächste Woche eröffnet nicht eine
sanierte Albertina, sondern ein neues Museum“, stellt er stolz klar.
1992 war im Rahmen der Museumsmilliarde die Errichtung eines
Tiefenspeichers in der Au-gustinerbastei und eines Studiengebäudes
beschlossen worden. Doch Schröder legte sich die Latte höher: Aus
dem morschen Gemäuer stampfte er eine Museumslandschaft, einen
respekteinflößenden Bau mit wuchtigen Säulen und renovierten
Statuen.
Von Kritikern inzwischen gern als „Albert-Diva“
bespöttelt, ließ Schröder das Palais inklusive Prunkräume sanieren,
gab für das Do&Co-Restaurant und den blitzenden Museumsshop mit
den eleganten Kirschmöbeln acht Millionen Euro aus und schaffte sich
zwei Ausstellungshallen von je rund 850 Quadratmetern an,
ausgestattet mit allem High-Tech-Komfort. Von den ursprünglich
geplanten 25 Umbaumillionen bewegte sich der neue Albertina-Chef
weit weg: „Schröder hat seit Amtsantritt rund 90.000 Euro pro Tag
verbaut“, rechnet der für den Umbau zuständige Burghauptmann
Wolfgang Beer vor. Insgesamt belaufen sich die Bruttokosten für den
Umbau der Albertina auf stolze 100 Millionen Euro. Das
Museumsquartier war mit seinen großen Neubauten und Res-taurierungen
um vergleichsweise mickrige 145 Millionen zu haben.
Geldregen
Der Albertina-Ausbau kam sogar
noch teurer als veranschlagt: Laut jüngs-ten Angaben sind 13
Millionen Euro mehr verbaut worden, als Schröder im Jahr 2001 auf
der Präsentationspressekonferenz bekannt gab (87 Millionen Euro).
Wie diese Steigerung zustande kam, kann selbst der Medienvirtuose
Schröder nicht schlüssig erklären: „Ich bin nicht derjenige, der das
Budget plant, und habe keinen Einblick in die Kosten des Bundes“,
verweist er an das zuständige Ministerium. „Ich kann mich nur darauf
verlassen, dass die Summe, die uns vom Bund zugesagt wurde, auch
tatsächlich ausgegeben wurde.“
Nach heutigen Berechnungen
stammen 80 Millionen Euro vom Bund, 2,4 Millionen spendierte die
Stadt Wien, 17 Millionen Euro schossen Sponsoren zu; die Brüder
Hanno und Erwin Soravia finanzieren das von Hollein entworfene
Flugdach über der Bastei. Der Stahlkonzern Böhler-Uddeholm hingegen,
den Schröder 2001 öffentlich als Sponsor genannt hatte, weiß nichts
von einem Vertrag: „Wir haben bloß vor einiger Zeit einen Brief mit
einem Sponsorenansuchen von ihm bekommen“, so Randolf Fochler,
Pressesprecher von Böhler-Uddeholm. „Aber es gibt in unserem Haus
noch keine Entscheidung, ob wir das machen werden.“ Klaus Albrecht
Schröder will seine Ankündigung nicht als schillernde
Verlautbarungspolitik verstanden wissen, sondern als „Zusage, die
nicht gehalten“ habe. „Das akzeptiere ich.“
Burghauptmann
Beer lässt mit dem Vorwurf der Geldverschwendung aufhorchen. Man
hätte Geld sparen können, so der Bundesvertreter, wenn die Baupläne
von Anfang an klar gewesen und gleich geblieben wären. „Schröders
Wünsche waren aber von Anfang an nicht klar. Es gab eine Hin-und-
her-Zieherei zwischen Nobelrestaurant und Kaffeehaus mit mehrfachen
Lageverschiebungen. Im Shop wurde gewaltig geändert, irgendwann kam
die Hofüberdachung dazu, dann die Fassadenrenovierung.“ Es hätte nie
einen fertigen Plan gegeben, der durchgebaut worden wäre. „Kurz vor
Weihnachten 2002 tauchte plötzlich der Wunsch auf, über der
Sphinx-Stiege eine Klimazentrale einzubauen. So geht das dahin.“
Verzögerungen
Im Gegenzug
betont Schröder, dass sich das „Raum- und Funktionsprogramm“, das er
1999 ausarbeitete, „bis heute nicht verändert“ habe. Für jene
Bauverzögerungen, die dazu führten, dass das Palais nicht
rechtzeitig zur Eröffnung fertig werde, sei nicht er verantwortlich.
Die Verschiebung des Liftes in der Pfeilerhalle etwa habe er „gleich
am zweiten Tag veranlasst“. Dass mit der Fassadenrenovierung und der
Sanierung der Sphinx-Stiege nicht rechtzeitig begonnen wurde, liege
an der zu späten Auftragsvergabe durch die
Burghauptmannschaft.
Das Bundesdenkmalamt hatte in der Tat
massive Bedenken gegen Schröders Umbauelan, vor allem gegen die
baulichen Maßnahmen, die nötig waren, um die von Schröder gewünschte
Wechselausstellungshalle zu errichten. Im Rahmen des
Genehmigungsverfahrens stellte die damalige Landeskonservatorin
Eva-Maria Höhle fest, dass der Bibliotheksgang aus dem Biedermeier
als absolut schutzwürdig einzustufen sei. Schröder legte Berufung
gegen den Bescheid ein, und die zweite Instanz, Elisabeth Gehrers
Bildungsministerium, gab ihm statt. „Das ist eine Unterschrift, die
ich mehr oder weniger gezwungenermaßen geben musste“, sagt
Burghauptmann Beer. Die Biedermeier-Gewölbe und Schränke wurden
herausgerissen. „Das verstehe ich nicht“, so Beer. Und Eva-Maria
Höhle, die vor einem Jahr Generalkonservatorin wurde, meint, dass
die Bestände wertvoll genug gewesen wären, um sie zu verkaufen oder
an einem anderen Ort aufzubewahren. „Das hätte aber mehr Zeit
gebraucht“, so Höhle. Zeit, die Schröder wohl nicht
hatte.
Für Schröder sind die Vorwürfe „schlechte Witzchen“.
„Das waren Schränke von 1865. Verkaufen hätte man sie nicht können,
denn sie waren wertlos.“ Der Gang wäre in seiner alten Form „nicht
zu nutzen“ gewesen. „Jetzt haben wir eine Ausstellungsgelegenheit,
die die Albertina braucht.“ Tatsächlich hätte die Albertina auf ihre
wichtigste Halle verzichten müssen, wäre der Bibliotheksgang
erhalten worden.
Während beide Ausstellungshallen der neuen
Albertina ab 14. März mit Publikumslieblingen wie Edward Munch
bespielt werden, ist der bereits seit letztem Jahr fertig gestellte
Tiefenspeicher noch immer nicht bezogen. Das 18 Millionen Euro teure
Depot stand 1994 am Beginn der Umbauüberlegungen und ist für die
Tätigkeit der Albertina als Forschungsanstalt von zentraler
Bedeutung: In ihm soll die Sammlung gelagert werden. Nach dem Brand
der benachbarten Redoutensäle 1992 wurde die millionenschwere
Grafiksammlung in extra angemietete Räume der Nationalbibliothek
ausgelagert. Bundesministerin Gehrer antwortete auf eine
parlamentarische Anfrage der Grünen vom Juli 2001, dass die Sammlung
dort „in sicherheitstechnisch und konservatorisch optimaler Weise“
untergebracht sei. Schröder hingegen klagt heute, dass „die
Nationalbibliothek denkbar ungeeignet für unsere Sammlung“ sei.
Leere Räume
Der
Tiefenspeicher kann erst 2009 bezogen werden, da das
Wirtschaftsministerium die nötigen Mittel für den Ankauf der
Regalsysteme nicht früher zur Verfügung stellt. Damit bleibt auch
der ebenso seit letztem Jahr bezugsfertige, sieben Millionen Euro
teure Studiensaal weitere sechs Jahre geschlossen. Mehr, als sich
ein Ende der Extramietkosten zu wünschen, haben freilich weder
Schröder noch Gehrer bislang gegen dieses Provisorium unternommen.
Und das, obwohl die Nationalbibliothek Schröder bereits wissen ließ,
dass sie ihre Räume ab 2005 für eigene Zwecke zurückhaben
wolle.
Vor kurzem tat sich für Schröder eine weitere, nicht
minder brisante Flanke auf: Der Ausstellungsbetrieb des bislang
verwöhnten Kulturmachers ist ernsthaft gefährdet. Sollte die
Basisdotierung des Bundes für den laufenden Museumsbetrieb nicht
bald erhöht werden, sei sein prächtiges Museum am Ende: „Wir könnten
die Miete, die Betriebskosten, das Personal nicht bezahlen“, haute
er letzte Woche medial auf die Pauke. „Wir als größtes Dürer-Museum
dürften nicht einmal mehr darüber nachdenken, ob wir uns überhaupt
eine Dürer-Ausstellung leisten können“, sieht Schröder das Abendrot
dämmern. Dabei war die Basisabgeltung bereits nach Schröders
Amtsantritt 1999 von 3,3 Millionen Euro auf 5,1 Millionen
aufgestockt worden – für Jahre also, in denen die Albertina gar
nicht ausstellte.
Dass Schröders Museum den Bund in Hinkunft
mehr als geplant kosten würde, wurde im vergangenen Jänner evident:
Das kontrollierende Kuratorium der Albertina lehnte den von Schröder
vorgelegten Budgetentwurf für 2003 ab. Kuratoriumsvorsitzende
Brigitte Böck damals: „Wir erwarten uns einen neuen Vorschlag, der
mehr den Realitäten entspricht. Man darf nicht mit Zahlen
jonglieren, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen.“ Um sein
Defizit zu decken, hatte Schröder zwei Millionen Euro aus
Privatsponsormitteln in seinem Budget eingetragen. „An diese Mittel
glaube ich jetzt nicht mehr“, gesteht er ein – und stellt Gehrers
Ministerium vor das Horrorszenario unbezahlbarer
Personalkosten.
More of the
same
Damit wird die Republik künftig wohl acht statt
fünf Millionen Euro für Ausstellungen zuschießen müssen, die sich
zum Teil auf jenem Territorium bewegen, das in Wien gleich von
mehreren Museen bestellt wird: der publikums-trächtigen Malerei der
klassischen Moderne. Während Albertina-Chef Schröder die Teilnahme
selbst an renommierten Grafik-Biennalen ablehnt, hat er große
Schauen über Edward Munch, Gustav Klimt oder Egon Schiele avisiert.
Maler also, die auch im Fokus der Stiftung Leopold, der
Österreichischen Galerie Belvedere und des Kunstforums liegen. Für
Wiens Museumslandschaft gilt somit: more of the same. Erst letzte
Woche gab Elisabeth Gehrer eine Museumsstudie in Auftrag, die solche
Verdopplungen verhindern soll – just zu jenem Zeitpunkt also, in dem
sie sich anschickt, der Albertina mit zusätzlichen Budgetmitteln
genau diese Doppelgleisigkeiten zu finanzieren.
Ein
Kurswechsel von Kapitän Schröder ist dennoch nicht zu erwarten. „Was
immer er macht, macht er sehr zielstrebig“, sagt der Wiener
Philosoph Konrad Paul Liessmann, der mit Schröder seit über 20
Jahren befreundet ist. „Wenn Klaus von einer Sache überzeugt ist,
stellt er sie derart in den Mittelpunkt, als ob sie die wichtigste
der Welt wäre.“ Da kann es freilich schon mal vorkommen, dass die
Welt nicht ganz so ist, wie Schröder sie will. Gern rückt er die
Schätze der Albertina in den Mittelpunkt seiner Ausstellungspolitik.
Für kommenden Juni kündigt Schröder in Hochglanzfoldern eine große
Retrospektive des französischen Fotografen Brassai „mit 250 Arbeiten
aus der Albertina und dem Centre Pompidou“ an. Die Albertina besitzt
ein einziges Foto von Brassai. Es könnten, sagt Schröder, aber auch
fünf sein.
Autor: Wolfgang Paterno und Peter
Schneeberger; Foto: Manfred
Klimek