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20.10.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Baukultur nach 1945: Solide und unterschätzt
VON EVA MALE
"Moderat Modern". Ausstellung im Wien Museum rund um den Nachkriegsarchitekten Erich Boltenstern.

I
ch bin kein Neuerer und Bahnbrecher, das ist anderen Temperamenten vorbe halten. Aber ich habe mich stets be müht, aus jeder Aufgabe das Beste herauszuholen." So lautete die Selbsteinschätzung des Architekten Erich Boltenstern (1896-1991), der als einer der meistbeschäftigten Gestalter und Planer seiner Zeit eine Schlüsselfigur der Baukultur nach 1945 war. Der Architektur dieser Epoche widmet sich ab heute, Donnerstag, unter dem Titel "Moderat Modern" eine Ausstellung im Wien Museum. "Das Werk Boltensterns zieht sich wie ein roter Faden durch die Schau", erklärte der Direktor des Wien Museums, Wolfgang Kos, anlässlich der Eröffnung.

Ziel der Ausstellung ist es, die laut Kos "solide und unterschätzte Nachkriegsarchitektur" ins Blickfeld zu rücken. Die Einschränkungen der Zeit nach 1945 machten es notwendig, sparsam zu bauen. Arm sei aber nicht mit armselig gleichzusetzen. Die Architektur war sehr nahe an der Politik, "alles, was passierte, wurde von den politischen Parteien voll kontrolliert".

Die Ausstellung will auch Nachdenklichkeit über den Umgang mit Baukultur erzeugen; viel ist verschandelt oder verschwunden. Nun sollen "Dinge aus der Vergangenheit geholt und zu einer neuen Bewertung angeboten werden", was sich auch auf die Experten, die Architekten, bezieht: "Es gibt da ein Generationenproblem", so die Architektin Judith Eiblmayr, die die Ausstellung gemeinsam mit Iris Meder kuratiert hat; "erst die jüngere Generation kann sich der Nachkriegsarchitektur objektiv annähern". In der breiten Öffentlichkeit werden die meisten Bauten der späten 40er und 50er Jahre im Rückblick ohnehin negativ beurteilt - "aber es gibt einen zweiten Blick", so Kos.

Als Blickfänge für selbigen fungieren in der Ausstellung der von Boltenstern geplante, 1955 eröffnete Ringturm, mit seinen 73 Metern ein weit sichtbarer städtebaulicher Tribut an Amerika. Hat der Besucher das Ringturm-Modell in der Lobby passiert, findet er sich sogleich in der nachgebauten Opernpassage wieder, einem der wenigen positiv besetzten "schicken" Bauten der 50er (von Adolf Hoch/Wiener Stadtbauamt).

Gleich erkennt man die Säulen wieder und begibt sich zu einer Flanierrunde um den Ring, die in medias res führt. Vom Ringturm über den Gartenbau-Komplex und das Steyr-Haus, das den Ringstraßen-Galerien weichen musste, zur Staatsoper, die nach Boltensterns Plänen wieder aufgebaut wurde. Die Wiedereröffnung 1955 war das große Gefühlserlebnis für Österreich.

Durch eine Lounge mit Fünfziger-Flair - das von Leihgebern zur Verfügung gestellte Mobiliar darf zum Knotzen und Fernsehen benützt werden! - geht es dann in Kojen, die den einzelnen Schwerpunktthemen gewidmet sind, wie etwa Wohnen für jedermann, Messepavillons, Städtebau. Da finden sich neben vielem anderen Boltensterns Pläne für eine Bundespräsidentenvilla hinter der Gloriette (nicht realisiert), Entwürfe für "wachsende Häuser" - mit Kernräumen und beliebig erweiterbar -, aber auch liebenswerte Möbel wie ein "Handschuhkastl" oder ein "Seittischerl".

"Boltensterns Erfolg war, dass er nicht auf Modernität beharrt hat", so Eiblmayr, "er hatte bei vielen Projekten einen zweiten, weniger modernen Entwurf in der Lade." Eine moderate Architektur, ein zurückhaltender Mensch. Ein Sir, wie es heißt.

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