Ein vergänglicher Zauber
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Ein familienfreundlicher Empfang ist das nicht: Wer Markus Schinwalds
Video an der Pforte zur Kinder-Porträtschau in Krems gesehen hat, den
kann danach nichts mehr überraschen. Schinwald, Österreich-Repräsentant
der Venedig-Biennale, zeigt eine Art "Chil dren’s Crusade"
(Kinderkreuzzug): Ein maskierter Mann, mutmaßlich Rattenfänger, zieht
eine Schlange Halbwüchsiger hinter sich her. Mutmaßlich ohne Happy End.
Beglückend sind aber auch jene steifen Posen nicht, die kindliche
Standesporträts der Renaissance- und Barockzeit auszeichnen. "Von
Engeln & Bengeln", so der Titel der Schau, schürt keine romantische
Lieblichkeit. Doch es gibt Ausnahmen: Etwa das rege Selbstbildnis der
jungen Sofonisba Anguissola, die später an Königshöfen diente.
Die kleinen Prinzen, in Spitze wie Mumien verpackt, dienten oft als
Gedächtnisbilder. In späterer Zeit tauchen sogar Zimmerdenkmäler auf,
wie von Valentin Sonnenschein (1805). Zum Vanitas-Motiv des Barock
passen in Krems durchaus die kritischen Statements postmoderner
Künstlerinnen wie Karin Frank und Elke Krystufek. Kritisch lässt sich
bereits das historische Material betrachten: Die kleinen
Kinderharnische, wie jener von Karl V., zeigen einen Drill, der erst
mit der Aufklärung zu verblassen begann.
Krems beleuchtet die Folgezeit mit Künstlern wie Thomas Lawrence,
Gustave Courbet, Anton Romako. Bei ihnen sind Emotion und Bewegung
erlaubt. Ferdinand Georg Waldmüller, Max Liebermann, Paula
Modersohn-Becker: Sie rücken bürgerliche, auch ärmere Kinder ins
Zentrum. Expressive Beispiele – von Emil Nolde, Oskar Kokoschka oder
Picasso – hat Krems von bekannten Museen geliehen.
Mancher heutige Beitrag fördert dagegen eher ein "inneres Kind"
zutage, geht psychologisch vor. Auch zornige Bengel sind da (etwa mit
Yoshitomo Nara) gut vertreten. Marianne Gartners "Struwwelpeter mit
Kätzchen" oder Martin Honerts Installation "Foto" vermitteln neben
vergänglichem Zauber jene Einsamkeit, die uns auch aus 400 Jahren
Entfernung melancholisch anblickt. Das Baby von Johann Baptist Reiter
freut sich dagegen über das harmlose Spiel mit seiner Schwester:
Kontraste, zwischen denen sich die prekäre Gefühlswelt der Kindheit
erschließt.
Ausstellung
Von Engeln & Bengeln
Kunsthalle Krems
bis 4. Juli
Printausgabe vom Dienstag, 08. März 2011
Online seit: Montag, 07. März 2011 18:07:00