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„Gender Check“,: Sturm auf zeitgenössische Kunst

21.03.2010 | 18:37 | BARBARA PETSCH (Die Presse)

„Gender Check“, die Wiener Ausstellung über Geschlechterrollen in der Kunst Osteuropas, lockte bei der Eröffnung in Warschau 2900 teils entsetzte Besucher an.

Das ist zu viel. Das ist nicht Kunst. Diese Ausstellung hat bloß den Sinn, die Leute zu schockieren“, meint ein junger Ingenieur angesichts kopulierender Frauen auf dem Bildschirm. Seine Verlobte, selbst Künstlerin, stimmt ein: „Vieles ist hässlich, abstoßend, auf den westlichen Geschmack ausgerichtet. Sex ist allgegenwärtig, man braucht ihn nicht auch noch ständig in der Kunst.“

In der „Zacheta“, der Moderne-Galerie in Warschau, wurde Samstagabend „Gender Check“ eröffnet. Die Ausstellung, eine Kooperation des Wiener Museums moderner Kunst (Mumok) mit der Erste-Stiftung, befasst sich mit der Rolle der Geschlechter im Osten, von den Zeiten des Kommunismus bis in die Gegenwart. Rund 2900 Menschen drängten sich bei der Eröffnung am Freitagabend, auch tags darauf strömten viele, vor allem jüngere Leute, herbei.

Die Reaktionen auf die teils drastischen Werke – insgesamt 400 aus 24 Ländern, von der Malerei bis zu Videos – sind geteilt. „Quite nice“, meint eine Anwältin. „Wir mögen zeitgenössische Kunst, wir sind nicht schockiert“, sagt ihr Mann, der früher Geografielehrer war. Sogar eine Gruppe von achtjährigen Kindern ist da. Die Mutter des Geburtstagskindes, das im Museum gefeiert wird, findet die Schau „interesting“. Allerdings sehen die Kids nur die Gemälde in zwei Räumen. „Man sagte uns, das meiste ist nicht für Kinder geeignet“, berichtet die junge Frau. Die Führerinnen fragen, ob die Kinder schon Frauen gesehen haben, die am Bau arbeiten – wie auf einem der Bilder: „Im Fernsehen“, sagt ein Mädchen. Könnt ihr euch vorstellen, zu Hause zu bleiben, zu kochen, den Nachwuchs zu hüten, erkundigt sich die Führerin bei den Buben. Die Antwort ist ein klares, einstimmiges: Nein.

Drei Kunststudentinnen stehen vor einem Video, auf dem eine als Transvestitin verkleidete Frau mit Busen und (abnehmbarem) Penis ekstatisch tanzt. Die Mädchen wenden sich augenrollend ab: „Wir kennen die Künstlerin, sie studiert mit uns. Das ist halt typisch für sie. Sie ist sehr exzentrisch.“

Bojana Pejić, in Belgrad und Berlin lebend, hat die aufwendige Schau kuratiert. Ihre Assistentin, Anna Tomczak, präsentiert bereitwillig die heiklen Sujets. Sie ist 25 und hat Kulturanthropologie studiert. Nackte Frauen, nackte Kinder und religiöse Themen provozieren die Besucher am meisten. Offenkundige Proteste sind aber, zumindest am Eröffnungswochenende, nicht festzustellen, obwohl auch viele ältere Besucher anwesend sind. Sie schreiben an die Museumsleitung, erzählt Tomczak, und wollen wissen, warum derartige „Grauslichkeiten“ in einem öffentlichen Museum gezeigt werden. Die Ausstellung scheint die Verwerfungen in den Ostländern widerzuspiegeln. Was hat die Wende gebracht? „Zuerst herrschte Begeisterung über die Freiheit, aber jetzt kehren wir wieder zu unseren traditionellen Werten zurück“, meint ein junger Mann: „Hamburger und Sex sind auch nicht alles. Natürlich schätzen wir den westlichen Lebensstil und die Chancen, aber wir versinken nicht mehr im Konsumrausch.“

 

Feminismus ist in Polen ganz was Neues

„Als die Wende war, war gerade unsere Ausbildung zu Ende. Wir haben maximal profitiert, unsere Eltern weniger“, meint ein Mann, der sein Alter mit „40 plus“ angibt. „Junge Leute werden die Ausstellung mögen“, sagt Anna Tomczak, „die älteren weniger. Als sie jung waren, war alles verboten, sie konnten nichts erleben. Die Jungen sind weniger religiös, es gibt viele Taufscheinkatholiken.“ In ihrem persönlichen Leben spürt Tomczak freilich die Brüche zwischen den Generationen nicht: „Die Erziehung ist heute völlig anders. Wir können mit unseren Eltern über alles reden.“ Sie war in Amerika, hat dort gearbeitet. Mit der Zeit nervte sie der Optimismus: „Alles ist great, alles ok – und die Arbeit ist das Wichtigste. Das liegt uns überhaupt nicht.“ „Für uns ist diese Ausstellung ganz wesentlich“, betont die Künstlerin Natalia LL (Künstlername für Lach-Lachowicz), Jahrgang 1937. Schon ihre Eltern malten und musizierten in der Freizeit. Natalia LL unterrichtet auch an der Akademie: „Feminismus gab es in Polen nicht. Heute ist alles anders. Die Künstlerinnen können studieren, ihre Arbeit zeigen, reisen. Im Kommunismus blieb viel Kunst im Untergrund. Man arbeitete nur für sich selbst.“

Ärgern sich die Männer über die Kunst-Powerfrauen? „Frauen in der Kunst hat es zu allen Zeiten gegeben. Und außerdem: Ich bin selbst eine Frau“, grinst Zbigniew Libera verschmitzt; er hat in New York gelebt und mit einem KZ aus Legosteinen für heftige Debatten gesorgt. Vor 15 Jahren habe es noch recht trist für die Kunst ausgesehen. Jetzt sei es viel besser: „Ich fahre kaum mehr nach Amerika. Ich finde jetzt Europa interessanter.“ Libera (50) entzieht sich dem Thema Rivalität der Geschlechter. Sein Kollege Wojciech Fangor (88) bringt es auf den Macho-Punkt: „Was können die Männer dafür, dass die Frauen jetzt draufkommen, dass sie auch Kunst machen können?“


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