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Kunstberichte
Unbändige Freude an der Kunst: Der 1925 geborene Unternehmer und Sammler Jenö Eisenberger im Porträt

Sammeln als Überlebensstrategie

Jenö 
Eisenberger – ein Kunstsammler und Weltbürger aus Wien. Foto: Stephan 
Wyckoff

Jenö Eisenberger – ein Kunstsammler und Weltbürger aus Wien. Foto: Stephan Wyckoff

Von Christof Habres

Aufzählung Sein erstes Kunstwerk will er für seine Frau im Museum of Modern Art in New York kaufen. Sie macht ihn dezent darauf aufmerksam, dass man Kunst nicht im Museum kaufen kann. Doch ihre Liebe zur bildenden Kunst beeindrucken ihn, sind Auslöser für das Entstehen einer der bedeutendsten Privatsammlungen Österreichs – der Weg dahin verläuft alles andere als geradlinig.

Jenö Eisenberger wird 1925 als eines von neun Kindern im ostungarischen Sátoraljauhely geboren. Nach der jüdischen Volksschule soll er zu seinem Bruder nach Frankfurt, um dort seine Ausbildung fortzusetzen. Die Machtergreifung Hitlers macht diesen Plan zunichte. Eisenberger entgeht er der Verfolgung der Nazis, taucht unter falschem Namen in Budapest unter. Sein Vater und vier seiner Geschwister überleben das Grauen nicht. Nach dem Krieg baut er einen Textilgroßhandel und eine Perlmuttknopffabrik in Budapest auf. Bei einer Reise nach Paris 1947 trifft er auf jüdische Flüchtlinge auf dem Weg nach Palästina. Aus Abenteuerlust und Verbundenheit verpflichtet er sich für zwei Monate zum Militärdienst – es werden zwei Jahre Freiheitskampf. 1949 wird er vor die Wahl gestellt, in Israel zu bleiben oder zurück nach Europa zu gehen. Er möchte nach Budapest, aber das liegt bereits hinter dem Eisernen Vorhang. Er kommt nach Wien – die nächste Stadt, die angeflogen wird – ohne Deutschkenntnisse, mit 30 Schilling in der Tasche. "Der Rabbi in der Wiener Synagoge meinte, ich sei verrückt, weil ich nach Ungarn wollte. Millionen von Menschen wollten damals in die andere Richtung!"
Kaugummis und Salami

Eisenberger beginnt, sich mit kleinen Jobs über Wasser zu halten, verkauft einzelne Kaugummis von Tür zu Tür, ungarische Salamis an Greißler, bis er einen Stand am Naschmarkt eröffnet. Etwas später kommt eine kleine Kaffeerösterei dazu. Eine Reise in die USA bringt ihn auf eine Idee: 1960 eröffnet er auf 110 m 2 den ersten Löwa-Selbstbedienungsmarkt in Wien. Der erste Supermarkt in Österreich. Wenn Eisenberger von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt, ist das angewandte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte – darüber, was alles möglich gewesen ist, wie Menschen versucht haben, die Schrecken des Krieges hinter sich zu lassen und positiv in die Zukunft zu blicken. Aber auch, dass es nicht wenige gab, die noch immer den Vorurteilen, Stereotypen und Rassismen treu geblieben sind.

Bis 1989, als er aus dem Lebensmittelhandel aussteigt, verkauft er Löwa, gründet mit dem Meinl-Konzern die Pam-Pam-Märkte und nach deren Verkauf die Eisenberger-Großgreißlereien. Denn seit den 1980ern nimmt eine andere Leidenschaft immer mehr Besitz von ihm: das Sammeln von Kunst. Seine Frau Vera, Kunsthistorikerin und Anglistin, ist verantwortlich dafür. Eisenberger lässt sich von ihrer Leidenschaft für Kunst anstecken, wenn auch erst zögerlich und von einer wirtschaftlichen Seite. Die ersten Bilder, die er kauft, sind günstig, aber künstlerisch fragwürdig, wie seine Frau feststellen muss. Sie leistet weiter Aufklärungsarbeit, ohne sich in seine Entscheidungen einzumischen. Ein Freund nimmt ihn mit in eine Galerie, wo er drei Bilder (von Schindler, Blau und Moll) auswählt. Er bezahlt nach langen Verhandlungen 420.000 Schilling. Eine Schallmauer, bis dahin liegt sein Preislimit bei 5000 Schilling. Er zeigt sie seiner Frau. "Jetzt bist du auf dem richtigen Weg", sagt sie.

Die erste Aufmerksamkeit seiner Sammlungstätigkeit widmet er dem Kreis um Emil Jakob Schindler, ersteht Arbeiten von Tina Blau, Carl Moll, Olga Wiesinger-Florian. Sukzessive erweitert er die Sammlung um Werke aus dem Biedermeier, der Malerei der Secessionszeit (Gustav Klimt, Egon Schiele, Bronica Koller-Pinell) und der Zwischenkriegszeit (Oskar Kokoschka, Carry Hauser, Anton Faistauer).

"Zu dieser Zeit hätte ich von meinen finanziellen Möglichkeiten auch Picasso oder Chagall kaufen können, aber aus einer Dankbarkeit und Liebe zu Österreich sind es Künstler dieses Landes geworden", erklärt Eisenberger seine Strategie. Dem Zeitgenössischen öffnet er sich spät, auch über die persönliche Bekanntschaft und teilweise tiefe Freundschaft zu Oswald Oberhuber, Arnulf Rainer oder Hermann Nitsch. "Würde ich heute noch einmal zu sammeln beginnen, dann würde ich nur mehr zeitgenössische Kunst kaufen", so Eisenberger heute.

Überleben mit Kunst

Nach dem Tod seiner Frau wird das Sammeln zu einer Beschäftigungstherapie, zur Überlebensstrategie. Noch heute geht er regelmäßig zu Vernissagen, trifft Künstler, berät das Jüdische Museum Wien – er besitzt die umfangreichste Judaica-Sammlung mit Schwerpunkt Österreich-Ungarn.

Mit seiner ansteckend wirkenden Freude an Kunst und seinem unbedingten Willen, auch noch mit 85 dazuzulernen, knüpft er an die große Tradition österreichisch-jüdischer Kunstsammler an. "Ich habe alle möglichen Bücher gelesen, bin zu unzähligen Vernissagen gegangen, habe weltweit Ausstellungen besucht und bin doch immer ein kleiner Lebensmittelhändler aus Wien geblieben", meint er bescheiden. Und augenzwinkernd.

Printausgabe vom Freitag, 14. Mai 2010
Online seit: Donnerstag, 13. Mai 2010 17:23:00

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