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Kunstberichte
KHM-Intervention des belgischen Starkünstlers Jan Fabre: "Die Jahre der blauen Stunde"

Imperium der Dämmerung

Jan Fabre führt den Kugelschreiber geradezu tänzerisch: "Drei Klauen" (1987). Foto: Angelos/VBK Wien

Jan Fabre führt den Kugelschreiber geradezu tänzerisch: "Drei Klauen" (1987). Foto: Angelos/VBK Wien

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Am Dachgesims über den Eingängen zum Kunsthistorischen Museum empfängt den Besucher ein vergoldeter Mann auf einer Leiter, der mit einem Maßstab den Himmel vermisst, während dessen Blau sich auf seiner glänzenden Oberfläche spiegelt. Der Künstler als Astronom, als Mann im Kosmos und Erbe des Kulturguts, das im Museum auf die Besichtigung wartet. Jan Fabre, der vielbeachtete und geadelte Starkünstler aus Antwerpen, beendet seine Ausstellungs-Trilogie, die er in Antwerpen 2006 und vor drei Jahren im Pariser Louvre begonnen hat, in Wien. Er beehrt nicht jedes Museum mit "Die Jahre der blauen Stunde", seiner Paraphrase über Bilder alter Meister, aber auch über die Geschichte der Malerei und des Museums an sich.

Fabre wird ab Juni auf der Biennale in Venedig mitwirken, nicht zum ersten Mal. Auch auf der Documenta 8 hatte er 1987 bereits seine komplexe Choreographie vorgestellt, die sich anfangs an klassischen Performancekünstlerinnen wie Carolee Schneemann orientierte. Mehrmals hat der Belgier ganze Räume mit Bic-Kugelschreiber eingefärbt und zeichnerisch vermessen. Im Kunsthistorischen Museum versucht er, mit zwei riesigen Vorhängen, die eine Wand mit Bildern von Rubens und eine mit barocken Italienern verdecken, auch die Raumexpansionen der Großformate seiner Vorbilder zu ergründen.

Linien zu Netzen gewoben

Mit 26 Exponaten aus den Jahren 1986 bis 1992, dabei Skulpturen, Zeichnungen, Objekte, Collagen und Frottagen, reagiert Fabre auf die Italiener, auf Rubens, die deutsche Malerei um Dürer und auf die Niederländer, vor allem die Brueghels. Sein Metathema ist die blaue Stunde, jene stille Zeit der Morgen- und Abenddämmerung, in der Gegenstände durch das schwindende wie kommende Licht magisch aufgeladen werden.

Die früher für Gemälde aus teuren Halbedelsteinen oder der Indigowurzel gewonnene Farbe Blau kommt in seinem Werk mittels Bic-Kugelschreiber und einem Netz aus Linien zustande; der Vergleich mit Jackson Pollocks "Action painting" ist nur durch die Raumvermessung, nicht von der Wirkung her vergleichbar. Pollock war ein wilder, Fabre ist ein klassischer Tänzer auf der Leinwand. Das Zeichnen selbst ist ihm ein wichtiges Zitat, und so werden auch Büsten oder große Holzobjekte mit manischem Kugelschreibereinsatz in rhythmischem Liniengewirr blau überzogen.

Als Auftakt steht in der Eingangshalle ein Schrein aus Holz, der einen weiteren Schrein mit geöffneten Türen birgt. Obwohl das Holz blau überzeichnet ist, kommt mit dem goldenen Mann auf der Fassade gemeinsam die Assoziation auf den Totenschrein des Pharaos Tut-Ench-Amun. Einer der Eingänge seitlich der Halle führt auch in die ägyptische Abteilung. Hier gelingt die Intervention, die kosmische und mit dem Totenreich korrespondierende Seite der Farbe Blau kommt voll zur Wirkung.

Auch im Bellotto-Saal sind die dunklen Fotoüberzeichnungen eines italienischen Palazzo, der sich in einem Teich spiegelt, bereichernd. Die großen Vorhänge und die seine Blätter mit Skeletten zu Michelangelo Merisi da Caravaggio in den Sälen danach weisen jedoch auch Starkünstler Fabre in seine Schranken. Hier triumphiert die alte Kunst über das nächtliche Blau – das gilt auch für den eigenwilligen Insektenforscher mit Eule über Brueghels "Honigdieb", vielleicht ein Porträt seines Großvaters, durch dessen Schriften auch "Die blaue Stunde" angeregt ist.

Diese familiäre Liebe für Natur und Insekten setzt Fabre passend in drei großen Zeichnungen mit Blättercollagen im neu eingerichteten Saal der deutschen Renaissancemalerei ein – bei Rubens ist er teilweise erfolgreich im Harmoniespiel der Interventionen, weniger mit dem Vorhang als mit den Frottagen und seinem "Arm mit Schlange" zu dessen "Medusenhaupt". Nicht immer ist der Dialog einträchtig, aber eines ist ganz gewiss: Die Destruktionsphase der Avantgarde ist passé.

Aufzählung Ausstellung

Die Jahre der blauen Stunde
Jan Fabre
Kunsthistorisches Museum
Bis 28. August

 

Printausgabe vom Mittwoch, 04. Mai 2011
Update: Mittwoch, 04. Mai 2011 15:23:00

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