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Biennale: Der Betrachter schmilzt langsam dahin

02.06.2011 | 18:17 | SABINE B. VOGEL (Die Presse)

Echte, ausgestopfte Tauben und Taubenkäfige für Menschen - die heurige Kunstschau von Venedig bietet allerlei anspielungsreiche Überraschungen. Der Schweizer Urs Fischer steckt gar symbolisch den Besucher in Brand.

Einhundert alte Türen, losgelöst von ihren Schränken, empfangen uns im Arsenale. Großartig, mit welchem geringen Eingriff diese Türen eine neue Funktion als Raumteiler erhalten haben, ein neues Leben. Innen und außen, privat und öffentlich verdrehen sich. Song Dong sammelte die Türen in Peking und baut daraus in Venedig eine verschachtelte Struktur, um Werken von Kollegen Platz einzuräumen. Es ist einer der vier „Para Pavillons“: Vier Künstler waren eingeladen, „skulpturale Strukturen“ als Extraräume zu gestalten.

Jeder reagierte anders. Während Monika Sosnowska eine faszinierende Sternstruktur für die Fotografien von David Goldblatt entwickelt hat, zeigt Haroon Mirza nur sich selbst, Franz West lud seine Freunde ein, und Song Dong übernahm kurzerhand den Großteil des Raums – denn mittendrin steht ein traditionelles, chinesisches Haus: Songs Elternhaus, auf dessen Dach zwei riesige Taubenkäfige thronen. Viel zu groß für die Vögel, verschafften sich die Menschen damit früher einen neuen, halblegalen Raum in ihren Häusern, denn eigentlich war eine Extraetage verboten.

Es ist der Auftakt der zentralen Gruppenausstellung der Biennale Venedig, die wie jedes Jahr auf zwei Ausstellungsorte aufgeteilt ist: die historischen Räume im Arsenale und der zentrale Pavillon in den Giardini. Im recht gezierten Titel „ILLUMInations“ bündelt die Kuratorin Bice Curiger ihre zwei Leitthemen: Licht als wiederkehrendes Thema der Kunst durch alle Jahrhunderte und die Idee der Nationen als immer wieder kritisiertes Grundkonzept der Biennale Venedig. 1895 als erste große, internationale Ausstellung gegründet, präsentierten sich anfangs alle eingeladenen Nationen in einem einzigen Pavillon. 1907 baute sich dann Belgien einen eigenen Pavillon – was sofort von mehr und mehr Nationen imitiert wurde.

Seither will jede Nation die eigenen Künstler in einem eigenen Raum zeigen – womit fortwährende Debatten über die Sinnhaftigkeit dieser Regelung einhergehen. Ist eine nationale Repräsentation von Künstlern überhaupt noch zeitgemäß? Wer will willkürliche, politische Grenzen akzeptieren, wer will (s)ein Land repräsentieren?

Die Para-Pavillons sind eine Antwort auf diese Fragen. Eine andere sind die Tauben, die in Songs Käfigen fehlen und dafür den Pavillon in den Giardini bevölkern. Mehr als 200 dieser ausgestopften Tiere verteilt Maurizio Cattelans von der Fassade bis in jeden Raum. Es ist ein Werk voller Anspielungen, auf (un-)erwünschte Anwesenheiten, auf (un-)kontrollierten Lebensraum, auf anarchistische Raumübernahme.

Ob im Arsenale oder im Pavillon, immer wieder sehen wir spannende Arbeiten, die unerwartete Ebenen denken lassen. Das ist keineswegs selbstverständlich. In den letzten Jahren verloren sich die zentralen Ausstellungen in kryptischen Titeln, unverständlichen Konzepten, wahllosen Auswahlkriterien. Ganz anders heuer: Leitmotive, Abfolge und Qualität der Werke, der Medien und Formate, zwischen installativen Skulpturen, großzügig präsentierter Malerei und wenigen Filmen – all das ist überzeugend gelöst und bleibt dabei immer nahe bei den beiden Themen. „Licht“ etwa reicht von James Turrells Farbraum bis zu Christian Marclays 24-Stunden-Film „Clock“, einem der Höhepunkte im Arsenale.

 

Geschichte und Gegenwart fließen im Film

Marclay kombinierte Filmausschnitte, in denen die Zeit eine zentrale Rolle spielt. Er arbeitete drei Jahre an diesem Film, der uns in die Geschichte zurückführt und gleichzeitig eine immerwährende Gegenwart erzeugt.

Ähnlich groß ist der Bogen des zweiten Themas, der von den Tauben über die Para-Pavillons bis zu Tintoretto reicht. Drei Bilder des Meisters, der im 16. Jh. in Venedig gelebt hat, hängen im zentralen Pavillon: Hier begegnet man dem Licht in seiner schönsten, malerischen Umsetzung. Diesem kunsthistorischen Ausflug setzt Urs Fischer im Arsenale einen wunderbar humorvollen Kontrast entgegen, wenn er einen skeptisch dreinschauenden Mann vor Giovanni Bolognas Skulptur „Der Raub der Sabinerinnen“ (1583) stellt. Der Mann, erst kann man es kaum glauben, brennt. Er ist eine Kerze, ein Ort des Lichtes. Bis 27.11. läuft die Ausstellung, solange soll auch der Betrachter brennen.


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