Das Künstlerkollektiv Gelatin und Sarah Lucas treffen in der Kunsthalle Krems auf Hieronymus Bosch

Fantastisch? Das ist doch Alltag!


Diese Pferde warten auf einen Ausritt.

Diese Pferde warten auf einen Ausritt. Diese Pferde warten auf einen Ausritt.

Begonnen hat alles mit Plastilin. Als nämlich Kunsthallen-Direktor Hans-Peter Wipplinger vor einigen Jahren die Plastilinbilder von Gelatin in der Galerie Meyer Kainer sah, fielen ihm die Ähnlichkeiten gleich auf: „Überall Höllenschlünde! Die haben Anklänge an Hieronymus Bosch”, sagte er zum Galeristen. Und der gab zu, dass Wipplinger nicht der Erste war, der so etwas bemerkte.

Gelatin selbst ist es gar nicht aufgefallen: „Wir waren überrascht, dass da so viele Parallelen aufgetaucht sind. Bosch ist nicht unser Leitkünstler.” Aber gerade deshalb reizte sie die Ausstellung in der Kunsthalle Krems, in der sie eigene Arbeiten denen des spätmittelalterlichen niederländischen Malers gegenüberstellen. Seine typischen Bildwelten mit den albtraumhaften bis grotesken Symbolen werden auf ihre Kontinuität untersucht. Das war manchmal nicht einfach, gerade die Plastilinbilder machten Probleme: „Das wäre zu platt, die neben den Bosch zu hängen, das schaut ja wirklich aus, als hätten wir uns hingesetzt und die nachgeknetet”, so Gelatin (das sind Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither, Tobias Urban).

Mit den Bildern von Hieronymus Bosch ist man lange beschäftigt. Ähnlich viel lustvolle Arbeit für den Geist will die ausufernde Inszenierung der Ausstellung in Krems bieten.

Mit den Bildern von Hieronymus Bosch ist man lange beschäftigt. Ähnlich viel lustvolle Arbeit für den Geist will die ausufernde Inszenierung der Ausstellung in Krems bieten. Mit den Bildern von Hieronymus Bosch ist man lange beschäftigt. Ähnlich viel lustvolle Arbeit für den Geist will die ausufernde Inszenierung der Ausstellung in Krems bieten.

Die Bilder, nicht nur von Bosch, auch von Zeitgenossen und Nachfolgern wie Brueghel, wurden etwa von Albertina, KHM oder der Akademie der bildenden Künste zur Verfügung gestellt. Als Komplizin haben sich Gelatin die Britin Sarah Lucas gewünscht. In den vergangenen Wochen wurde fast alles, was in der Schau zu sehen ist, vor Ort angefertigt. „Wir haben viele Assistenten hier, sogar einen Koch aus Portugal, der ist auch Künstler - wir sind eh wie eine große Mittelalterwerkstatt”, erzählt Wolfgang Gantner von Gelatin. Bei einem Besuch in der Ausstellungsbaustelle kurz vor der Eröffnung steht Sarah Lucas knöcheltief in leeren Strumpfhosenpackerln. Nylons sind eines der Arbeitsmaterialien der feministischen Künstlerin, mit denen die für sie typischen Brüste entstehen, die an jeder Ecke auftauchen. Auch in der Beton- und Gipswerkstatt im Hof ist reges Treiben. Und die Haustechniker räumen fröhlich Wände weg - denn nicht nur eine musste weichen. Immerhin haben die Herren von Gelatin einen ganzen Baumstamm unterbringen müssen. Der wurde mit Gipsabdrücken von Körperteilen bestückt.

Rätsel gibt es nicht
Rätselhaft wie bei Bosch? „Ich finde Bosch gar nicht so rätselhaft”, sagt Gantner. „Es gibt ja viele Diskussionen, dass er als so fantastisch empfunden wird. Ich sehe das gar nicht so, ich finde das alles sehr linear. Man kennt doch diese Kreaturen, man kennt das aus Träumen, das ist nicht fantastisch, das ist Alltag.”

Was macht denn nun die Faszination an Bosch aus? „Das sind einfach wirklich gute Bilder, da passiert etwas, das sind ziemlich abendfüllende Bilder, wenn man sich das anschaut, dann ist man beschäftigt, noch am nächsten Tag.” Und das soll auch die Gelatin-Ausstellung mit ihrer Inszenierung sein: Eine Strategie der Gruppe ist, dass sie ihre Besucher zum Mitmachen aktiviert. Ob sie den Gästen nun Urin „abzapfen”, um damit eine Art Wasserbett zu füllen. Oder ob man in ein fünf Meter tiefes Wasserloch tauchen muss, um in eine „Grotte des Glücks” zu gelangen. Oder ob man Teil eines Happenings wie gerade eben bei der Biennale in Venedig wird: Da haben Gelatin einen Glasschmelzofen im Arsenal aufgestellt, der Tag und Nacht beheizt wurde, das herauströpfelnde Glas wurde zur Skulptur: „Da war extreme Energie, aber gleichzeitig ist der Vorgang der Glasschmelze etwas ganz Langsames, Ruhiges, wir hatten das Gefühl, das Publikum wurde selbst verflüssigt, es sind alle irgendwie geschmolzen.” Kurioserweise offenbarte die Einladungskarte wieder Ähnlichkeiten mit Bosch - natürlich unbeabsichtigt. Aber alle Wege führten eben zu dieser Dialog-Ausstellung in Krems.

Auch wenn sich bei Gelatin immer viel tut, als Abenteuerspielplatz wollen sie ihre Ausstellungen nicht verstanden wissen. „Auf einem Spielplatz ist alles abgesichert und am Boden ist Rindenmulch, damit man sich nicht verletzt. Wir wollen den Besucher nicht verletzen, aber wir wollen ihn auch nicht unterfordern. In Krems ist die Interaktivität nicht ganz so großgeschrieben, aber eine schöne Idee gibt es: Man kann im Pferdekostüm durch die Ausstellung streifen. „Das ist, glaube ich, sowohl für den Reiter als auch für den Betrachter sehr toll.”

Im Hasen wohnen Hasen
Auch wenn Gelatin betonen, dass es nicht Thema ihrer Arbeit ist, sich mit anderen Künstlern auseinanderzusetzen: Einmal haben sie es doch schon explizit gemacht. In ihrer Schau „La Louvre” haben sie eigene „Mona Lisas” gemacht, aus Plastilin oder Karamell. „Die Mona Lisa, das ist ein Bild, das jeder blind kennt, aber auf der anderen Seite ist es total schwierig, sie wirklich zu sehen, selbst wenn man in den Louvre geht. Die ist unsichtbar, aber jeder kennt sie. Wir waren ja nicht die Ersten, die die Mona Lisa nachgemacht haben. Das steckt da dahinter.”

Apropos frühere Arbeiten: Wie geht es denn dem riesigen Hasen, den Gelatin vor sechs Jahren im Piemont platziert haben? „Dem geht’s gut. Der verwest. Mittlerweile wohnen schon andere Hasen drin. Pflanzen wachsen raus, er hat fast Körperbehaarung bekommen”, so Gantner zufrieden.

Der Vollständigkeit halber soll noch das Chaos um den Namen des Kollektivs geklärt werden. Oder auch nicht. Gelatin, gelitin, die Künstler sind da offen: „Das hängt ganz von den Rechtschreibfehlern der Journalisten ab”. Es ginge zur Not auch mit weichem D.

Lucas Bosch Gelatin: Kunsthalle Krems, bis 6. November. www.kunsthalle.at




URL: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kunst/?em_cnt=382928&em_loc=77
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