Merlin Carpenter wurde 1967 in Pembury
geboren, heute lebt und arbeitet er in London. Nach zahlreichen
erfolgreichen Ausstellungen seit 1993 folgte 1999 die vielbeachtete Schau
"Survivors" bei Christian Nagel in Köln, durch die der Künstler einem
breiterem Publikum bekannt wurde.
Dieses Jahr werden Arbeiten Merlin Carpenters nicht nur bei "As a
Painter I Call Myself the Estate Of" in der Wiener Secession, sondern auch
in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig unter dem Titel
"Girlfriend" zu sehen sein.
Zu einer Ausstellung seiner Werke in Österreich hat sich Carpenter
"trotzdem" entschieden. In einer Art Rechtfertigungspapier kritisiert er
die schwarz-blaue Regierung und jene Österreicher, die sie gewählt haben.
Gleichzeitig erklärt er sich mit Kulturschaffenden solidarisch, die "in
den letzten Jahren klar nach links tendierten". Deren Organisationen und
Institutionen seien der Grund, warum er in Wien trotz der Regierung
ausstellt.
Im Interview spricht er allerdings nicht über Politik, sondern über
Kunst.
ON Kultur: Wenn man Ihre Bilder betrachtet, erkennt man viele
verschiedene Motive unterschiedlichster Quellen. Wie suchen und finden Sie
diese Bilder? Wozu reproduzieren Sie in Ihrer Malerei?
Carpenter: Was ich bei Bildern suche, ist etwas, was möglichst
normal aussieht, eine generische Qualität hat. Das bedeutet, du siehst sie
an und weißt sofort, worum es geht. Ich suche Bilder, die auch
stellvertretend für viele andere stehen. Sie funktionieren nicht wirklich
als künstlerische Bilder, weil sie so schnell zu begreifen sind.
Grundsätzlich sind meine Bilder eine Art "typischer" Bilder. Nicht
Abbildungen von etwas, sondern Bilder von anderen Bildern. Das suche ich,
wenn ich Ausgangsmaterial brauche - und auch in meiner eigenen
Malerei.
Ein Modefoto, das als gemaltes Bild reproduziert wurde, ist visuell
sehr schnell zugänglich, du "hast" es sofort und weißt bereits, worum es
geht.
ON Kultur: Sie haben geschrieben, dass Malerei eine "Sprache"
ist, die vollständig verständlich und lesbar ist.
Carpenter: Die Leute stellen sich vor, dass du, wenn du malst,
etwas speziell Schwieriges machst, irgendwelche höheren Sphären erreichst
oder so etwas. Auch viele Maler glauben das immer noch! Viele Menschen,
die selbst nicht malen, glauben, dass Maler automatisch denken,
irgendeinen speziellen Weg aus der Kommunikation heraus zu besitzen.
Es sind einfach Bilder, du machst etwas, genauso wie irgendetwas
anderes. Wenn du schreibst, hast du einen Stil, der durch das Schreiben
von selber kommt. Bei der Malerei ist es dasselbe, durch ständiges
Arbeiten wird sie sozusagen künstlerisch, aber es ist nichts besonders
Mysteriöses dabei.
ON Kultur: Es gibt also nichts, was Sie daran mystisch nennen
würden, keine verborgene Magie irgendwo?
Carpenter: Nein, für mich ist alles offensichtlich. Aber ich
merke immer noch, dass Leute irgendwie glauben, von ihnen werde erwartet,
diese Dinge in Malerei zu suchen.
ON Kultur: Welches Programm haben Sie für die
computergenerierten Mauszeichnungen verwendet?
Carpenter: Das Programm heißt "Dabbler". Ein "Dabbler" ist wie
ein Dilettant, es ist ein Programm, mit dem man lernen soll, wie man malt.
Im Softwaredesign gibt es sogar Holzstrukturen, die aussehen wie
Vertäfelungen in Autos.
Im Grunde ist es das Programm "Painter", aber eine sehr "dumme",
vereinfachte Version, es kann dir lernen, wie du bestimmte Dinge machst.
Es ist irgendwie nett, wie ein Skizzenbuch und lustig zu verwenden. Ich
habe auch viel mit "Painter" gearbeitet, aber im Moment bewege ich mich
überhaupt weg davon, mit Computern zu arbeiten.
ON Kultur: Verwenden Sie immer Beförderungsmittel als reale
Objekte in Ihren Ausstellungen? Sie haben einmal ein Fahrrad ausgestellt,
hier ist es ein Motorboot.
Carpenter: Ich habe auch schon eine Spielzeug-Space-Shuttle
gezeigt. Ich arbeite immer noch an dieser "Readymade"-Gruppe, das sind
aber alles sozusagen "Doubles" für Autos. Man kann Autos in der Kunst
nicht wirklich verwenden, weil sie so schrecklich und widerlich
klischeebeladen sind.
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| "Doppelganger", Installationsansicht, 1998,
The Top Room, London |
ON Kultur: Sind die Objekte für Sie wichtiger oder die Bilder -
oder interessiert Sie die Wechselwirkung von beiden?
Carpenter: Wenn du weißt, dass Deine Bilder recht poppig sind -
vielleicht sogar recht kitschig - und sie sehr vollendet sind,
vollendeter, als das Kunst sonst manchmal ist, dann könntest du etwas
brauchen, einfach nur um zu zeigen, dass du weisst, dass sie ein bisschen
kitschig sind. So funktioniert das für mich, ich weiss nicht, ob und wie
das für irgendjemand anderen funktioniert.