Wieder eine Illusion weniger

Exklusiv: Warum Netzkünstler auch im echten Leben existieren. Von Simon Hadler.


Communitys sind nichts anderes als Teilöffentlichkeiten - wie zum Beispiel die von der ÖH organisierte Diskussionsrunde zum Thema "Bereich/erung Internet - für Kunst und Kultur".

Aber ist es nicht verdammt anachronistisch, gerade zu diesem Thema eine Offline-Veranstaltung, klassisch mit Moderator und Orangensaft, zu organisieren anstatt vielleicht einen ICQ-Channel zum Thema zu öffnen oder eine Mailinglist zu initiieren?

Globale Dörfer, nicht Dorf

Nur bedingt. Schließlich ist das globale Dorf natürlich keines, sondern großteils eine Ansammlung von lokalen Netzwerken. 80% des Traffic im Internet spielen sich innerhalb von bereits existierenden Communitys ab, so Winfried Ritsch, Leiter von mur.at und Assistent am Institut für elektronische Musik der Uni Graz.

Berechtigte Frage von Thomas Trenkler, Kulturredakteur des Standard und Moderator der Diskussion: "Wozu braucht eine Netzkulturorganisation wie mur.at, wo Künstler und Kulturinitiativen aus dem Raum Graz vernetzt sind, dann überhaupt das Internet, wenn man sich ohnehin oft genug Aug in Aug sieht?"

Öl auf Leinwand, Java auf gehacktem Code

Weil das Netz ja für Künstler nicht nur Kommunikations-Tool, sondern auch Ausstellungsfläche und Arbeitsmaterial ist. An dieser Stelle wurde eine lange fällige Abgrenzung der Begriffe Netzkultur und Netzkunst versucht. Netzkultur, so der Tenor, sei der Online-Bereich von Künstlern aller Sparten. Netzkunst hingegen ist jener Bereich, wo Medienkünstler mit den Strukturen und Funktionsweisen des Internet als Ausgangsmaterial arbeiten.

Netzkünstler gehören ins Netz!

Bleibt die Frage: Wozu brauchen Netzkünstler realen Raum? Public Netbase t0 könnte sich doch die ganzen Scherereien rund um ihre Räumlichkeiten im Museumsquartier sparen und problemlos in den Cyberspace auswandern. Ein Zimmer für die paar Computer würde sich schon finden!?

Ein Trugschluss, meinen Martin Wassermair, Sprecher von t0 und Winfried Ritsch. Netzkünstler sind ja keine obskuren Spinner, die aus dem Nichts heraus agieren. Sie leben innerhalb einer Gesellschaft und brauchen deshalb Schnittstellen zu ihr.

Online wichtig, IRL auch

Einer Offline-Gesellschaft wird man Netzkultur nicht Online näherbringen können. Dazu braucht es Diskussionsveranstaltungen, Gespräche und Ähnliches. Außerdem, wo sollen Künstler den Umgang mit dem Medium lernen? Wo sollen sie Netzkunst produzieren, wenn ihnen zu Hause die Möglichkeiten dazu fehlen? Auch ein Austausch von Gedanken und Ideen ist IRL (im realen Leben) unmittelbarer.

Es waren von Anfang an real existierende Communitys, die im Internet Vernetzungsarbeit leisteten. Zu Beginn Studenten und Forscher, schließlich Universitäten, der Non-Profit-Bereich und Kulturschaffende. Winfried Ritsch: "Dann kam der Kommerz, sog das Internet auf und verkaufte es." Und Staaten kämpfen um die Regulierung.

net.art, Terminator et al.

Irgendwie sind solche Diskussionsrunden desillusionierend. Netzkunst ist ortsungebunden, international, virtuell, hip und arbeitet einer Intelligenz entsprechend, die dem analytischen Denken der Welt da draußen weit voraus ist. Dachte man.

Und trotzdem sind Netzkünstler, so scheint es, keine Hybride aus Mensch und Maschine, nicht mit dem Computer verwachsen und somit auch nur langweilige Fleisch- und Blutträger. Sie brauchen so banale Dinge wie Platz, Geld, persönliche Kontakte, Ideenaustausch und müssen auch erst lernen, für das nicht mehr ganz so neue Medium adäquate Inhalte zu schaffen. Oder war das eh klar?

Link:

konsortium.Netz.kultur

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