Salzburger Nachrichten am 23. Mai 2001 - Bereich: kultur
Die Kunst soll alles können

Bei einem Symposium im MAK ging es um die Position der Kunst zwischen Werbung und Event

JANA WISNIEWSKI

WIEN (SN).

Abgesehen von den von Regierungsseite verhängten Sparmaßnahmen, die aber sicher das MAK nicht am härtesten treffen, gab es gute Gründe, darüber nachzudenken, ob man sich die ständig steigende Anzahl von Kulturplätzen überhaupt leisten kann und wie "unterhaltend" Kunst sein muss, um den Ansprüchen der Geldgeber zu entsprechen.

Elisabeth Schweeger aus München, eine sehr engagierte Programmgestalterin, die in "ihrem" Veranstaltungsraum Marstall sicher keine Scheu vor Außenseitern zeigte, zeichnete ein düsteres Bild der aktuellen Lage. Etwa 40-1073742904er Orte für Kunst sind in Deutschland bereits wegrationalisiert, der Erfolgsdruck ist enorm. Gerade dieser Druck zwinge die Institutionen zur Vielfalt der Darbietungen. Die Folge: Ob Museum oder Theater, alle machen alles und verlieren eigentlich an Profil.

Auch die Künstler haben immer weniger Zeit zu reifen und an ihren Produkten zu feilen. Die Eventkultur bringt alle unter Zugzwang. Geldbeschaffungsstrategien fressen die Ruhe und Distanz, die Künstler und Programmgestalter benötigen. Dazu kommt noch die ständige Abrufbarkeit im Netz, die eine Art Ortlosigkeit produziert. Auch wenn es möglicherweise als Anachronismus verstanden werden konnte: Elisabeth Schweeger formulierte die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf die Qualitäten jener Kunst, die Menschen nachdenklich werden ließ, sie berührte oder sogar verändern konnte.

Der Gehirnforscher und Psychologe Ernst Pöppel sah für seinen Bereich der Wissenschaft eine ähnlich angespannte Situation. Die Notwendigkeit der Vermarktung des Wissens wird überall als Stress empfunden. In Bezug auf die Kunst brachte er aber einen Gedanken ein, der zunehmend auch von Künstlern gedacht wird - die Orte wechseln. Das kann eine Lö-sung sein, denn jeder Ort ist als Austragungsort denkbar.

Pöppel sieht seit geraumer Zeit eine Rückbesinnung auf die Eigenheiten von Gebieten und die Entwicklungsgeschichte von Menschen. Die Globalisierung erscheint den Menschen nicht so sehr als Freiheit, sondern als unüberblickbares Fremdes, das die Positionierung in einem kleinen Kreis von Bekannten und von Bekanntem um so mehr nötig macht. Für die Kunst sieht der Gehirnforscher als möglichen Ausweg aus dem Druck - der dann letztlich Oberflächliches erzeugt - eine Art Aufführungsverweigerung, "Event"-Verweigerung zu Gunsten einer intensiven Forschung und Entwicklung.

Viel Freude hat er damit weder Elisabeth Schweeger noch MAK-Leiter Peter Noever gemacht, denn die müssen und wollen ja weiter große Häuser mit großartigen Programmen bespielen. Deshalb geht die Diskussion weiter, nicht nur im MAK. Die Jahrtausendwende hat sich als eine Art Sackgasse herausgestellt. Wundervolle Kulturbauten kämpfen auf einmal ums Überleben. Bespielungskosten wurden auch bei Neubauten nicht realistisch eingeschätzt, der Mischmasch von Werbung und Kunst wird immer auffälliger. Illusionen zu erzeugen, das obliegt heute der Werbung; die Irritation, das Spiel mit der Täuschung den Medien, was bleibt der Kunst? Der Grat wird schmal, meinte Elisabeth Schweeger. Ihre Besorgnis ist nicht nur auf Finanzielles gerichtet.