25.10.2003 13:23
Der Luxus Kunst
Peter Noever übt
im Kommentar der anderen Kritik an der Effektsucht der Akteure im
Kunstbetrieb, am Kräftemessen der Museen - Foto
Ist Kunst Luxus? Sind Fortschritt und Zukunft, ist Kreativität
ohne Kunst denkbar?
Kunst ist Luxus. Kunst ist zu teuer, nicht finanzierbar. Nicht mehr (und
sie war es nach betriebswirtschaftlichen Kriterien nie). Die Häuser der Kunst
stehen weltweit unter wirtschaftlichem Druck, doch Österreich alleine ist
imstande, die Sicht darauf durch einen genussvoll ausgetragenen
Profilierungspoker, eine unübersehbare Effektsucht und Koketterie der einzelnen
Akteure zu verzerren.
Zwischen Museen ist es zu einem nahezu Furcht
erregenden Kräftemessen gekommen; ein Kampf, allerdings nicht etwa um
künstlerische oder kunsthistorische Positionen, ist ausgebrochen. Erinnerungen
werden beschworen, und die neue Art von Wettbewerb kreist um die Frage, welches
Haus dem Idealzustand, die Gesellschaft in einem angeblich idealen Zustand zu
konservieren, am nächsten ist, am eindrucksvollsten dem Vertrauten Asyl
gewährt.
Programm und Taktik
Oft ist es alleine die
eloquent vorgetragene Behauptung, die über Programm und Taktik Auskunft gibt.
Die Leichtfertigkeit im Umgang mit wenigen, aber wirklich bedeutenden Werten
wird kaum mehr wahrgenommen. Die entglittene Ästhetik neuer architektonischer
Schöpfungen bleibt unbeachtet. Die ganze Ungeheuerlichkeit solcher
gestalterischer Maßnahmen trägt die Handschrift eines zutiefst kleinbürgerlichen
Gehabes.
Die tatsächlich notwendige, aber nicht geführte Diskussion
hätte auf gleiche Weise wie im wissenschaftlichen Bereich ein Hinterfragen der
Rahmenbedingungen von Kunst und ihrer Finanzierung zu sein. Kunst ist
(marktwirtschaftlich) nicht finanzierbar. Kunst ist zu teuer. So wie Essen
jenseits der Sättigung oder Liebe jenseits der Erhaltung der Menschheit zu teuer
ist. Kunst ist vor allem dann zu teuer, wenn es darum geht, neuen, bisher
unerprobten Entwicklungen Raum zu geben. Sich auf das Experiment Kunst
einzulassen. Ausstellungen zeitgenössischer Künstler, auch ohne klingenden
Namen, zu ermöglichen, neue und veränderte Formen von Wahrnehmung und Verhalten
spürbar und erfahrbar zu machen. Aber gerade dieser Anspruch auf Kunst als Kunst
ist ohne entsprechende Förderung nicht realisierbar. Auch dann nicht, wenn es
von schwärmerischen Marktwirtschaftlern gerne so hingestellt wird. Der oft
zitierte Bildungsbürger ist gerade dabei, sich vom Druck zu lösen, für Kunst und
ihre Förderung zuständig zu sein. Er kommt als Mäzen zeitgenössischer Kunst
nicht infrage.
Der Staat übt sich in
vornehmer Zurückhaltung und beraubt sich damit seiner vordringlichsten Aufgabe,
tatsächlich in die Zukunft zu investieren. Heute gilt es, das Verhältnis von
Kunst und Leben zu hinterfragen, Themen und Darstellungsformen dafür zu
entwickeln, einen radikal ambivalenten Begriff des Zeitgenössischen zu
veranschaulichen. Und das in einer Zeit, in der Wagemut unsere Gesellschaft
vermutlich am wenigsten auszeichnet.
Die Kunst und ihre Geschichte haben
in der Gegenwart ihr lebendiges Zentrum. Qualität hat keinen Preis. Und
natürlich geht es ausschließlich um die Qualität in der Kunst. Das heißt, die
Kunst hat sich an ihrem eigenen Maßstab zu messen. Das heißt aber auch, für
kulturelle Würde in einer Zeit zunehmender Orientierungslosigkeit die Stimme zu
erheben.
Was ist Österreich ohne Kultur? Und was Kultur ohne lebendige
zeitgenössische Kunst, die nur entstehen kann, wenn sie von den zuständigen
Institutionen gefördert wird? Letztlich sind dies Fragen nach dem
Selbstverständnis einer Stadt und einer Gesellschaft, in der Kunst bisher immer
Grenzen gesprengt und radikal neue Ansätze definiert und entwickelt hat: die
Secession, das Gesamtkunstwerk, die konkrete Poesie, die Wiener Gruppe . . .
Alles Entwicklungen, die zum Zeitpunkt ihres Entstehens unerwünscht,
"unbezahlbar", eben Luxus waren, ohne die aber diese Stadt, diese Kultur heute
auf keiner Landkarte mehr verzeichnet wären. Schon gar nicht auf den Landkarten
des internationalen Tourismus, die die Besucher- und Geldströme in die Tempel
der Kultur lenken sollen.
Fortschritt findet aus Überfluss statt,
niemals aus Mangel. Unsere heutige Möglichkeit zum - materiellen wie geistigen -
Reichtum ist dem Umstand zu verdanken, dass wir uns bisher den Luxus geleistet
haben, Kunst zu ermöglichen und allen die sinnliche Auseinandersetzung mit ihr
zugänglich zu machen, indem wir eine differenzierte und differenzierungsfähige
Museumslandschaft mit ihren vielfältigen neuen Präsentationsformen geschaffen
haben.
Ist Kunst Luxus? Sie wird als solcher dargestellt und damit als
exotisches Element ausgegrenzt. Kunst ist aber vieles und Teil von vielem, in
dem sie als sie selbst gar nicht unbedingt in den Vordergrund tritt. Sie ist und
schafft jene "Illusion", ohne die das andere als die Illusion weder je sichtbar
noch begreifbar würde. Wenn wir uns also den Spiegel nicht mehr leisten können,
wie wird bald schon das aussehen, was gegenwärtig noch in ihm erscheint?
Kunst ist Luxus. Sie ist jene Kraft, die uns wach hält, Bestehendes
infrage stellt und damit das Neue ermöglicht, das andere wahrnehmen lässt. Und
die Häuser der Kunst sind so verschiedenartig wie die Kunst, die künstlerischen
Produktionen und die Künstler selbst. Alleine die Vielfältigkeit, die
Differenziertheit und die manchmal unüberwindbar scheinenden Gegensätze, aber
auch Gleichförmigkeiten zwischen den einzelnen Institutionen garantieren ein
notwendiges und fruchtbares "Zusammenspiel". Es sind die Widersprüchlichkeiten,
die Verschiedenartigkeiten, die für Wien Stärke und Chance gleichzeitig
bedeuten.
Kultureller Eigensinn, die nun wieder von neuem beginnende
Suche nach dem eigentlichen Wesen in der Kunst . . . darauf kann die
Gesellschaft am allerwenigsten verzichten. Sie muss sich daher gerade solche
Häuser leisten.
Kunst ist Luxus. Sie ist aber weder zu teuer noch
unfinanzierbar. Kunst ist notwendig. (DER STANDARD, Printausgabe,
25./26.10.2003)