Gewalt auf gehäkelten Zielscheiben

03. Februar 2010, 17:01
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    Aggressives Graffito auf zarter Häkelspitze: "Silvio 1"  aus Šejla Kamerićs Serie "Nigel U Go!"  von 2010


Stille Beschaulichkeit und laute Aggression: Šejla Kamerić in der Galerie Krobath in Wien

Sarajewo 1992, Bosnienkrieg: Bei einem Luftangriff geht die National- und Universitätsbibliothek mit fast 90 Prozent der Bestände in Flammen auf. Das kollektive Gedächtnis einer Kultur: zu Asche verbrannt. Aber wie schwer wiegt der Verlust von Büchern und Gebäuden angesichts des gewaltvollen Todes von Menschen?

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Die bei der Belagerung von Sarajewo kaum 16-jährige Šejla Kamerić verliert im Krieg Freunde und Verwandte, 1993 auch ihren Vater. Beim Brand der Nationalbibliothek, erzählt Kamerić, habe sie trotzdem geweint. Das Aufwachsen während des Bosnienkonflikts hat die künstlerische Arbeit der heute 33-Jährigen, die derzeit in der Galerie Krobath ausstellt, nachhaltig geprägt: Um Trauer, Erinnerung und kulturelles Gedächtnis kreisen viele ihrer Arbeiten, deren unmittelbarer Wirkung man sich kaum entziehen kann:

2005 reinszenierte Kamerić eine Zeichnung von Vincent van Gogh, die sie seit Kindertagen tief beeindruckt hatte: Sorrow zeigte die Prostituierte Sien, nackt, zusammengekauert, den Kopf zwischen den Knien. Mehr als 100 Jahre später schlüpft Šejla Kamerić für ihr Foto selbst in die verletzliche Haut der schmerzvoll Gebeugten, in die Rolle einer vom Krieg traumatisierten, gepeinigten, vergewaltigten Frau.

Zwei Jahre zuvor hat sie diese Erniedrigungen und das Wissen um die Massenvergewaltigungen bosnischer Frauen noch drastischer ins Bild gesetzt. Über ein Foto von sich selbst hat Kamerić den rassistisch-sexistischen Spruch gelegt, der an der Wand einer Armeebaracke der Unprofor gefunden wurde:"Keine Zähne ...? Schnurrbart ...? Riecht wie Scheiße ...? Bosnisches Mädchen!" Als Plakat, Postkarte und Inserat sorgte Bosnian Girl, ihre bekannteste Arbeit, für Aufruhr. Still und poetisch sind ihre Filme: What do I know? (2007) und Glück (2009).

Stille Beschaulichkeit und laute Aggression treffen auch in den neuesten Arbeiten in der Galerie Krobath heftig aufeinander: Auf traditionellen Häkeldeckchen haben sich - in der Street-Art "Tags" genannte - Namenszüge zerstörerisch ins zarte Gewebe eingeschrieben, überlagern es. Es sind die Vornamen der Politiker, die als Entscheidungsträger das Schicksal Bosniens während des Kriegs besiegelten. Andere spinnennetzartige Häkeleien mutieren zu überdimensionalen Zielscheiben. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.2.2010)

 

Galerie Krobath, Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

Bis 13. 3.

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