Museum auf Abruf neben dem Rathaus: "raum_körper
einsatz. Positionen der Skulptur"
Vom Sockel zur zweiten Haut
|
Flora Neuwirth spielt in "100 Boots/Eleanor Antin" (2003) mit der
Abwesenheit des Körpers, der allein durch Stiefel präsent ist. Foto:
Musa
|
Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Die Stadt Wien
gab 1955 drei Millionen Schilling für Kunst im öffentlichen Raum aus,
darunter natürlich viele Skulpturen von namhaften Bildhauern wie Fritz
Wotruba, Andreas Urteil, Alfred Hrdlicka, Hilde Uray oder Roland Goeschl
in Stein oder Metall. "Kunst am Bau" wurde ergänzt durch die Initiative
der "Galerie im Grünen", die von 1954 an 20 Jahre im Stadtpark als
Forum für die Plastik offenstand. Das Museum auf Abruf (Musa) beherbergt
viele der frühen Ankäufe und widmet sich in der Ausstellung
"raum_körper einsatz" Positionen der Skulptur und ihres Wandels im
letzten halben Jahrhundert. Das Thema ist insofern brisant, als sie –
plakativ gesprochen – das Herabsteigen der Skulpturen vom Sockel
bedeutet.
Was zum einen zur enormen Erweiterung des Plastikbegriffs bis zum
Ersatz durch den performativen Körpereinsatz und die Fotografie ab den
60er Jahren führte, außerdem eine Fülle neuer Materialien bedeutet, ist
auf der anderen Seite ein Verlust.
Diskussionen über die Reduktion auf textile
Haut
Doch die Figur aus Stein und Metall mit ihrem Ewigkeitsanspruch
behauptet sich heute dennoch, wie Rainer Wölzl, Hans Kupelwieser und
Markus Redl vorführen. Statt Abteilungen für Bildhauerei sind an den
Kunstuniversitäten konzeptuelle Plattformen entstanden, die auch die
Abwesenheit des Körpers oder die Reduktion auf eine textile Haut mit
Studierenden diskutieren. Erwin Wurms aktueller Abschied als Professor
fällt dazu auf – neben Dokumenten der Dematerialisierung in seiner
Fotoserie "59 Stellungen" von 1992.
Die Ausstellung lässt durch Situierung der Körperdiskussion in der
Nachkriegszeit im Außenraum und im Seitenbereich des Musa die auf Sockel
platzierten Werke sozusagen wie einen wandernden Wald einmarschieren –
egal ob es sich um monumentale Statements wie einen Torso von Hrdlicka
oder Gerda Fassls kleine "Titi della Mancha" handelt. An der Wand Bruno
Gironcolis "Kopf" als neue Tendenz von 1964. Die textilen Diskussionen
von Barbara Graf um flexible Häute und in Taschen verstaubare, weiche,
nomadische Skulpturen setzen sich auch in der physischen Abwesenheit des
Körpers in Flora Neuwirths hundert Gummistiefeln und in Dorethee Golz’
"Hallow World", einer Wohnblase von 1999, fort.
Der Hauptraum mischt die 70er Jahre und subtile Körperperformances
von Valie Export, Birgit Jürgenssen, Linda Christanell, Margot Pilz oder
Rita Furrer – fotografiert von Lotte Hendrich-Hassmann – mit jüngeren
Reaktionen von Katarina Schmidl, Judith P. Fischer und Julie Hayward.
Zerfließende Schokoladekörper, Trinkhalme, gebrannter Schamott, Film und
Fotografie bekommen den Körper – und sei es als persönliche Rakete –
immer noch zu fassen. Selbst Holz ist neben Kunstharz als Werkstoff
wieder da – wie Karin Frank, Alfred Haberpointner, Oswald Stimm oder
Heinz Frank beweisen. Eine klassische Aufgabe mit neuen Behauptungen
zwingt zur Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung – und für
sehbehinderte Besucher gibt es haptische Sonderführungen.
Ausstellung
körper_raum einsatz – Positionen der Skulptur
Silvie
Aigner (Kuratorin)
Musa (Wiener Museum auf Abruf)
Freier Eintritt
bis
9. Oktober
Printausgabe vom Mittwoch, 19. Mai 2010
Online
seit: Dienstag, 18. Mai 2010 17:01:00
Kommentar senden:
* Kommentare werden nicht automatisch
veröffentlicht. Bitte beachten Sie unsere Regeln.
Die Redaktion behält sich vor Kommentare
abzulehnen. Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als
Leserbrief in der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die
Angabe einer nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese
Adresse wird online nicht veröffentlicht.