DER ONLINE DIENST DER TIROLER TAGESZEITUNG
http://www.tirol.com/
documenta 11 eröffnet: Transnationales Reformprojekt Moderne

Die Kunst des Recherchierens, Sammelns, Archivierens und Dokumentierens.

Kassel (APA) - Mit dem von ihrem künstlerischen Leiter Okwui Enwezor erklärten Anspruch "einen neuen Begriff der Moderne", zu setzten, der auf den "Ideen von Transkulturalität und Exterritorialität basiert", ist die documenta 11, die weltgrößte Schau zeitgenössischer Kunst, am Samstag vom deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau in Kassel eröffnet worden. Die erklärte Absicht der Abkehr vom Westkunst-Blick und vom Eurozentrismus scheint Petrus symbolisch mit einer europäischen Schlechtwetterfront begleitet zu haben, welche die zu den Vernissagentagen anströmenden Scharen von 2.500 Journalisten und die Hundertschaften von Galeristen und Ausstellungsmachern auf ihren Wegen zu den fünf großen Ausstellungsorten quer durch die Stadt reichlich durchnässt hat.

Das marktschreierische Getümmel von Selbstdarstellern und Aktivisten, die regelmäßig und zur Freude der Fernsehteams zur documenta in Kassel einfallen, ist damit buchstäblich ins Wasser gefallen. Dennoch darf sich bei unabgelenkter Konzentration auf die Kunstpräsentation auf einer gewaltigen Gesamtfläche von 13.000 Quadratmetern Ruhe und Kontemplation nicht einstellen, wird doch auch der "Reinheit und Autonomie des Kunstbegriffs" das Misstrauen ausgesprochen und dem abendländischen Glaubenssatz, dass zeitgenössische Kunst sich aus sich selbst heraus legitimiere. Es flimmert, knallt, tönt und bewegt sich allenthalben in Installationen und zahlreichen Film- und Videoarbeiten.

Der Weg, den diese dokumenta aufzeichnet, die mit dem in den USA lebenden Nigerianer Enwezor erstmals von einem Nichteuropäer geleitet wird, ist jener in die Transnationalität und Diaspora. Transnational sind in der Tat viele der 118 zu dieser Schau geladenen Künstler. Sie leben nicht mehr in ihren Herkunftsländern und die Erfahrung des Exils prägt wesentlich ihre Arbeit. Etwa jene der iranischen Fotografin und Filmemacherin Shirin Neshat, die hier eine neue poetisch-mythologische Video-Installation zeigt oder jene der in Paris lebenden Perserin Chohreh Feyzdjou, die die Erfahrung von Fremdheit mit dem Aufbau eines zeitgeschwärzten Depots mit Einweckgläsern, Schriftrollen, aufgerollten Bildleinwänden bekämpft.

Sammeln, Dokumentieren, Recherchieren, der enzyklopädische Anspruch ist überhaupt ein zentrales Motiv. Der lange Jahre in Österreich lebende deutsche "Typosoph" Ecke Bonk huldigt mit der Installation "Book of Words" den Brüdern Grimm und deren 1838 (in Kassel am Ausstellungsort Fridericianum) begonnenes Wörterbuch der deutschen Sprache, einem Standardwerk der deutschen Sprachforschung mit 350.000 Einträgen. Hanne Darboven, der "Aufschreiberin" par excellence und ihren endlosen geschriebenen Zahlenreihen wird denn auch über drei Stockwerke hinweg Platz eingeräumt.

Ebenso wie On Kawara und seine Aufzeichnung (und Verlesung) von einer Million Jahre nicht fehlen darf oder die Fotodokumentaristen mit enzyklopädischer Genauigkeit, Bernd und Hilla Becher, die mit ihrer Serie von Fachwerkhäusern einer Industriesiedlung vertreten sind. Bis zu 400 postkartengroße bunt-vitale Zeichnungen umfassen die Bilderserien von Frederic Bruly Bouabre (Elfenbeinküste), in denen er die traditionellen Tätowierungen und Hautritzungen ("Museum des afrikanischen Gesichts") untersucht oder eine neue Schreibweise seiner Muttersprache ("Bete-Alphabet") entwickelt.
2002-06-08 11:31:54