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| 22.10.2005 - Kultur&Medien / Kultur News | ||
| Analyse: Das gefräßige Riesenbaby Kunst | ||
| VON BARBARA PETSCH | ||
| Die Kultur hat immer zu wenig Geld. In Wahrheit ist es sehr viel, vor allem in Wien. Ein Glück? | ||
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Mit seinen 7,3 Mill. Einwohnern gibt New York rund 100
bis 110 Millionen Euro für Kultur aus. In Wien, mit seinen 1,6 Millionen
Einwohnern, sind es knapp 200 Millionen Euro. Rechnet man die
Bundestheater (Subvention: 133,6 Mill. €), das Kulturbudget des
Bildungsministeriums (150 Mill. €) und das Kunstbudget des
Bundeskanzleramtes (80 Mill. €) dazu - ergibt sich ein Betrag von 563,6
Mill €. Ganz so viel ist es nicht, vom BKA-Kunstbudget fließen nur 53
Prozent nach Wien, vom Bildungsministerium sind es 90 Prozent. Dennoch:
viel Geld für Wien. Das meiste sind Fixkosten. Museen, Theater verzehren den
Hauptteil, dazu kommen Orchester, Konzerthäuser u. a. Institutionen.
Interessant ist, dass das Wiener Kulturbudget (200 Mill. €) dennoch nur
zwei Prozent vom Stadt-Budget ausmacht. Den gleichen Prozentsatz
investiert das von den Klagen Not leidender Kunstinstitute widerhallende
Berlin. Wien hallt zwar auch wider von Klagen Not leidender Kreativer,
aber da ist wohl viel Raunzen dabei. Die Kultur hat viele
Beschäftigte: 2500 die Bundestheater, 1600 die Museen. Von 120.000
Arbeitsplätzen im Kreativ-Bereich sprechen gar Studien im Auftrag der
Stadt Wien: Das entspricht 14 Prozent der Arbeitsplätze. Kultur animiert
den Tourismus: 3,4 Mrd. € beträgt die direkte und indirekte Wertschöpfung
durch den Fremdenverkehr. Kulturförderung ist auch Wirtschaftsförderung.
Wenig Geld kommt den Schöpfern direkt zugute. Immer mehr Budget fließt in Vermittlung: neben Groß-Institutionen, Produzenten sind das Programm-Gestalter, Kuratoren, Vermarkter. Die Chance, dass ein Einzelner in diesem vielstimmigen Konzert, man könnte auch Lärm sagen, gehört wird, schwindet mehr und mehr. Die Wiener Kultur ist verhältnismäßig elitär, "bürgerlich". Interessant in einer sozialdemokratischen Regierung. Umso größer ist der Wunsch, Gegengewichte zu schaffen. Man fördert Jazz (Birdland, Porgy & Bess), vor allem Musical: 47 Mill. € für den Ronacher-Umbau, 18,4 Mill. € pro Jahr Subvention. Das Mozartjahr 2006 (30 Mill. €) soll auch populär wirken. Ob das der Oper im Theater an der Wien gelingen wird, bleibt abzuwarten (21,6 Mill. € jährlich). Die Bundestheater geben mittlerweile zu, dass sie
zeitweise strukturelle Auslastungsprobleme haben. Dass die Oper im Theater
an der Wien und die Staatsoper sich vielleicht doch nicht fruchtbar,
sondern nur sinnlos konkurrenzieren könnten und dabei die Volksoper auf
der Strecke bleibt, wird (noch) nicht zugegeben. Die Wahrheit ist: Die Wiener Kultur produziert teilweise
am Bedarf vorbei, weil sie zu viel produziert. Der Vorwurf ist aber so
alt, dass er nicht mehr gehört wird. Wiens Kultur ist, wie der zarte Tadel
der Opposition zeigt, sakrosankt wie nur noch wenig auf dieser Welt.
Stadtrat (Mailath) und Kunststaatssekretär (Morak) streiten sich wie ein
altes Ehepaar über die Verteilung: Wer zahlt was? Während das Riesenbaby
Wien-Kultur nicht erwachsen werden will, fort und fort kräht nach Futter.
Wieso? Die Katastrophen des letzten Jahrhunderts, im Besonderen der
Nationalsozialismus, verhindern bis heute eine offene Diskussion, auch
über die Finanzen. Wer fragt "Warum? Und warum so viel Geld?", macht sich
verdächtig. Ist der Kerl ein Kunst-Feind? Und: Niemand will sich ernsthaft
vorstellen, was passieren würde, wenn in Wien - statt Rot (Verschwendung)
- Schwarz (Sparen!) und Blau-Orange (Tradition, Heimatkunst!) regierten.
Also bleibt alles, wie es ist. |
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