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derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
27. November 2004
14:55 MEZ
Von
Markus Mittringer

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Albert Oehlen

Secession
Bis 30. Jänner 2005
 
Foto: Secession
Albert Oehlen: "Der rosa Salon" (2004, Ausschnitt)

Heute Düsseldorf, gestern die ganze Welt
Die Wiener Secession zeigt Albert Oehlen: Aus der ursprünglich guten Idee wurde eine feine Ausstellung mit ganz heutigen Bildern,...

... bei denen man recht gerne an Zeiten denkt, in denen das Malen noch heftig und die Studenten noch störrisch waren.


Wien - Er sei ja, sagt Albert Oehlen, ein großer Verfechter von Vorurteilen. Weil ohne die Vorurteile, hat Albert Oehlen erkannt, würde überhaupt nichts weitergehen. Nicht einmal niedersetzen würde man sich, hätte man nicht vorweg und ungetestet, zumindest sich selbst gegenüber, die Ansicht geäußert, jene nahe liegende Konstruktion wäre ein Sessel. Und genau so ist es mit allem und allen anderen auch.

Dem Vorwurf, den jedes Objekt einem macht, lässt sich nur mit einer rigorosen Vorverurteilung kontern. Und je älter man wird, desto zutreffender fallen die Vorverurteilungen auch aus. Natürlich, sagt Oehlen, muss man recht vorsichtig dabei sein, die Vorverurteilungsverfahren und deren Ergebnisse mit Dritten zu teilen. So etwas wird gerne missverstanden.

Albert Oehlen lebt und arbeitet mittlerweile in der Schweiz und in Spanien. Und Albert Oehlen ist Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf. Und worin besteht nun seine Lehre? Darin, die Studenten mit einem Apparat auszustatten, der sie zur Kritik befähigt. Gute zwei Jahre lang hat er versucht, diskursive Verfahren unter den angehenden Künstlern zu etablieren, hat sich oft weit über den eigenen Wissensstand hinausgewagt, um Beispiele zu bringen, hat voranalysiert und unermüdlich Bilder besprochen.

Und wenig kam zurück, schon gar nicht die Idee, Professor Oehlen oder auch nur eine seiner Theorien infrage zu stellen. Der durchschnittliche Student habe sich passiv verhalten. Kein Widerstand, kein Punk, kein Freiheitsdrang. Kein Witz, null Ironie. Bloß lästige Fragen nach Stipendien, nach Zeugnissen, nach Ausstellungsmöglichkeiten. Karriere statt Melancholie, Bürgermeister statt Fürst.

Und so hat Professor Oehlen sein Engagement eben zurückgenommen, nach dem er erkennen musste: "Die wollen nicht die Welt erobern, die wollen ja doch nur Düsseldorf!" Und das in einem Alter, in dem er noch von einer "universalen politischen Volkskunst" geträumt hat oder mit Werner Büttner "Die Liga zur Bekämpfung des widersprüchlichen Verhaltens" gegründet hat - eine Liga, die heute mangels Widerspruch zumindest an der Akademie keiner mehr braucht.

Na ja, schließlich hat es draußen in der Welt ja auch nicht mehr die 80er-Jahre, und Albert Oehlens Selbstporträt mit verschissener Unterhose und blauer Mauritius ist mittlerweile ebenso zum Klassiker gebändigt worden, wie die Jugend von heute das Standardwerk Facharbeiterficken, das er gemeinsam mit Werner Büttner und Georg Herold verfasste, gar nicht mehr kennt. Vorbei auch die fidelen Zeiten von Performanceanleitungen wie Feige Geile - Geile Feige.

Wurstplatte

Allerdings fand sich da noch eine Kiste von früher: Voll mit Fotos und Zeitungsausschnitten war die. Gerade schwierig genug, um daraus eine Bilderserie eigens für Wien zu entwickeln. Die hängt, hübsch rhythmisiert durch eine Serie graustufiger Bilder, in der Secession. Schwierig war vor allem das Alter der Vorgaben. Aktuelle Sujets einzubauen wäre kein Problem gewesen, erklärt Oehlen, aber das gut abgelegene Material jetzt erfolgreich mit einem auflösungswütigen Gestaltungswillen zu vereinbaren, schon.

Jedenfalls: Es sind gute Bilder geworden, teils feindliche, teils sanfte Übernahmen der Fotografie durch die Malerei. Der Oehlen malt Bäume in einen Wald oder einen Tisch unter die Wurstplatte mit Grapefruit und Champignons. Er pinselt einen Kamin samt Vase am Sims um einen heftig lodernden Waldbrand oder ermalt sich - fast schon anonym - Stücke von Palme, Meer und Sandstrand.

Dann wieder posiert eine Barbusige aus der virtuellen Welt vor etwas unendlich Traurigem, das im wahren Leben wohl als Kunst im öffentlichen Raum in der Tarnung eines Brunnens durchgehen würde. Und schließlich sieht man endlich wieder einmal einen in Unterhose halb nackt im Zentrum eines gekringelten Badezimmerteppichs stehen. Und draußen im rosa Salon räkelt sich die dazu unpassende Blonde verführerisch im Sofa vom Designer. Der ist eigentlich ein Neubau mit Panoramafenster. Den seltsamen Umstand zu mildern, hat ihm Albert Oehlen aber einen antiken Stuhl, eine mindestens ebenso alte Kommode und einen Kronleuchter eingeschrieben.

Und was dem Albert Oehlen dazu noch eingefallen ist, kommt von Adorno: "Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen." (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.11.2004)


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