Salzburger Nachrichten am 19. April 2001 - Bereich: kultur
Die Kunst mischt sich ein

Die Vorbereitung auf die nächste "Documenta" zeigt: Die Kunst verlässt ihr angestammtes Revier und mischt sich in die Diskussion über die Gesellschaft ein.

JANA WISNIEWSKI

Okwui Enwezor, der Leiter der "Documenta 11" in Kassel, die im nächsten Jahr stattfinden wird, wählte als Thema "Die Demokratie als unvollendeten Prozess". Die "Dokumenta" wird durch eine Reihe von Zusammenkünften und Vorträgen in Wien, Neu-Delhi und an anderen Orten der Welt vorbereitet.

Ein Vortrag von Enrique Dussel in Wien führte einem vor Augen, wie legale Rechtssysteme zu Apparaten werden. Sie gehen an den Grundbedürfnissen einer Mehrheit vorbei und sollten daher durch die Solidarisierung kritischer Geister abgelöst werden. Ein Rückblick auf die Geschichte von Regierungsmodellen zeigt deren Vielfalt, klar wird aber auch, dass auf Grund der Tatsache, dass angesichts der erschreckend hohen Anzahl von Armen die wirtschaftsbezogene Globalisierung nicht als tragfähiges Muster angesehen werden kann.

Diskussionsbedarf sei also gegeben, sagte Cornelia Klinger in einem weiteren Vortrag, in dem es um Identität ging, vorrangig um weibliche Identität, die durch mediale Muster bis zu krankmachenden Idealvorstellungen geprägt scheint. Boris Groys beleuchtete die Differenz von Sehen und Gesehen werden anhand der von westlichen Erfolgsmustern faszinierten Ostländer.

Kunstproduktion ist längst nicht mehr immer ein Ausdruck grundlegender Intentionen oder visueller Ausdruck einer Identität, geformt in und von Lebensräumen. Der Ausblick auf die "Documenta 11", wie sie deren Leiter Okwui Enwezor vorschwebt, beschwört ein radikales Experiment, denn Kunst, wie sie in Museen und Galerien gezeigt wird, interessiert ihn gar nicht. Offenbar hat er die Absicht, viel tiefer zu schürfen. Die politische Realität prägt jede Art von Gestaltung und Lebensgestaltung. Also muss bei der politischen Realität angesetzt werden. Ethnie, Religion, Philosophie müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Es darf nicht nur auf die Tradition geblickt werden, vielmehr muss in permanenter Weiterentwicklung der aktuelle und adäquate Zustand erarbeitet werden.

Was dem Dokumentaleiter in vielen Varianten besprochenes Vorbild ist, will er nicht zwingend vorgeben - er lässt durch eine bunte, azyklische Annäherung ein Gesamtbild entstehen. Man kann also gespannt sein, was im Laufe eines Jahres sozusagen gruppendynamisch entsteht. Bisher sind kaum Künstler, auch nicht im weitesten Sinne Künstler zu Wort gekommen. Auf die Frage, ob ihn historische (60er, 70er Jahre) oder aktuelle Kunst als soziale Strategie interessiert, antwortet er ausweichend beziehungsweise ergänzend. Die Strategien hätten sich immer auf ein spezielles Problem, eine spezielle Zone bezogen, ihm geht es aber um eine globale Wirklichkeit und das Modell eines Zusammenspiels einer anderen Größenordnung.

Auf die Möglichkeiten von Kunst mit neuen Medien angesprochen, kommt nicht gerade Begeisterung auf, eher Vorsicht - darauf, in und mit welchen Medien gearbeitet wird, darauf kommt es nicht an. Erkennbar wird, es geht nicht um den Kunstkontext und die Kunst im Kontext, und keinesfalls ist das Medium die Message. So viel ist klar, diese Documenta wird nicht mit Vermarktungsstrategien punkten, sie wird jede Menge Galeristen, Sammler und Museumsdirektoren verärgern, aber vielleicht schenkt sie uns ein neues Weltbild!