Bregenz (VN-cd) Im Herbst dieses Jahres, nach zahlreichen
Veranstaltungen, wird die IG-Kultur mit einem Forderungskatalog an
die Vorarlberger Landesregierung herantreten. Er dient der
Verbesserung der Situation von Frauen im Kulturbereich.
VN: Frau Alton, sie sind seit einigen Wochen als
Geschäftsführerin der IG-Kultur an der Erstellung dieses
Forderungskatalogs beteiligt. Kann man schon sagen, wo sofort
Handlungsbedarf gegeben ist?
Alton: Die massivste Benachteiligung zeigt sich dadurch, dass
Frauen weniger Geld aus den öffentlichen Förderungstöpfen beziehen.
VN: Gilt das absolut oder weil Frauen oft viel kleinere Summen
beantragen?
Alton: Es ist auch weniger, wenn man das berücksichtigt.
Allerdings ist diese Art zu rechnen nicht unbedingt zielführend. Es
besteht auch eine Verpflichtung von Seiten des Landes, darauf zu
achten, dass ordentliche Gagen bezahlt werden können.
VN: Ein weiterer Missstand, der sofort zu beseitigen wäre?
Alton: Bei der Besetzung von Posten müssten Frauen noch bevorzugt
werden. Es fällt mir auf, dass es in Vorarlberg fast keine Frauen in
entscheidenden Positionen im Kulturbereich gibt.
VN: Im Herbst wird den Politikern der Forderungskatalog
übergeben. Wie könnten die Frauen sofort reagieren?
Alton: Es geht auch um eine Bewusstseinsbildung. Wir sind es
gewohnt, dass Frauen oft höher qualifiziert sind, dass sie trotzdem
weniger Geld verdienen. Hier in Vorarlberg sind Frauen auch stärker
an das Haus gebunden als anderswo. Sie haben weniger Möglichkeiten
beruflich zu arbeiten.
VN: Sind Sie zum Schluss gekommen, dass mehr Mütter ihrem Beruf
nachgehen möchten?
Alton: Ja, und sie können es nicht tun, weil die Einrichtungen
fehlen. Und etwa das Bewusstsein dafür, dass das eine
Ressourcenvergeudung ist. Es müssten viele Möglichkeiten angeboten
werden, nicht nur Kindergärten, etwa auch Tagesmütter und -väter
etc.
VN: Wie geht es Ihnen selbst in diesem Punkt?
Alton: Ich wüsste nicht, wie ich in Vorarlberg arbeiten könnte,
wenn ich nicht einen Au-pair-Burschen hätte, mit dem meine Kinder
total zufrieden sind.
VN: Christina von Braun, die morgen in Feldkirch ist, erinnert
daran, dass man den Frauen vor hundert Jahren noch unterstellte, die
physiologischen Voraussetzungen zum Denken gar nicht zu haben. Ist
es notwendig angesichts heutiger Anliegen so weit zurückzugehen?
Alton: Ich glaube, dass das sinnvoll ist. Den historischen
Strängen nachzuspüren kann den Denkprozess in Bewegung bringen. Es
macht ja auch Sinn, wenn man die Anfänge der Demokratie in Athen
ansieht. Ich würde das nie als Vorbild unserer Demokratie sehen.
Stimmrecht hatten nur männliche Weiße in einem höheren
gesellschaftlichen Rang.
VN: Im Wiener MAK wurde gerade die Otto Muehl-Ausstellung
eröffnet. Kann man das Kommunenleben als Befreiung der Frau sehen?
Alton: Ich glaube nicht, dass es ein kompletter Befreiungsakt
war, eher ein kleiner, der aber teuer erkauft wurde. Eine große
Befreiung war es für den Muehl selbst.
VN: Wo liegt das Problem?
Alton: Dass Kinder oft die Leidtragenden waren, obwohl sie
sexuell in Ruhe zu lassen sind. Dafür ist der Otto Muehl auch im
Gefängnis gesessen. Bei Erwachsenen denke ich mir, dass der
Befreiungsschlag kommt, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Einige
haben sich sicher im Nachhinein noch befreien können. Das
Kommunenleben konnte ihrer Persönlichkeitsentwicklung sicher
zumindest zugute kommen.
VN: Ist es für Sie in Ordnung, dass Otto Muehl nun groß in einem
prominenten Haus, dem Wiener MAK, präsentiert wird?
Alton: Den Wiener Aktionismus zu beleuchten ist absolut legitim.
VN: Es gibt Künstlerinnen, die durchaus provokant arbeiten, ihren
Körper einsetzen, der alte Muehl erregt aber dennoch viel mehr
Aufsehen.
Alton: Der Muehl ist medial ein Hype. Es gibt Frauen, die bewusst
provokant arbeiten, auch mit dem Ziel, eine größere Aufmerksamkeit
zu erreichen. Das halte ich für eine Künstlerin wie etwa Elke
Krystufek sie ist, für absolut legitim. Bei der Valie Export ist es
schade, dass sie sich selten öffentlich äußert. Sie lehrt aber sehr
viel und das ist gut.
VN: Die alten 68 er waren doch ziemliche Machos, die Frauen haben
sich wohl erst später befreit, oder nicht?
Alton: Der Machismo ist auch immer noch lebendig und in der 68
er-Bewegung war er manifest.