VN Mi, 3.3.2004

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Kultur 

VN-INTERVIEW: IG-Kultur-Geschäftsführerin Juliane Alton zu Frauen in der Kunst, Otto Muehl usw.

Der Machismo ist noch lebendig

Alton: "Befreiung durch die Kommune ist das eine, dass Muehl medial ein Hype ist, das andere"

Bregenz (VN-cd) Im Herbst dieses Jahres, nach zahlreichen Veranstaltungen, wird die IG-Kultur mit einem Forderungskatalog an die Vorarlberger Landesregierung herantreten. Er dient der Verbesserung der Situation von Frauen im Kulturbereich.

VN: Frau Alton, sie sind seit einigen Wochen als Geschäftsführerin der IG-Kultur an der Erstellung dieses Forderungskatalogs beteiligt. Kann man schon sagen, wo sofort Handlungsbedarf gegeben ist?

Alton: Die massivste Benachteiligung zeigt sich dadurch, dass Frauen weniger Geld aus den öffentlichen Förderungstöpfen beziehen.

VN: Gilt das absolut oder weil Frauen oft viel kleinere Summen beantragen?

Alton: Es ist auch weniger, wenn man das berücksichtigt. Allerdings ist diese Art zu rechnen nicht unbedingt zielführend. Es besteht auch eine Verpflichtung von Seiten des Landes, darauf zu achten, dass ordentliche Gagen bezahlt werden können.

VN: Ein weiterer Missstand, der sofort zu beseitigen wäre?

Alton: Bei der Besetzung von Posten müssten Frauen noch bevorzugt werden. Es fällt mir auf, dass es in Vorarlberg fast keine Frauen in entscheidenden Positionen im Kulturbereich gibt.

VN: Im Herbst wird den Politikern der Forderungskatalog übergeben. Wie könnten die Frauen sofort reagieren?

Alton: Es geht auch um eine Bewusstseinsbildung. Wir sind es gewohnt, dass Frauen oft höher qualifiziert sind, dass sie trotzdem weniger Geld verdienen. Hier in Vorarlberg sind Frauen auch stärker an das Haus gebunden als anderswo. Sie haben weniger Möglichkeiten beruflich zu arbeiten.

VN: Sind Sie zum Schluss gekommen, dass mehr Mütter ihrem Beruf nachgehen möchten?

Alton: Ja, und sie können es nicht tun, weil die Einrichtungen fehlen. Und etwa das Bewusstsein dafür, dass das eine Ressourcenvergeudung ist. Es müssten viele Möglichkeiten angeboten werden, nicht nur Kindergärten, etwa auch Tagesmütter und -väter etc.

VN: Wie geht es Ihnen selbst in diesem Punkt?

Alton: Ich wüsste nicht, wie ich in Vorarlberg arbeiten könnte, wenn ich nicht einen Au-pair-Burschen hätte, mit dem meine Kinder total zufrieden sind.

VN: Christina von Braun, die morgen in Feldkirch ist, erinnert daran, dass man den Frauen vor hundert Jahren noch unterstellte, die physiologischen Voraussetzungen zum Denken gar nicht zu haben. Ist es notwendig angesichts heutiger Anliegen so weit zurückzugehen?

Alton: Ich glaube, dass das sinnvoll ist. Den historischen Strängen nachzuspüren kann den Denkprozess in Bewegung bringen. Es macht ja auch Sinn, wenn man die Anfänge der Demokratie in Athen ansieht. Ich würde das nie als Vorbild unserer Demokratie sehen. Stimmrecht hatten nur männliche Weiße in einem höheren gesellschaftlichen Rang.

VN: Im Wiener MAK wurde gerade die Otto Muehl-Ausstellung eröffnet. Kann man das Kommunenleben als Befreiung der Frau sehen?

Alton: Ich glaube nicht, dass es ein kompletter Befreiungsakt war, eher ein kleiner, der aber teuer erkauft wurde. Eine große Befreiung war es für den Muehl selbst.

VN: Wo liegt das Problem?

Alton: Dass Kinder oft die Leidtragenden waren, obwohl sie sexuell in Ruhe zu lassen sind. Dafür ist der Otto Muehl auch im Gefängnis gesessen. Bei Erwachsenen denke ich mir, dass der Befreiungsschlag kommt, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Einige haben sich sicher im Nachhinein noch befreien können. Das Kommunenleben konnte ihrer Persönlichkeitsentwicklung sicher zumindest zugute kommen.

VN: Ist es für Sie in Ordnung, dass Otto Muehl nun groß in einem prominenten Haus, dem Wiener MAK, präsentiert wird?

Alton: Den Wiener Aktionismus zu beleuchten ist absolut legitim.

VN: Es gibt Künstlerinnen, die durchaus provokant arbeiten, ihren Körper einsetzen, der alte Muehl erregt aber dennoch viel mehr Aufsehen.

Alton: Der Muehl ist medial ein Hype. Es gibt Frauen, die bewusst provokant arbeiten, auch mit dem Ziel, eine größere Aufmerksamkeit zu erreichen. Das halte ich für eine Künstlerin wie etwa Elke Krystufek sie ist, für absolut legitim. Bei der Valie Export ist es schade, dass sie sich selten öffentlich äußert. Sie lehrt aber sehr viel und das ist gut.

VN: Die alten 68 er waren doch ziemliche Machos, die Frauen haben sich wohl erst später befreit, oder nicht?

Alton: Der Machismo ist auch immer noch lebendig und in der 68 er-Bewegung war er manifest.

Der Vortrag von Christina von Braun im Rahmen der Frauenstudienreihe findet am 4. März, 20.15 Uhr, im Theater am Saumarkt in Feldkirch statt. Internet: www.saumarkt.at und www.igkultur-vbg.at

Juliane Alton: Bei Besetzung von Posten Frauen bevorzugen. (Foto: Alton)




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