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Kunstberichte
Das Museum für angewandte Kunst Wien zeigt die im Dezember verschobene Schau "Blumen für Kim Il Sung"

Jeder Pinselstrich ist Ideologie

Utopie 
in Bildern: "Blauer Himmel" aus dem Jahr 2005 von Ri Sok Nam. 
Foto: Korean Art Gallery, Pyongyang

Utopie in Bildern: "Blauer Himmel" aus dem Jahr 2005 von Ri Sok Nam. Foto: Korean Art Gallery, Pyongyang

Von Judith Schmitzberger

Aufzählung Größte Werkschau der demokratischen Volksrepublik Korea im Ausland.
Aufzählung Kunst als effektvolles Mittel der Propaganda.
Aufzählung Hohe Sicherheit, aber keine kritischen Kommentare im Mak.

Wien. Eine Gruppe von Menschen sitzt auf Sofas und Sesseln um einen niedrigen Tisch im Stil der 50er Jahre. Männer in schlichten Anzügen, Frauen in traditioneller Kleidung oder Kostüm. An ihren Revers prangen rote Abzeichen.

Aufzählung Kommentar: Kunst oder doch gemalte Ideologie

Ausgestattet sind sie mit Notizblöcken und Stiften. Einige schreiben eifrig, andere lauschen andächtig. Auf ihren Gesichtern sind Ernsthaftigkeit, Konzentration und respektvolle Freude zu erkennen. In ihrer Mitte thront ein strahlender junger Mann, ihm gilt die ganze Aufmerksamkeit.

"Präsident Kim Il Sung bei den Kunstschaffenden" ist das Gemälde aus dem Jahr 1972 benannt. Als Urheber zeichnet die "Künstlervereinigung" verantwortlich. Ein Bild, das mehr sagt als viele Worte. Über die Stellung von Kunst in der Demokratischen Volksrepublik Korea, über das Kollektiv der Kunstschaffenden und die Propaganda, die jeden Pinselstrich führt. Und über die Tatsache, dass zur künstlerischen Ausbildung in Korea weit mehr gehört als das Erlernen von Techniken und Stilen. Ohne ideologische Schulung keine Kunst. Auf dem Bild zeigen sie den zentralen Teil ihres Schaffens. Sie sind bereit zum Ideologie-Diktat.

Ideologie-Darstellung frei von kritischen Kommentaren

Dass dieses Bild mehr sagt als tausend Worte, darauf vertraut auch der Mak-Direktor und Ausstellungsmacher Peter Noever. Denn er zeigt die koreanischen Gemälde kommentarlos. Sie sind lediglich von kurzen, dreisprachigen Bildtexten umrahmt. Den kritischen Geist muss der Betrachter selbst mitbringen.

"Blumen für Kim Il Sung. Kunst und Architektur aus der Demokratischen Volksrepublik Korea" ist die erste umfassende Werkschau außerhalb Koreas. Die Verhandlungen für die Ausstellungen haben Jahre gedauert, waren laut Noever mit zähen Diskussionen verbunden. Der für Dezember 2009 geplante Start musste verschoben werden. Zu sehen ist die Schau nun bis Anfang September. 133 meist großformatige Werke sind dabei im Mak ausgestellt, großteils Öl- oder Tuschebilder. Mehr als die Hälfte der Gemälde stammt aus den letzten zehn Jahren, Hauptleihgeber ist die Korean Art Gallery in Pyongyang. Dass Noever Bedingungen der koreanischen Partner bei der Präsentation hat akzeptieren müssen, sieht man an vielen Details. An einem Metalldetektor im Eingangsbereich, an den Kordeln und Aufsehern, die Gemälde von Kim Il Sung und seinem Sohn Kim Jong Il abschirmen. Kritische Texte, künstlerische oder politische Gegenstimmen zur gemalten Ideologie findet man nicht. Einordnen, hinterfragen und kritisch betrachten muss man selbst. Und der Blick hinter die Maske der Propaganda ist ein erschreckender. Er zeichnet ein instrumentalisiertes und penibel kontrolliertes Bild einer diktatorischen Gesellschaft.

Es sind die kurzen Bildtexte, die Ausschluss geben über den Inhalt und die mögliche Deutung der Gemälde. Symbolgeladen sind die meisten Werke selbst in den kleinsten Details. "Gemeinsam auf dem Weg für das Volk" aus 2002 etwa zeigt die beiden Präsidenten. Sie schreiten an einem Bahnsteig durch einen Schneesturm, im Hintergrund salutiert eine Soldatin. Die beiden Männer lächeln ernst und zuversichtlich, schreiten selbst in schwierigen, dunklen Zeiten frohgemut und festen Schrittes nach vorne.

Beängstigende Omnipräsenz bis in den intimsten Winkel

Dazu sieht man die beiden Staatslenker bei der Besichtigung von gigantischen Bauprojekten, beim Besuch einer Militär-Küche voll frischem Obst und Gemüse oder auf dem Weg zur Front. Darüber hinaus ist Kim Il Sung in beinahe religiös anmutende und zutiefst intime Kontexte eingebettet, ganz volksnaher väterlicher Held. Kinder und Blumen schmücken ihn dabei meist, auf den ersten Blick könnten es das Porträt einer glücklichen Großfamilie sein.

Das Regime blickt bis in dein bescheidenes Wohnzimmer, beansprucht die Erziehung deiner Kinder, sitzt immer mit an deinem Tisch. Und es ist die einzige Möglichkeit auf Glück. Die Ideologie kriecht bis in den kleinsten Winkel, entkommen oder verstecken zwecklos. Das suggerieren diese Darstellungen westlichen Betrachtern: Beängstigende Omnipräsenz, allgegenwärtige Kontrolle.

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Symbolkraft: Verletztes Mädchen im "Jogori". Foto: Wolfgang Woessner/MAK

Die großformatigen Bilder der beiden Herrscher sind von idyllischen Landschaftsgemälden und Szenen aus dem alltäglichen Leben umrahmt. Sie sind trotz des jungen Entstehungsdatums erschreckend stereotyp und zeitlos. Fortschritt ist der Industrie und Architektur überlassen. Und auch diese Bilder sind voller Symbole, fungieren als Werbeträger für Ideologie und Rollenbilder. "Ein Foto des Sohnes" zeigt eine Ernte-Szene auf einem Reisfeld. Strahlende Gesichter, wie meist. Der einzige Mann der Gruppe hält ein Foto in der Hand. Auf ihm ein jungen Mann in Uniform und mit Gewehr. Es ist ein älterer Herr, der hier als Einziger unter den Frauen weilen darf. Für die männliche Jugend hat man andere Pläne.

Ernste Mienen sieht man nur auf wenigen Bildern. Individuen zeigen sie alle nicht, es sind Allegorien und Symbole für die Rolle des Einzelnen innerhalb des Systems. "Tochter" etwa zeigt eine junge Frau mit drei Kindern. Die Verhältnisse sind ärmlich, die Blicke stolz, aber ernst. Vor ihr auf dem Boden ein Nähkorb mit Stoff und Schere. Im Eingang hockt ein Mann, umgeben von den Insignien der Macht und der Bildung: Aktentasche, Rechenschieber und Gedrucktes. Die Rollenverteilung lässt keinen Zweifel aufkommen.

Zynismus findet man in den präsentierten Werken nur mit westlichem Hintergrund: Ein Arbeiter bewacht ausgestattet mit einem Gewehr den Eingang zu einer rauchenden Fabrik, rote Ziegelsteine, geschäftiges Treiben im Hintergrund. Der Titel "Besitzerstolz" ist nur innerhalb des Systems ohne Ironie zu verstehen.

Künstler als Beamte in staatlichen Kunst-Studios

Produziert wird Kunst in Nordkorea in Künstlervereinigungen. Sie beziehen geregelten Lohn und arbeiten in staatlichen Studios als Beamte, erläutert die Kuratorin der Schau, Bettina Busse. Das Kollektiv dieser Künstler fungiert als gegenseitige ideologische Selbstkontrolle. In der Ausbildung geht es jedoch nicht nur um kommunistische Ideale. Denn Korea will sich mit seiner Staatskunst von seinem Umfeld abgrenzen. Mithilfe einer weiterentwickelten Form der ostasiatischen Tusche-Malerei, die seit den 1960ern als Staats-Stil gilt. National in der Form, sozialistisch im Inhalt, lautet die Maxime. Mit dem sozialistischen Realismus der Sowjetunion und der Ästhetik Chinas wollen die Koreaner nicht in eine Schublade gesteckt werden.

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Monumentale Architektur: Die Nachbildung des 170 Meter hohen "Juche-Turms" in Pyongyang. Foto: Wolfgang Woessner/MAK

Wie sich Nordkorea selbst inszeniert, zeigen im Mak architektonische Skizzen und Nachbildungen monumentaler Bauwerke. Eine Plakatserie wirbt für Fortschritt, Umweltbewusstsein und Konsum. Auch die politischen Visionen sind klar gezeichnet. "Tanz des ‚Regenbogens der Wiedervereinigung‘" (2010) zeigt etwa eine stolze tanzende junge Frau in einem roten Kleid, ein lebenslustiges Lächeln auf ihrem Gesicht. Ihre Gesten sind selbstsicher und bestimmt. Vor ihr kniet in tiefer Verbeugung ein zweites Mädchen, wie zur Aufforderung zum Tanz. Ihr Kleid ist blaugrau, ihr Kopf ernst und in Demut zu Boden geneigt. Alles an ihr signalisiert Reue und Unterwerfung. Die Symbolsprache dieser Geste ist nicht zu übersehen.

Printausgabe vom Mittwoch, 19. Mai 2010
Online seit: Dienstag, 18. Mai 2010 18:13:00

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