Der brasilianische Architekt, Kommunist und
Komponist Oscar Niemeyer feiert heute seinen 103. Geburtstag
Der Herr der kurvigen Architektur
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Das Museum für zeitgenössische Kunst im brasilianischen Niterói, erbaut
im Jahr 1996. Foto: epa/M. Sayao
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Von Christof Habres

Oscar
Niemeyer zählt zu den weltweit produktivsten Architekten des 20.
Jahrhunderts.

Die Arbeit
ist für den Brasilianer Lebenselixier.

"Architektur-Papst" realisierte mehr als 600
Projekte.
Wien/Riode Janeiro. Als hätte er nicht schon
genug zu tun. Als würden die anstehenden Projekte, die er, der heute
seinen 103. Geburtstag feiert, zu realisieren hat, nicht sein
Tagespensum ausfüllen. Nein, Oscar Niemeyer hat sich während eines
Krankenhausaufenthalts vor einigen Monaten noch unter die Komponisten
und Liedermacher begeben.
Der Jahrhundert-Architekt, der mit mehr als 600 geplanten und
realisierten Bauten auf ein weltweit einzigartiges Oeuvre verweisen
kann, nutzte die langweiligen Stunden im Krankenbett, um das Lied
"Tranquilo com a vida" ("In Frieden mit dem Leben") zu schrieben und zu
vertonen. Der Song wird dieser Tage veröffentlicht. Beim Text blieb er
seinem sozialkämpferischen Anspruch treu: Es handelt vom Leben in den
Favelas, den Armensiedlungen am Rande der Großstädte Brasiliens. Zwei
Aspekte, die unmittelbar mit dem Leben des Pritzker-Preisträgers (1988)
verbunden sind, die Metropolen und soziale Fragen.
Eine Stadt vom Reißbrett: Niemeyers Brasília
Als Architekt zählt er zu den bedeutendsten des vergangenen
Jahrhunderts, seine Bauten sind Legende. Wird sein Name erwähnt, dann
ist es meist die Hauptstadt Brasília, die mit ihm assoziiert wird. Jenes
Reißbrettprojekt, für das er Ende der 1950er Jahre alle öffentlichen
Gebäude plante und verwirklichte. Ein spektakulärer Niemeyerscher
Architekturpark, der es dem Besucher ermöglicht die Grundkonzepte des
Architekten kennenzulernen. Dieses städtebauliche Gesamtkunstwerk wurde
1987 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Von der These ausgehend –
"den Menschen zu überraschen" – erkennt man seine unbedingte Vorliebe
für die geschwungene Linie und seinen großzügigen Umgang mit Räumen und
Flächen. Die Weitläufigkeit und Größe vieler seiner Projekte vermitteln
dem Betrachter die eigene "Kleinheit", lässt Architektur sehr
unmittelbar erleben. "Die Rolle des Architekten ist es, für eine bessere
Welt zu kämpfen, in der wir eine Architektur entwickeln können, die
allen dient und nicht nur einer Gruppe von Privilegierten", erklärte er
vor kurzem der britischen Kunstzeitung "The Art Newspaper". Dieses
Statement verdeutlicht sehr gut seinen Anspruch an die Architektur und
sein soziales Gewissen.

Architekt und
Städteplaner Oscar Niemeyer. Foto: epa/Marcelo Sayao
Oscar Niemeyer, der von Fidel Castro als einer der letzen wahren
Kommunisten des Planeten bezeichnet wird, war und ist immer ein Kämpfer
für soziale Gerechtigkeit. Seit seiner Studienzeit ist er bekennender
Kommunist, wurde während der Diktatur in Brasilien (1964–1985) verfolgt,
mit Arbeitsverbot belegt und zeitweise ins Exil nach Frankreich
gezwungen.
Le Corbusier und Lucio Costa als Vorbilder
Niemeyer studierte von 1928 bis 1934 an der Escola Nacional de Belas
Artes in Rio de Janeiro. Als Vorbilder nennt er immer zwei Namen: den
brasilianischen Stadtplaner Lucio Costa und den
schweizerisch-französischen Architekten und Theoretiker Le Corbusier.
Costa verhalf ihm zu den ersten öffentlichen Bauten in Brasilien. Als er
1943 mit der Realisierung des futuristischen Gesundheits- und
Bildungsministeriums in Rio de Janeiro internationales Renommee erlangt
hatte, war seine weltweite Karriere nicht mehr aufzuhalten. Dieser
Auftrag brachte ihn auch mit Le Corbusier zusammen und gemeinsam
erarbeiteten die beiden einige Projekte. Eine fruchtbare Kooperation,
die Niemeyer in seinem weiteren Schaffen stark beeinflusste, und die
1947 in der Realisierung des Hauptgebäudes der UNO in New York City am
East River gipfelte.
Weitere bedeutende Arbeiten des Architekten finden sich in Mailand
(der Hauptsitz des Mondadori-Verlags), in Haifa (die Universität), in
London (der Pavillon der Serpentine Gallery) oder in Niterói (das Museum
für zeitgenössische Kunst), einer Nachbarstadt von Rio de Janeiro.
Eine seiner letzten Arbeiten ist das Kulturzentrum im spanischen
Aviles, sein bisher erster und einziger Bau in Spanien. Das dies nicht
so bleiben muss, beweist die ungebrochene Aktivität des Architekten, der
noch immer jeden Tag in sein Büro kommt, Entwürfe zeichnet, Pläne
kontrolliert und Aufträge bespricht. Die Arbeit sei sein Lebenselixier,
wie er immer wieder betont. Betrachtet man die Arbeiten dieser
Architektur-Ikone, bleibt zu hoffen, dass ihm dieses Elixier noch viele
Jahre zur Verfügung stehen möge.
Printausgabe vom Mittwoch, 15.
Dezember 2010
Online seit: Dienstag, 14. Dezember 2010 16:53:00
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