Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Galerien

Nirwanitas nirwanitatum

Aufzählung (cai) Ich glaub’, ich steh im Wald (den ich vor
lauter Bäumen aber eh nicht seh’). Ähm, müsste ich nicht eigentlich den Wood vor lauter Bolly nimmer wahrnehmen können? Denn immerhin handelt es sich hier ja um indische Kunst. Und was soll das überhaupt bedeuten ? Keine Ahnung. Doch es klingt irgendwie gut. Natürlich nicht ganz so poetisch wie der Titel der Ausstellung, von dem ich mich freilich überfordert fühle wie das Rotkäppchen von der plötzlich so stark behaarten Großmutter: "Crazy Jane And Jack The Journeyman." So heißt doch ein Gedicht vom Yeats, das mir auch zu hoch ist. Genauso gut könnte der Titel "Cheetah And Jack The Ripper" sein. (Cheetah – die Banane? Nein. Tarzans Lebensgefährtin. Die Banane ist die Chiquita .) Oder sind Jane und Tarzan, hoppala: Jack, die Künstlernamen der beiden jungen Inder?

Was die Sakshi Gupta mit Schrott anstellt, grenzt schon an Magie. Oder an Religion. Denn das Gitter, durch das Metallrestln wie Schimmel wuchern, ist eindeutig ein Flügelaltar. Der zeigt uns – das Nirwana? Und der gusseiserne Rabe, dessen Schatten aus Eisenstaub bloß durch Magnetismus zusammengehalten wird, soll uns sicher an die Nirwanitas erinnern. Tschuldigung: an die Vanitas. Gibt’s da nicht diese Redensart? ("Eine Krähe hackt sogar ihrem eigenen Schatten ein Auge aus" – oder so.) Und die brutal verdrehte, "erhängte" Männerhose? Ein Siegesdenkmal? Ist dem Patriarchat symbolisch das Fell abgezogen worden? Apropos Mann. Avinash Veeraraghavan irritiert und beeindruckt daneben mit üppigen, digital erzeugten Mustern aus seinen Körperteilen. Oder damit, dass sich eine Löwin, aus der Nähe betrachtet, in ein totales Chaos aus Tierskeletten und Folklore auflöst. Seine pittoresken Holzintarsien sind sowieso Meisterwerke. Und fröhliche Buntheit schlägt bei ihm
in Unbehagen um. Autowracks begräbt er unter Spielzeug. (Hm. Veragaga-was? Also Jack hätt’ ich mir
gemerkt .)

Galerie Krinzinger
(Seilerstätte 16)
Gupta / Veeraraghavan
bis 6. Mai
Di. – Fr.: 12 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 16 Uhr

Im siebenten Himmelblau

Aufzählung (cai) Warum schleppt jemand eine Filmkamera
auf einen Berg, nur um sie dann eine halbe Ewigkeit stur nach oben zu richten? a) Um die Existenz von Engeln nachzuweisen. b) Um zu beweisen, dass der Himmel blau ist. c) Um zu beweisen, dass das Blau des Himmels vierdimensional ist. Natürlich c. Und das Himmelblau ist wirklich vierdimensional. Okay, vielleicht nicht im Raum-Zeit-Kontinuum, aber zumindest im Farb -Zeit-Kontinuum, das der Einstein nicht entdeckt hat, sondern die Inge Dick (die dafür noch immer keinen Nobelpreis gekriegt hat). Die Farbzeit hat sie filmisch dokumentiert ("Blau, unendlich"). Auf dem Sonnblick. Dass die Farbe also sensibel auf die Tageszeit reagiert. Und aufs Wetter. Dass der Himmel alle Blautöne spielt. Und für den Monumentalfilm "Zinnober" hat sie in den Niederungen ihres Ateliers 13,5 Stunden lang mit der Kamera auf eine rote Fläche draufgehalten.Nein, beim Lindner gibt’s leider keine Filmvorführung. Dafür Film stills . Die uns auf schmerzlose, dekorative Weise beibringen, dass Farben absolut relativ sind.

Galerie Lindner
(Schmalzhofgasse 13)
Inge Dick
bis 1. Juni
Di. – Fr.: 14 – 18 Uhr

Traumfrauen schlafen tief

Aufzählung (cai) Ach, die Ausstellung heißt wohl deshalb "Himmel und Hölle", weil diese schläfrigen Damen so etwaswie eine bipolare Störung haben. Die sind himmelhoch jauchzend zur Hölle gefahren. Oder eigentlich können sie mitten im rabiaten Tusche-Gekritzel friedlich dösen. Andrea Schnell hat den meisten mit dem Radierer liebliche Gesichter herausmassiert. Und der Kontrast von Verrohung und Sanftmut ist ziemlich reizvoll.

Galerie Lang Wien
(Seilerstätte 16)
Andrea Schnell
bis 21. Mai
Di. – Fr.: 12 – 18 Uhr, Sa.: 11 – 16 Uhr

 

Printausgabe vom Mittwoch, 04. Mai 2011
Online seit: Dienstag, 03. Mai 2011 17:12:00

Kommentar senden:
Name:

Mail:

Überschrift:

Text (max. 1500 Zeichen):

Postadresse:*
H-DMZN07 Bitte geben sie den Sicherheitscode aus dem grünen Feld hier ein. Der Code besteht aus 6 Zeichen.




* Kommentare werden nicht automatisch veröffentlicht. Die Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen. Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird online nicht veröffentlicht. Bitte beachten Sie unsere Feedback-Regeln.

Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at