Salzburger Nachrichten am 14. April 2001 - Bereich: kultur
Das genaue Studium des Beipackzettels wird allerdings dringend emphohlen - Ausstellung in Wien

Die Interessengemeinschaft "Bilderkunst" verabreichte der Siemens Austria AG die "Art Pill", einen Sponsorpreis. Dem Phänomen Pille widmet die Institution eine Ausstellung in ihren Räumlichkeiten in der Gumpendorferstraße in Wien. Ausgangspunkt ist der Trend, mit Pillen einfach alles steuern zu wollen, vom Krankheitserreger über die Gewichtsabnahme bis zum Sex. Die Künstler haben beim Darstellen eines gesellschaftlichen Phänomens lustvoll übertrieben. Nette Packungen von Christian Trinkhauser Thurner versprechen Normalität, Moralität und philosophische Gelassenheit per Einnahme. Aber Vorsicht! Das Markenzeichen FuckDead (frei nach der extremen Musikgruppe Fuck Head) schließt Drogenmissbrauch nicht aus. Ferner ist es ratsam, die sorgsam aufgelegten Beipackzettel von Kunstkritikern/Theoretikern zu lesen, denn wer weiß schon, was "Schluckbilder" wirklich bewirken.

Als Kontraindikation empfiehlt sich das "Bankett der Eventualisten", also: demonstrieren, boykottieren und, dem Aufruf des Schriftstellers Robert Menasse folgend, das Land verlassen, in der Hoffnung, das mühsam Erworbene nicht dem Staat abliefern zu müssen. Sollte jemand glauben, da hätten sich die "No-Names" oder "Nebenerwerbskünstler", wie sie Robert Menasse nannte, zusammengerottet, so stimmt Ersteres nicht, was Namen wie Constanze Ruhm, Simon Wachsmuth, Adi Rosenblum/Markus Muntean und Katarina Matiasek beweisen. Die Bezeichnung "Nebenerwerb" ist kein Mittel, jemanden aus dem Verständnis künstlerischer Professionalität auszuschließen. JANA WISNIEWSKI