24.05.2003 11:00
Multiple Bilder im Kopf
Warum der
Glaube an das, "was ist", gebrochen werden soll: Dieter Bogner im
STANDARD-Interview über Gebügeltes in Wien und Neues in Graz
Dieter Bogner, vielen noch aus seiner Zeit der
Museumsquartier-Errichtungsgesellschaft in Erinnerung, ist heute international
als Museumsplaner tätig. Zuletzt hat er die Neugestaltung des steirischen
Landesmuseums Joanneum konzipiert, das insgesamt 17 Sammlungen
beherbergt.
Nach langjährigen inhaltlichen und budgetären Diskussionen
entschied man sich 1997 für Bogners Masterplan, der eine Gliederung des
Universalmuseums in fünf Departements vorsieht. Auf den Umbau der Neuen Galerie
folgte - nach sechzehnjähriger Schließung - die Eröffnung des Grazer
Volkskundemuseums (s. S. A1) und im Herbst soll das Kunsthaus fertig sein. Bis
2011 sollen alle Museen saniert sein.
Das Interessanteste an seiner
multiplen Arbeit, sagt Bogner, sei die Komplexität und das "virtuelle Museum im
Kopf", das durch die Verknüpfung mehrerer Projekte entsteht. Derzeit sind auch
das Paul-Klee-Zentrum in Bern, das Salzburger Landesmuseum Carolino Augusteum
und das Ludwig-Museum in Budapest in Arbeit. Bogner ist außerdem Gründer der
Friedrich- und Lillian-Kiesler-Stiftung in Wien.
STANDARD:
Herr Bogner, wie sehen Sie Ihre Rolle als
Museumsplaner?
Bogner: Ich muss die ganzheitliche Sicht
behalten: also nicht nur die Inhalte definieren, sondern auch im Sinne der
Auftraggeber räumliche, technische, wirtschaftliche und personelle Konsequenzen
mitdenken. Ein Museum ist immer das Arbeitsergebnis eines ganzen Projektteams:
Wir müssen Bilder im Kopf schaffen. Das Wichtigste dabei ist der Inhalt, und
wenn ich sage, Kuratoren und Museumsmacher müssen alle Regeln brechen, dann
setze ich voraus: sofern der Inhalt stimmt.
Was mich dabei fasziniert,
ist die Tatsache, dass es möglich ist, so komplex zu arbeiten: Ich arbeite
derzeit am Kunsthaus Graz, das ist ein Neubau. Das Kiesler-Archiv tourt zu
Ausstellungen von Bregenz bis Seoul, und beim Grazer Volkskundemuseum handelt es
sich um die Neugestaltung eines Hauses.
STANDARD: Das
Volkskundemuseum wurde 1913 von Viktor von Geramb gegründet. Er schuf ein
Gesamtkunstwerk, in dem Sammlungsobjekte mit der Ausstellungsgestaltung
verschmolzen. Sie haben nun der heute von Roswitha Orac-Stippberger betreuten
Sammlung ein neues Gesicht gegeben. Welches Verhältnis zwischen Objekt und
Gestaltung kennzeichnet die Neuaufstellung?
Bogner: Jede
Neuaufstellung ist ein Ausdruck ihrer Zeit. Bei Geramb war alles bemalt - die
Kassa, die Vitrinen, die Sockelleisten, die Wände. Also waren die Gegenstände in
ihrem - wie er sagt - "zweiten Leben" Exponate in dekorierten
Exponaten.
Nehmen Sie an, Sie bauen in 100 Jahren ein Museum des frühen
21. Jahrhunderts und Sie nehmen den Tisch, an dem wir sitzen, und Ihr
Aufnahmegerät, und stellen sie dort auf. Hier und heute dienen diese Dinge uns
dazu, dass Sie ein Gespräch aufnehmen. Dort und dann informieren Sie Menschen,
die andere Tische haben und andere Tonträger, darüber, dass man früher solche
Dinge hatte und wie sie funktionierten: Sie erzählen dann die Geschichte dieser
Dinge, indem Sie sie in einen neuen Kontext stellen, sonst würden wir sie ja
wegschmeißen.
Geramb konstruierte den Objekten eine "heimelige"
Atmosphäre, die quasi "ihre Sprache" sprach. Was wir jetzt gemacht haben, ist
sozusagen das zweite Leben in einer neuen Wohnung. Oder vielmehr: Die Wohnung
wurde umgebaut. Wir haben mit den Architekten von BEHF eine abstrakte, gläserne
Architektur geschaffen, in der die Objekte möglichst ungestört zur Geltung
kommen sollten und klar in drei existenzielle "Schutzfaktoren" im Leben des
Menschen gegliedert sind: "Wohnen - Kleiden - Glauben".
STANDARD:
Die Ausstellungsgestaltung entspricht sozusagen der heutigen Wahrnehmung.
Bogner: Museen wirken langfristig und geben die Gelegenheit,
Dinge anders zu sehen, ohne dass man etwas ab- oder ausschlachtet. Heute
gehen viele Menschen ins Museum und nehmen das, was präsentiert wird, einfach
hin, im Glauben, "so ist es". Das muss man sukzessive brechen. Wahrscheinlich
werden sich bis in 20 Jahren die Museen wieder relativieren. Derzeit
relativieren wir das Dargestellte etwa mit Monitoren, auf denen die Besucher das
Ausstellungskonzept sehen, in dem sie sich befinden.
STANDARD:
Was sagen Sie als jemand, der das Museumsquartier mitgeplant hat, zum
Resultat?
Bogner: Nun, meine Grundidee war ein Mix von einigen
großen, etlichen mittleren und vielen kleinen Kulturinstitutionen
verschiedenster Disziplinen. Ob die miteinander kooperieren, konkurrieren oder
sich ignorieren, ist nicht planbar. Momentan aber gibt es eine Menge von zu
lange dort kämpfenden Personen, die individuelle Positionskämpfe austragen. Nur:
Das gibt sich - hoffentlich nicht erst mit der Pensionierung der Protagonisten.
Einfach aus dieser schwierigen Geburt heraus sind Blessuren zurückgeblieben. In
Graz entsteht jedenfalls mit den Kunsthaus ein kleinerer, aber was Synergien
betrifft ein strukturell ähnlicher Komplex.
STANDARD: Halten
Sie das Quartier 21 für einen Erfolg? Es scheint jedenfalls weitaus weniger
belebt, als angedacht war - ganz im Unterschied zum Inneren des
Museumsquartiers, wo man im Winter Eisstockschießen geht und im Sommer die
Gastronomie genießt.
Bogner: Als das Ganze ein verwahrlostes
Gebiet war und wir die Basis Wien geholt haben, T-Junction oder das Depot,
herrschte eine sehr produktive Stimmung. Man soll jetzt nicht ungeheizten
Räumlichkeiten nachweinen, aber mir war schon klar, dass in dem Moment, wo das
alles geschniegelt und gebügelt ist, der Reiz zunächst einmal weg
ist.
Ich habe von Anfang an gesagt, dass es Bereiche geben muss, die
einem ständigen Wechsel offen stehen. Mir geht es dabei nicht darum, ob das
funktioniert oder nicht, sondern darum, dass man jetzt experimentiert und aus
den Fehlern lernt. Momente der Erlebniskultur aber zeigen, dass man es nicht
erträgt, dass intellektuelle und kritische zeitgenössische Kulturbetriebe
existieren. Es ist zum Beispiel ein Wahnsinn, dass das Depot von den Politikern
abgedreht wurde. Man muss sich doch um Gottes Willen die Gebäude für solche
freien Institution leisten können. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe,
24./25.5.2003)