| Salzburger Nachrichten am 29. März 2006 - Bereich: Kultur
Spiel mit vollem Risiko Im zweiten Teil des
Festivals "Dialoge" heißt das Thema "Spiel". In Meg Stuarts Projekt "Auf
den Tisch!" bestimmt die Improvisation die Form und den Inhalt.
CLEMENS PANAGLSALZBURG (SN). Auch wenn es sich bei "Auf den Tisch!"
nicht um ein Auftragswerk der Stiftung Mozarteum handelt: In ihrer
Performance nimmt die US-Choreografin Meg Stuart Titel und Motto des
Salzburger Festivals "Dialoge" beim Wort. Elf Vertreter verschiedener
Kunstsparten - Darsteller, Tänzer, Autoren, Musiker, Sänger - begeben sich
im zweiten "Dialoge"-Teil an einen Konferenztisch und verhandeln mit
sprachlichen und darstellerischen Mitteln verschiedene Aspekte ihres
künstlerischen Tuns. Vorschriften gibt es dabei keine, am Konferenztisch
wird ausschließlich improvisiert. Das Publikum wird in dem Stück, das nach
Berlin, Brüssel, Gent und Wien heute und morgen im Mozarteum seine letzte
Station hat, ebenfalls Teil des Dialoges. "Performer" verschiedener Fraktionen, die sich miteinander zu
verständigen versuchen - ein Symbol einer nach allen Seiten offenen
Performancekunst, die nach Definitionen für sich selbst sucht?
"Vielleicht", sagt Meg Stuart im SN-Interview mit einem Schmunzeln. Viel
mehr gehe es aber darum, "über Improvisation als Form nachzudenken. Das
Stück ist eine permanente Konferenz über die Improvisation. In jeder Stadt
bekommt es ein neues Setting." Vorgegeben sind nur einige Themen, die in Salzburg, passend zum Anlass
des Festivals etwa "Geschichte" und "Erinnerung" heißen könnten. "Wir
haben uns im Vorfeld auch über Rituale unterhalten und darüber, wofür
Mozart stehen könnte: das Bedürfnis, Vergangenes zurückzubringen und die
Rolle des Star-Status. Und natürlich sind wir in diesem speziellen Raum,
der mit keinem Rahmen vergleichbar ist, in dem wir bisher gespielt haben.
Hier können wir wirklich die herkömmlichen Codes von Theater, Tanz und
Choreografie aufbrechen." Im Idealfall entstehe in der zweistündigen Improvisation ein Diskurs
auf zwei Ebenen: "Während wir über Aspekte des Improvisierens debattieren,
reden wir auch darüber, wie man die Welt sehen kann. Wir könnten erörtern,
wie es ist, auf der Bühne auf Risiko oder auf Sicherheit zu spielen - und
dann Parallelen zum Leben ziehen." Neu in Salzburg ist eine erweiterte musikalische Dimension. So werden
eine Sängerin und ein Klarinettist Mozartfragmente spielen: "Wann das
passiert, wissen wir selbst nicht. Das Publikum könnte also seltsame
Dialoge, Bewegungen und Debatten erleben, und plötzlich, als ob man ein
Fenster öffnet, schwebt Mozart herein." Für die Akteure wie für das Publikum sei "Auf den Tisch!" eine
besondere Herausforderung. "Ein paar Sätze können die Performance in Fluss
bringen oder zum Stocken. Dann sind da noch die anderen Faktoren wie die
Aufmerksamkeit und die Offenheit des Publikums. Das ist immer ein
riskantes Unternehmen", weiß Stuart. Die Belohnung liege darin, ein Stück
zu sehen, "das es in der Form immer nur ein einziges Mal geben kann. Für
mich liegt darin ein großer Wert." Für die Ausführenden hingegen liege der
besondere Kick im Spielen ohne Netz: "Das ist fast wie Freeclimbing." |