Großausstellung des Wien Museums im Künstlerhaus: "Kampf um die Stadt – Politik, Kunst und Alltag um 1930"
Masse und Nacht über der roten Stadt
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Der Spötter im Porträt: "Karl Kraus II" (1925) von Oskar Kokoschka. Foto: Fondation Oskar Kokoschka/VBK Wien
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Ob Jura Soyfers antifaschistisches Theater, Karl Kraus’ ätzende
Kommentare oder Hugo Bettauers "Stadt ohne Juden": Viele
Gedankenstränge verlaufen durch dieses Labyrinth von nahezu 2000
Exponaten. "Kampf um die Stadt" heißt diese Ausstellung, die das Wien
Museum ab heute, Donnerstag, im Künstlerhaus präsentiert. Hier zeigt
das Wien der Jahre 1920 bis 1938 ein schillerndes Haupt in krassen
Gegensätzen wie Demokratie und Diktatur, Peripherie und
Großstadt-Utopie, Bubikopf gegen Zopffrisur, Trachten wider mondänen
Wintersport.
In einer gegen die Symmetrie des Hauses gebürsteten Struktur mit
teils aus dem Lot geratenden Vitrinen, die nach dem Vorbild des
20er-Jahre-Designs gestaltet und akzentuiert wurden, muss sich der
Besucher seine Wege erst erschließen. Aber wer weiß: Vielleicht ist
nach zehnmaligem Besuch ein Teil ja nachvollziehbar. Wobei ein
finanzieller Trost winkt: Mit der Eintrittskarte ist bereits die Hälfte
eines zweiten Besuchs bezahlt.
Vielleicht ist es die Übertragung der vielen Gegensätze vom
Politischen über die sozialen Konflikte bis in die Kunst, die den
kuratierenden Direktor Wolfgang Kos sein Labor überfrachten ließ. Oder
ist diese Schau eine Paraphrase auf Elias Canettis "Masse und Macht"?
Die einzelnen Themenkreise sind dabei gut gewählt, und zumindest das
"Museum der Stimmen" im Oktogon des Hauses ist ein fast leerer Raum.
Selbst bei diesen ruhigeren Künstlerpräsentationen hätte man jedoch
herausstellen können, wie gemäßigt Wiens malende Modernisten im
internationalen Vergleich damals waren.
Bildmacht Plakat
Die Plakate und Filme erweisen sich als eigentliche Bildmacht der
porträtierten Ära – und auch die Fotografie erlebte den ersten
Höhenflug. Da zeigte etwa Rudolf Koppitz Bauern und Trude Fleischmann
städtische Nacktkultur; eine Lederhose aus dem Umfeld Marlene Dietrichs
kommt kontrastreich mit einem Hosenanzug der Künstlerin von 1930 daher.

Bunte, heitere Großstadt: "Ballonverkäufer" aus dem Jahr 1929 von Otto Rudolf Schatz. Foto: Belvedere
Neues lässt sich entdecken in seltsamen Utopien einer
Satellitenstadt, in den Leuchtreklamen und Reportagen – und im Kampf um
die Sexualität: da zogen neue Verhütungsformen gegen Christliches zu
Felde.
Zur Gefahrenzone wird die Großstadt durch ein verruchtes Nachtleben,
sündige Musik (hier etwa vertreten durch das Bild zu Ernst Kreneks
Skandal-Jazzoper "Jonny spielt auf" von Bettina Ehrlich-Bauer), auch
durch die Motorisierung. Apropos Technik: Selbst einen Kampf der
Materialien gibt es im Kunstgewerbe – Keramik mit Folkloremotiv gegen
Bakelit und Futurit.
Gescheiterte Visionen
Die wirkliche Moderne war seinerzeit in der Architektur zu Hause:
Ernst Plischke, Friedrich Kiesler, die Werkbund-Siedlung.. . Das
einzige, recht zaghaft hingestellte Hochhaus im roten Wien machte die
Traumtürme von Zeichnern wie Erika Giovanna Klien und Otto Rudolf
Schatz dann aber zur Utopie. Was bleibt, kurz vor dem "Anschluss", ist
die "Sterbende Stadt" von Alfred Kubin, Depression und das Massenmedium
Radio im politischen "Arsenal der Waffen".
Ausstellung
Kampf um die Stadt – Politik, Kunst und Alltag um 1930
Wolfgang Kos u. a. (Kuratoren)
Wien Museum im Künstlerhaus
Bis 28. März
Printausgabe vom Donnerstag, 19. November 2009
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