Apfelkuchen, Kirsche, Schokolade, Rhabarber, Kürbis, faschierte Bananencreme!“ Die politische Brandrede stammt nicht aus dem Wiener Wahlkampf der letzten Wochen, sondern aus einer Aktion des bedeutenden US-Künstlers und Filmemachers Bruce Conner: 1967 kandidierte er unter dem Slogan „Superconner“ als Stadtrat in San Francisco. Seine Wahlplakate zierte wahlweise ein Babyfoto von ihm oder ein Bild, auf dem er vor einem Elefantenbaby kniete, das er mit dem Wort „Love“ bemalte. Seine Ansprachen absolvierte er mit Rückgriffen auf die Bibel (Lukasevangelium, Leitthema: Lichtmetaphorik in Verbindung mit der Einteilung in Gut und Böse). Oder eben mit seiner Aufzählung von Süßem. Die Frage nach seiner Beschäftigung beantwortete er knapp: „Nichts“. Immerhin 5228 Stimmen konnte Conner damit für sich gewinnen.
Nicht beim Wahlkampf fehlen durften natürlich auch die beiden Ansteck-Buttons, die Conner gern bei seinen Ausstellungen verteilte. Auf einem stand „I am Bruce Conner“. Auf dem anderen „I am not Bruce Conner“. Er verschickte sie gelegentlich an andere Bruce Conners, nachdem er 1964 in Telefonbüchern nach anderen US-Bürgern seines Namens recherchiert hatte und eine Bruce Conner Convention plante, wo das große Schild „Welcome Bruce Conner“ alle Teilnehmer begrüßen sollte.
Mischung aus Ironie und Ernst
Die Mischung aus offensichtlicher Ironie und einem tieferen Ernst, der bei solchen Conner-Projekten in den verhandelten Themen wie Identität oder Politik durchschimmerte, ist bezeichnend für die Ästhetik des sich vom Kunstbetrieb absetzenden Chamäleons Bruce Conner. Er verband – oft sehr unterhaltsame – Komik und spirituelle Dimension, abzulesen schon an seinem ersten Film A Movie (1958), einem bahnbrechenden Werk des Avantgardekinos. Die nur aus gefundenem Material arrangierte, zwölfminütige Raserei besteht vor allem aus Actionszenen von Raketenstarts bis Autokarambolagen – die totale Katastrophe, so unheimlich wie parodistisch übersteigert. Und nebenbei ein Schnellkurs in filmischer (De-)Konstruktion.
Auch die Wahrnehmung von Conner ist, seinem Schaffen angemessen, zwiespältig. Als Experimentalfilmer ist er eine Fixgröße, weniger bekannt ist sein Werk als bildender Künstler. Eine gelungene Schau im MAK führt nun beide Aspekte – mit Schwerpunkt auf den 1970ern – produktiv zusammen und ermöglicht so neue Einblicke. Die Wechselwirkung von Conners Filmarbeiten mit seinen Zeichnungen, Gemälden und Fotos ist augenfällig. Da hat Conner oft Mandalas produziert; und auch sein vielleicht größtes Kinowerk Crossroads (1976) lässt sich als Mandala begreifen: Die Explosion beim ersten Atomwaffentest am Bikiniatoll 1946 aus verschiedensten Perspektiven als schrecklich-schöne Meditation über die Apokalypse. Ein nahezu tröstlicher Gleichmut schwillt an, nachdem etwa zur Hälfte des 36-minütigen Werks die Musik von Terry Riley einsetzt. Der Film ist Teil der Ausstellung, auch die große Videoinstallation Three Screen Ray: ein Triptychon, auf dessen mittlerer Leinwand Conners hochrasant montiertes Frühwerk Cosmic Ray (1961) läuft. „The whole world in five minutes“, hat Conner einst diese Videoclips vorwegnehmende Bilderflut zu Ray Charles' „What I'd say“ beschrieben, im Zusammenspiel mit Seitenflügel-Variationen wirkt sie nun faszinierend gebremst – was wiederum auf ausgestellte, titellose Triptychon-Bilder Conners verweist.
Echter Hopper, falsche Monroe
Auch Stars hat Conner nicht nur in minuziösen Sternenbildern gezeichnet, sondern gekannt – ein Raum ist seiner (Seelen-)Freundschaft mit Dennis Hopper gewidmet –, und ihren Kult hat er abgründig zerlegt. Im Marilyn Times Five (1968-73) räkelt sich zum Monroe-Song „I'm Through With Love“ eine Doppelgängerin der toten Hollywooddiva. Das Wechselspiel von erotischer Attraktion und nekrophiler Perversion, von absurder Fantasie und tragischer Geschichte ist typisch Conner: ein Visionär mit surrealem Durchblick.
Artikel drucken