BUWOG, ÖBV: "GegenLicht - aus drei Perspektiven"
Schreibende Baumskulptur
Von Claudia Aigner
Was fällt den Bäumen wohl als nächstes ein? Das kleine
Einmaleins herunterzubeten und bei den Taferlklasslern einen
Verfolgungswahn auszulösen? Oder fangen sie an, mit ihren Blättern Origami
zu spielen, bevor sie im Herbst die Passanten damit bewerfen, die sich
dann angesichts der kunstvoll gefalteten Schwäne und Fluggeräte
bekreuzigen - vor lauter Wunder? Botanisch aufgewecktere Personen, die
bis zum 31. Dezember bei der ÖBV (Grillparzerstraße 14) hereinschauen und
die die Bäumchen ja schwer übersehen können (ich meine die Bäumchen, in
deren Schatten an der Wand wie ein Menetekel eine geheimnisvolle Botschaft
steht, nämlich "mhmmmhm"), so botanisch wachsame Leute, wie gesagt,
vermuten womöglich eine mysteriöse, geradezu exzentrische Form der
Photosynthese, also der chemischen Prozesse in grünen Pflanzen durch
Lichteinwirkung. In dem Fall: die Umwandlung organischer Substanzen
(grüner Blätter) in anorganische (also Buchstaben, konkret: "mhmmmhm").
Das glauben natürlich nur begnadete Biophantasten und Mutationsvisionäre.
Wir andern geben uns mit der prosaischen Erklärung zufrieden, dass der
"Sprachkünstler" Fred Eerdekens das Laub seiner künstlichen Bäumchen
liebevoll gelichtet, geschnitten und gelegt, kurz: zurechtfrisiert hat wie
ein Friseur (sogar einzelne Blätter verbogen hat) und dann
Scheinwerferlicht durch die "Frisur" jagte. Und den toten, weil
synthetischen Bäumen zumindest schriftlich das Murmeln und Tuscheln der
Blätter zurückgegeben hat: "mhmmmhm". So, jetzt muss ich aber meine
Begeisterung für dieses Opus bremsen. Sonst ist für die andern (immerhin
fast 25 Künstler und -innen: Siegrun Appelt, Silvie Defraouie, IRWIN, Ken
Lum und, und, und) kein Platz mehr. Zum Beispiel für Baruwa, dessen
"Tischlampe" mit ihren "verkehrten" Lichtverhältnissen mir ja auch
ziemlich zusagt. Baruwa lässt da das Licht im physikalischsten Sinne des
Wortes unter den Tisch fallen (mit Hilfe von unter der Tischplatte
montierten Neonröhren). Noch dazu - und das war reiner Zufall oder es war
die Vorsehung - passt der Tisch wie angegossen einer schon viel länger
anwesenden Fotomontage auf dem Fußboden (von Brigitte Kordina), die die
Illusion erzeugt, als würde sich diverses Grünzeug soeben zaghaft zwischen
den Bodenfliesen heraustrauen. Quasi als hätte der Tisch mit seinem Licht
das "Unkraut" aus der stockfinstren Dunkelheit herausgekitzelt, die unter
dem steinernen Fußboden notgedrungen herrscht. Und als hätte das
nunmehrige "Biotop unterm Tisch" sein Leben lang immer nur auf Baruwas
Tisch gewartet. Eigentlich romantisch. Ach ja, die Ausstellung heißt
"GegenLicht", wofür Grita Insam guten Geschmack bewies, um Einiges zum
Thema Licht (Licht im weitesten Sinne, also auch "transluzide" Malerei vom
Brandl) zusammenzutragen. Für drei verschiedene Orte, wo die
Maecenas-Preisträger 2002 daheim sind: in der ÖBV (die erwähnte ich
schon), im BUWOG-Kundenzentrum (Hietzinger Kai 131 - Da sieht es
beispielsweise auf den Fensterscheiben des Cafés aus wie nach einem
willkürlichen Konfettiregen oder nach einer Verdauungsrast eines ganzen
Rieseninsektenstaates, weil Karl-Heinz Klopf den Kaffeetrinkern im Café
punktuell die Sicht aufs Tageslicht versperrt, das von draußen reinkommt),
und die Dritten im Bunde sind die Wiener Linien, die Hüter des
Verkehrs-Orkus von Wien, der hierzulande größte Anbieter von Fortbewegung
unter Tage. Auch da wird man mit Photonen beschossen. Sonst würde man ja
nicht sehen, wo man einsteigt. Dort unten deckt Nika Radic auf, was
die Leute wirklich tun, während sie auf die nächste U-Bahn warten und sich
vertrauensvoll jenem "Babysitter" ausliefern, der sie vermeintlich aus dem
Warten erlöst und der die bequemste Alternative zur Bewegungstherapie mit
Namen "Däumchendrehen" ist (der Infoscreen). Radic unterbricht nun
zeitweise das offizielle Nachrichten- und Werbeprogramm mit Bildern von
wartenden Menschen und zeigt den Leuten am Bahnsteig ungeschönt, was sie
gerade tatsächlich tun: warten. Denn Warten ist das halbe Leben.
Erschienen am: 16.12.2003 |
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