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05.08.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Kritik Ausstellung: Und schnell verschwinden in der Fiktion
VON JOHANNA HOFLEITNER
Die Linzer Landesgalerie zeigt die erste Österreich-Personale der gebürtigen Indonesierin Fiona Tan.

Starr und unbeweglich steht die junge Frau im grünen Tarnanzug in der Menge, links und rechts umspült von hektisch vorbeieilenden Menschen. Der Passantenstrom scheint endlos, nicht zuletzt, weil die mittels Video in den Ausstellungssaal gespielte Szene im Dauerloop läuft. Der Umstand, dass "n. T. (Leidsestr.)" in Form eines einfachen, auf einem Sockel postierten Monitors präsentiert wird, verleiht der Arbeit eine skulpturale Anmutung, die die irritierende Reglosigkeit der Akteurin aufzugreifen scheint.

Dieses Ausbalancieren von Form, Genre und Inhalt ist typisch für Fiona Tans Arbeitsweise. Damit hat sie das Publikum bereits an der "documenta 11" beeindruckt. Jetzt windet sie sich wie ein roter Faden durch ihre erste Österreich-Personale "Mirror maker" in der Linzer Landesgalerie.

In sieben Rauminstallationen scheint sich die Realität wie in Spiegeln zu brechen. "Vox Populi" etwa, ein Schwarm von 267 säuberlich gerahmten, lose neben- wie übereinander gehängten Fotos auf einer Wand: unterschiedlichste Familien- und Erinnerungsfotos, wie sich bei näherem Hinsehen erweist. Geht man den Bilderbogen ab, wird die Arbeit lesbar als modernes Epos über den Lauf des Lebens.

Aus unterschiedlichen Alben norwegischer Bürger und Bürgerinnen entlehnt, erzählen die auf eine Art museales Kleinformat vergrößerten Schnappschüsse von der Geburt, vom Erwachsenwerden, von Ausbildung, gemeinschaftlichen Ritualen wie Tanzen, Feiern, Trauern, vom Altern und vom Sterben - aber auch vom sich wandelnden Stellenwert der Amateurfotografie im Zeitalter von Handycam und Digitalfotografie.

Wie schon zuvor scheint Fiona Tan hier den Augenblick einzufrieren. Überhaupt ist die fragile Balance zwischen der teilweise magischen Kraft der Bilder und dem Moment der Zeitlichkeit ein Faszinosum dieser Schau. Präzise arbeitet Tan darauf auch mit der Blackbox-Installation "Tuareg" hin: einem humorvollen Dokumentarfilmfragment aus den 1920er-Jahren, das Tuaregs zeigt, die für ein Gruppenporträt posieren. Anstelle des erwarteten Bildnisses holt Tan aber mittels lebensgroßer Doppelprojektion das Kichern, Schubsen und Necken, wie es einer jeden derartigen Situation vorausgeht, in die durchs Video konstruierte Gegenwart.

"Mich interessiert der Zwischenbereich von Film und Fotografie", sagte Tan kürzlich. In der Aussage liegt der Schlüssel zu dieser so poetischen wie nachdenklich machenden Schau verborgen, die von Beobachtungen mehr als von Behauptungen, von Übergängen und Zuständen mehr als von Handlungen erzählt, wenngleich sie mit Mitteln arbeitet, die fürs Erzählerische und Dokumentarische prädestiniert scheinen.

Die führt die Künstlerin auch ins Treffen bei "Countenance": Die SW-Porträts dieser Installation wurden alle per Video generiert. In einer Vierfachprojektion zeichnet sie hier ein unvollständiges Porträt der Berliner Nach-Wende-Gesellschaft, dessen systematische Unterteilung in unterschiedliche Berufsgruppen an August Sanders' berühmtes, unvollendet gebliebenes Mappenwerk "Menschen im 20. Jahrhundert" erinnert.

Lange hat die heute in Holland lebende gebürtige Indonesierin, deren Familie aufgrund des Militärputsches 1965 die Heimat verlassen musste, ihre eigene Geschichte zurückgestellt. Erst in ihrer neuesten, tagebuchartigen Arbeit "Changeling" ("Kuckuckskind") spielt sie darauf an und bringt scheinbar biografische Elemente ins Spiel - um in dem von Hannah Schygulla vorgetragenen tagebuchartigen Text sogleich wieder in der Fiktion zu verschwinden.

Noch bis 13. 8. http://www.landesgalerie.at/

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